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GIFTPFLANZEN IN WEIDELANDSCHAFTEN

VOR ALLEM IM HEU WERDEN „WEIDEUNKRÄUTER“ ZUR GEFAHR

Halboffene Weidelandschaften, in denen Weidetiere wie Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen ganzjährig in geringer Besatzstärke weidend für strukturreiche Lebensräume sorgen, etablieren sich mehr und mehr in der Praxis des zeitgenössischen Naturschutzes. Denn zweifelsohne ist der Einsatz großer Pflanzenfresser unter passenden Bedingungen ein Garant für Artenvielfalt. Neben unzähligen gewünschten Arten profitieren allerdings auch einige giftige Arten, oftmals als „Weideunkräuter“ bezeichnet, von dem Einfluss der Beweidung.

Für das Land Brandenburg veröffentlichte das Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung unter dem Titel „Giftpflanzen auf Wiesen und Weiden“ eine Übersicht an relevanten Pflanzenarten, die sich durch eingelagerte Giftstoffe gegen mögliche Fressfeinde schützen und somit als potenzielle Gefahr in der Weidelandschaft gesehen werden können. Im Folgenden werden drei Arten vorgestellt, die auf extensivierten oder auch langjährig naturnah genutzten Standorten von mittlerer bis geringer Bodenfeuchte häufig vorkommen: Sowohl das auffällig gelbblühende Jakobs-Kreuzkraut (Senecio jacobaea) als auch die bläulich grüne Zypressenwolfsmilch (Euphorbia cyparissias) oder der weißblühende Gefleckte Schierling (Conium maculatum) sind einheimische Arten, die bei uns in entsprechende Biozonösen, also Wechselwirkungen mit anderen Organismen, eingebunden sind. Sie als „Weideunkräuter“ zu verdammen, wäre unter dem Paradigma des Naturschutzes folglich falsch. Durch konventionelle und intensive Landnutzung verdrängt, finden die genannten Arten in der Strukturvielfalt extensiver Weiden ideale Wachstumsbedingungen: Bodenverwundungen, egal ob durch Tritt, Wälzen oder anderes Komfortverhalten der Weidetiere entstanden, sowie eine lückige Vegetation bieten ihnen ein optimales Keimbett. Besonders beim Jakobs-Kreuzkraut führen großflächige Störstellen im Boden oft zu einer plötzlichen und massenhaften Vermehrung, denn die Diasporen können lange Zeit schlafend im Boden überdauern.

Traditionen zulassen
Vergiftungen durch Pflanzen gehören bei ganzjährig naturnah gehaltenen Weidetieren eher zur Seltenheit. Von erfahrenen Individuen werden die giftigen Pflanzen im frischen Zustand meist verschmäht, da die enthaltenen Alkaloide bei Kreuzkraut und Co. für einen schlechten Geschmack sorgen. Bei ausreichendem alternativem Futterangebot besteht für die Tiere folglich wenig Grund, diese Pflanzen aufzunehmen. Kleine Wiederkäuer, insbesondere Ziegen, gelten grundsätzlich als weniger empfindlich für Pflanzengifte, sodass ein geringfügiges und unschädliches Befressen der genannten Pflanzen beobachtet werden kann. Aber auch hier gilt: Gewachsene Herdenstrukturen mit erfahrenen Leittieren geben das Wissen im Umgang mit ungenießbaren Pflanzen zuverlässig an Jungtiere weiter. Sie sind somit die wichtigste Präventionsmaßnahme gegen Vergiftungen auf ganzjährigen und extensiven Standweiden.

Im Heu nicht mehr erkennbar
Problematisch werden Giftpflanzen erst, wenn sie im größeren Umfang in Mähwiesen einwandern. Im getrockneten oder vergorenem Zustand verlieren viele der Pflanzen ihren abschreckenden Geschmack und können von den Tieren nicht mehr zuverlässig ausselektiert werden. Die Giftigkeit bleibt bei Arten wie Kreuzkraut, Schierling und Wolfsmilch jedoch uneingeschränkt bestehen. Besonders tückisch sind Vergiftungen durch Jakobs-Kreuzkraut-haltiges Heu, da die enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide als Kumulationsgift erst bei längerfristigem Verzehr durch Anreicherung im Körper zu schwerwiegenden und irreversiblen Leberschäden führen. Erkannt werden diese Vergiftungen meist erst, wenn die kritische Aufnahmemenge überschritten ist. Übermäßig mit Giftpflanzen versetztes Heu darf folglich unter keinen Umständen angeboten werden.

Gegenmaßnahmen gegen Kreuzkraut und Co.
Um eine übermäßige Ausbreitung einzudämmen, können aufkommende Einzelpflanzen direkt mit Wurzeln ausgestochen und sicher entsorgt werden. Aber Achtung: Auch ausgerissene Pflanzen reifen noch nach und können das Problem verschlimmern. Allgemein können Vorkommen partiell durch Förderung einer geschlossenen Grasnarbe und Mahd vor der Blüte geschwächt werden. Auch das Mahdgut muss unbedingt sicher entsorgt werden. Es darf unter keinen Umständen als Futtermittel oder Einstreu genutzt werden. Auf den vom Naturschutzförderverein Döberitzer Heide e. V. seit 1992 gepflegten Weideflächen im NSG Ferbitzer Bruch regulierten sich temporär aufflammende Bestände des Jakobs-Kreuzkrautes in der Regel jedoch ohne größeres Zutun selbst. Abschließend sei gesagt, dass eine verharmlosende Laissez-faire-Haltung im Umgang mit potenziellen Giftpflanzen in der Weidelandschaft ebenso vermieden werden sollte, wie ausbrechende Panik und Vernichtungswut. Vielmehr unterstreicht ihr Vorkommen die Wichtigkeit, dass der Einsatz von Tieren in der Landschaftspflege eines umfassenden Erfahrungs- und Wissensschatzes bedarf. Jeder Tierhalter muss in der Lage sein, mögliche Gesundheitsrisiken – zu denen eben auch giftige Weideunkräuter zählen – für seine Tiere sachlich und fachlich fundiert einzuschätzen, um bei Bedarf geeignete Präventionsmaßnahmen einleiten zu können.


Max Jung
Stellvertretender Vorsitzender im Naturschutz-Förderverein Döberitzer Heide e.V.

 

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