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LEBEN MIT DEM WOLF

EIN KLEINER BLICK NACH POLEN UND IN DIE NIEDERLANDE

Bei keinem anderen großen Landraubtier in Europa sind die Gemüter so erhitzt und werden Konflikte so extrem ausgespielt wie beim Wolf. Reißen, z.B. in Skandinavien, Bären, Luchse und Vielfraße weitläufig Weidetiere, ist es doch der Wolf, der als einziger bis fast zur Ausrottung verfolgt wird. Mit dem Aussterben der großen Raubtiere in Deutschland ist auch viel Wissen im Umgang mit ihnen verlorengegangen. Da lohnt ein Blick zu den europäischen Nachbarn Polen und Niederlande, um sich dort Inspirationen im Umgang mit dem Wolf zu holen, wenn nicht gar das eine oder andere abzuschauen.

„Das wichtigste Thema im Wolfsschutz ist die öffentliche Meinung“, verkündet 1995 der italienische Biologe L. Boitani. Über die Jahre hinweg zeigen Studien immer wieder, dass die menschliche Akzeptanz des Wolfes das Bestehen oder Fallen von Management-Maßnahmen bestimmen.

In unserem Nachbarland Polen, mit denen sich Deutschland die Mitteleuropäische Population teilt, waren Wölfe trotz politischer Streitigkeiten nie ganz ausgerottet. Folglich hat es dort immer eine Art Wolfsmanagement gegeben. Der Wolf ist auch in Polen eine streng geschützte Art nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und darf, obwohl er als Anhang-V-Art gelistet ist, nicht einfach bejagt werden. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Wolfmanagement auf die Naturschutzbehörden der Länder verteilt ist, gibt es in Polen ein zentralisiertes Managementsystem (Umweltministerium und die Generaldirektion für Umweltschutz). Dabei beschränkt sich das Land bei Maßnahmen vor allem auf Ausgleichszahlungen von Nutztierrissen. Finanzielle Unterstützung für die Anschaffung von Präventionsmaßnahmen wie Zäune usw. ist meist nur durch Projekte geregelt.

Europaweite Studien zeigen, illegale Tötungen von Wölfen zählen zu den Hauptfaktoren, warum Schutzmaßnahmen versagen. Abschussquoten oder zugewiesene Wolfsgebiete ändern kaum etwas an dem illegalen Verhalten. Dabei sind illegale Tötungen von Wölfen vor allem ein Ausdruck für andere Konflikte. So sind es in Polen meist die Jäger, die den Wolf als Konkurrent sehen, ihn generell ablehnen oder sogar fürchten. (BfN-Skript 356)

 

Europaweite Studien zeigen, gut eingesetzter Herdenschutz mit Zäunen und/oder Hunden ist nicht nur der beste Schutz für Nutztiere, sondern auch der schnellste Weg, den Wolf zu akzeptieren.

Dagegen sind aufgrund eines gut etablierten Kompensations-Systems in Polen und einer recht funktionalen Gesetzeslage Konflikte mit Weidetierhaltern selten. Auch wenn Ausgleichszahlungen, bzw. finanzielle Erstattungen der gerissenen Tiere, nicht auf Platz 1 der Maßnahmen stehen, um die Einstellung dem Wolf gegenüber zu verbessern, sind sie doch ein sehr guter Anfang, die in Polen zu einer relativ guten Akzeptanz des Wolfes führen.

Die Niederländer machen vor, wie die Stimmung aussehen kann, wenn sich ein Land gut auf den Einzug von großen Raubtieren vorbereitet. Bereits sechs Jahre bevor sich überhaupt ein Wolf dem Land näherte, wurde die Plattform „wolven in nederland“ (www.wolveninnederland.nl) gegründet. Dieser Zusammenschluss aus verschiedensten Interessenverbänden (u. a. Natur- und Landschaftsschutz, Jäger), hat sich von Anfang an darum bemüht, die Öffentlichkeit und die vom Wolf direkt betroffenen Menschen, wie Schäfer und Bauern, gut zu informieren und Fakten von Mythen zu trennen. Das Ziel, durch landesweite Vorbereitungen mögliche Schäden durch Wölfe gering zu halten, ist bisher gelungen und die Öffentlichkeit ist dem Wolf gegenüber generell freundlich gestimmt. Im Naturschutzgebiet „De Hoge Veluwe“ leben neben wilden Koniks und Mufflons die ersten Wölfe im Land. Ein eigenartiger Umstand macht es den Schafhaltern, die dort viele Flächen durch Beweidung mit Schafen vor dem Verwalden schützen, leicht, den Wolf zu akzeptieren. Diese Schafe grasen ohne Zäune oder Hunde als Schutz auf der Veluwe. Trotzdem wurde noch keines der Tiere gerissen. Einem der Koordinatoren des Projekts zu Folge, kämen die ansässigen Wölfe aus Deutschland, wo sie gelernt hätten, die dort geschützten Schafe nicht als Beutetiere anzusehen. So jagen die Wölfe auf der Veluwe, wie übrigens die meisten Wölfe in Europa, vor allem Rot- und Rehwild.

 

„Durch den Wolf sind wir zusammengekommen, jetzt können wir dank des erarbeiteten Respekts voreinander viele schwierige Probleme im Land gemeinsam angehen“.

Nun lässt sich leicht behaupten mit so wenig Wölfen ist das Leben natürlich leichter als anderswo. Der Knackpunkt sind aber nicht die Zahlen, sondern der Umgang und die Akzeptanz. Für den Wolf kamen Menschen aus den unterschiedlichsten Interessengruppen zusammen. Den Niederländern ist es gelungen, eine respektvolle Diskussionskultur, z. B. in Gesprächsrunden mit Tierschützern und Jägern, zu etablieren. Trotz geringer Wolfszahlen muss bedacht werden, wie groß die Probleme in den Niederlanden sein könnten. Das Land hat eine der höchsten Bevölkerungsdichten der Welt. 50 Prozent der Landwirtschaftsflächen werden für Weidetierhaltung gebraucht. Ursprüngliche Wälder gibt es keine, der Großteil der Landesflächen wird intensiv genutzt für Landwirtschaft und Städtebau. Umso bemerkenswerter ist, wie die Niederländer mit den wilden Großraubtieren leben. Auch die Absprache mit der Presse funktioniert auf erstaunliche Weise. Schickt eine Privatperson ein Foto von einem vermeintlichen Wolf an eine Pressestelle, wird dieses zuerst an „wolven in nederland“ weitergeleitet, um es verifizieren zu lassen. Erst dann wird die Meldung ohne genaue Ortsangaben veröffentlicht, um eventuellen Nachstellern ihr Werk von vornherein zu vereiteln. Wölfe werden übrigens recht häufig in den Niederlanden beobachtet. Bei einem so menschenreichen Land kaum zu vermeiden. Diese Wölfe werden aber deswegen nicht gleich als „Problemwölfe“ deklariert. Der Blick auf diese beiden Länder zeigt, dass es, trotz unterschiedlicher Ausgangssituationen, möglich ist, eine politische Landschaft eines unaufgeregten Umgangs mit dem Wolf zu etablieren.

Birte Brechlin
Referentin Wolfs- und Wildtier- und Artenschutz beim NABU

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