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ARTENVIELFALT BEDROHT

MEDIKAMENTE UND PESTIZIDE IN DER NAHRUNGSKETTE

Es ist wahrscheinlich unstrittig, dass der Anspruch an den Einsatz von Weidetieren im Naturschutz der einer artgerechten und ökologischen Tierhaltung sein sollte. Grundsätzlich bedeutet dies, dass der Einsatz von Medikamenten durch geeignete Haltungsbedingungen, angemessene Besatzstärken und den Einsatz robuster und standortangepasster Rassen weitestgehend zu vermeiden ist. Gelegentlich kann jedoch auch in der guten fachlichen Praxis der Einsatz von Medikamenten zur Gewährleistung von Wohlbefinden und Tiergesundheit notwendig sein. Besonders bei der Behandlung gegen Endo- und Ektoparasiten sind hier einige Wechselwirkungen in dem Dreieck Tier – Medikament – Lebensraum zu berücksichtigen, denn der Einfluss des Medikaments geht über „den eigentlichen Patienten“ hinaus.

Weidetiere beeinflussen landschaftliche Strukturvielfalt nicht ausschließlich durch ihr Bewegungs- und Fraßverhalten. Auch durch ihre Ausscheidungen prägen sie den Artenreichtum von Offenlandlebensräumen. Zahllosen kotverwertenden Organismen wie Fliegen, Käfern und Fadenwürmern dient der anfallende Dung der großen Pflanzenfresser als Nahrung. Aus den rund 30 Kilogramm Dung, die ein Rind pro Tag ausscheidet, entsteht im Idealfall eine nicht unbeträchtliche Menge an Insektenbiomasse, welche als wesentliche Nahrungsressource für Vögel, Fledermäuse, Amphibien, Reptilien aber auch für andere räuberisch lebende Insekten zu verstehen ist.
Möchte man dieses Potenzial zugunsten der Erhaltung biologischer Vielfalt nutzen, ist es dringend notwendig, auf die in der Nutztierhaltung weitverbreitete, regelmäßige prophylaktische Behandlung der Weidetiere mit Antiparasitika zu verzichten. Viele der eingesetzten Präparate und deren Abbauprodukte werden nach der Passage des Stoffwechsels über den Kot der Weidetiere ausgeschieden.
Besonders Präparate aus der Familie der Avermectine, die in der Nutztierhaltung gängig sind, gelangen darüber, trotz korrekter Anwendung, ins Ökosystem, wo sie entsprechend der Gebrauchsinformationen erhebliche Schäden anrichten können. Die potenzielle Auswaschung und die damit verbundene Beeinträchtigung von Wasserorganismen sowie die Toxizität für dungverwertende Insekten wird explizit hervorgehoben.
Im Sinne der Förderung einer artenreichen Insektenwelt ist insbesondere für Naturschutzflächen ein verantwortungsbewusster Umgang mit diesen Medikamenten anzustreben. Dies beinhaltet, dass Antiparasitika grundsätzlich nur bei nachgewiesenem Befall und dann einzeltiergenau verabreicht werden sollten. Sinnvoll ist zudem eine Behandlung in den Wintermonaten, wenn möglich auf Teilflächen, auf denen der belastete Dung unkompliziert beräumt werden kann. Der Zugang zu offenen Gewässern muss den Tieren nach Behandlung für einen angemessenen Zeitraum verwehrt werden.


Max Jung
ist Master of Science für Landschaftsarchitektur & Umweltplanung
 

                                                                                                                                                                           

INFO


PESTIZIDE AUF WEIDEN SIND EINE BEDROHUNG FÜR DIE VOGELWELT
Im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Weidevögeln wurden von Jelmer Buijs und Margriet Mantingh in der niederländischen Provinz Gelderland 24 Viehwirtschaften auf die Belastung mit 685 Pestiziden und antiparasitären Medikamenten untersucht.
In 88 Proben von Kraftfutter, Dung und Boden wurden 134 verschiedene Fungizide, Herbizide, Insektizide und Biozide in ökologisch relevanten Konzentrationen gefunden. Insgesamt 116 Pestizide wurden in 16 konventionellen Betrieben nachgewiesen und 71 in 9 ökologischen Betrieben. Keine einzige Probe war frei von Pestiziden. Die Menge der Rückstände im Boden und im Dung war bei ökologischer Bewirtschaftung 14 Prozent und 42 Prozent niedriger als in konventionellen Betrieben.
Aus den gesammelten Daten lässt sich schlussfolgern, dass das Ökosystem Weide durch die Menge der dort vorhandenen Pestizide bedroht wird. Dies wurde auch dadurch bestätigt, dass auf den meisten der kontaminierten Flächen im frischen Kuhmist (auf der Weide) keine oder kaum Coleoptera (Käfer) gefunden wurden. Diese aktuelle Untersuchung zeigt, dass Weidevogelgebiete großen Mengen an Pestiziden, darunter viele sehr giftige Insektizide, Fungizide und Herbizide, ausgesetzt sind, die die Insektenfauna und damit die Nahrungsgrundlage der Vögel ernsthaft gefährden.

Infos zu dem Projekt: PD Dr. Werner Kratz (FU Berlin & NABU Brandenburg) steht in Kontakt zu dem Forscherteam und plant mit dem Forscherteam weitere diesbezügliche Projekte auch in Deutschland.
Der Bericht (in niederländischer Sprache mit Zusammenfassung auf Deutsch, Russisch und Englisch)
http://nvlv.nl/downloads/Weidevogels_Buijs_Mantingh.pdf

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