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SCHWEINE AN LUFT UND SONNE

LANDSCHAFTSPFLEGE MIT ALTEN RASSEN

Die Waldmast war über Jahrhunderte die gängigste Form der Schweinehaltung, da sie eine der wenigen Möglichkeiten bot, Eicheln und Bucheckern in hochwertiges Schweinefleisch und Fett zu verwandeln und so für die menschliche Nahrung zugänglich zu machen. Der Wert mancher Waldstücke bemaß sich in manchen Regionen nach der Zahl der Schweine, die in diesen gehalten werden konnten. Mit der aufkommenden Intensivierung der Landwirtschaft und der Möglichkeit, das Futter für die Mast anzubauen, wurden die Schweine immer weiter in die Ställe gedrängt.

Früher wurden Schweine von einem oder mehreren Hirten an Orte geführt, die das größtmögliche Nahrungsangebot für die Tiere versprachen, die sogenannte Huthaltung. Das konnte die Nachnutzung von abgeernteten Ackerflächen, Streuobstwiesen, Flussauen und natürlich die Waldmast sein. Das Wissen der Hirten um das Nahrungsangebot war entscheidend für die Fütterung der Schweine und natürlich deren Gewichtszunahme. Die Rassen waren an die Weidehaltung angepasst und unterschieden sich stark von den heutigen Hausschweinen. Veränderte Essgewohnheiten, hin zu magerem Schweinefleisch, führte zur Zucht neuer Rassen.

Bis weit in die 1970er Jahre wurden noch Muttersäue im Freiland gehalten, mit Aufkommen der Schweinepest verschwanden auch sie in den Ställen. Die Schweinepest, sowohl die Klassische wie auch die Afrikanische, ist auch heute noch die größte Bedrohung für die Freilandhaltung. Um das Ausbreiten der Krankheiten zu verhindern, hat der Gesetzgeber in der Bundesrepublik mit der Schweinehaltungshygieneverordnung hohe Hürden an die Freilandhaltung gesetzt. In Deutschland muss die Haltung von Schweinen im Freiland vom Veterinäramt genehmigt werden und ist mit zahlreichen Auflagen verbunden: u. a. eine doppelte Einfriedung des Betriebes mit verschließbaren Toren ist anzubringen, Zugänge müssen gegen unbefugten Zutritt gesichert werden, Hygieneschleusen vorhanden sein. Außerdem dürfen Schweine nicht mit anderen Weidetieren vergesellschaftet werden. Diese Auflagen machen eine kurzzeitige Weidehaltung unrentabel, da in teure Weidetechnik, Schutzhütten oder Unterstände und Stallbauten investiert werden muss. Die Auflagen sollen die Übertragung von Krankheiten aus dem Wildtierbestand auf die Hausschweine verhindern. Wie groß die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest ist, zeigt sich im Zaunbau: Dänemark will sich mit einem 70 Kilometer langen Zaun vor Wildschweinen aus Deutschland schützen; Luxemburg baut einen 8 Kilometer langen Zaun an der Grenze zu Belgien, wo erste Fälle der Afrikanischen Schweinepest aufgetreten sind.

Durch sein Wühlverhalten bei der Nahrungssuche, nimmt das Schwein direkt gestalterisch Einfluss auf die Natur. Landwirte werden dies bestätigen, wenn sie über eine Fläche fahren, in der eine Rotte Wildschweine nach Engerlingen, Mäusenestern oder Wurzeln gewühlt hat; so durchwühlen Wildschweine eine Fläche von vier Hektar pro Tier und Jahr. Eine immense Leistung. Deshalb eignen sich Schweine sehr gut für Biotope, die auf zeitweise Störungen in der Vegetationsperiode angewiesen sind, dort werden vor allem Pionierarten gefördert, besonders konkurrenzschwache und einjährige Arten profitieren von der Wühltätigkeit der Tiere. Schweine können besonders gut in Feuchtgebieten gehalten werden, dort wo kleine Wiederkäuer gesundheitsbedingt Probleme haben. In den Save-Auen im Naturpark Loskommen Polesje (Kroatien), ein Feuchtgebiet von europäischem Rang, wird noch Hutbeweidung in großem Umfang betrieben, neben dem dort beheimateten Turopolje-Schwein werden auch Posaviner Pferde und Podolac-Rinder zur Pflege und Erhaltung des Gebietes eingesetzt.
Auch in Deutschland gab es Versuche, das Schwein für die Landschaftspflege zu nutzen, leider war keiner davon nachhaltig. Ein Betrieb in Unterfranken, das Eichelschwein, in der Nähe von Iphofen und der Basdorfer Hutewald e.V., im Nationalpark Nationalpark Kellerwald-Edersee haben sich zum Ziel gesetzt, die Waldmast für Schweine zu erhalten. Die Waldmast ist stark an die Waldformen des Hute- und Mittelwaldes gebunden, die es heute leider nur noch sehr selten gibt und besonders artenreich und schutzwürdig sind. Ein Beispiel für einen Hutewald sind die spanischen Dehesas, in denen die berühmten Iberico oder Pata Negro Schweine weiden und sich von den Früchten der Kork- und Steineichen ernähren.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich Schweine, besonders die alten pigmentierten Landrassen, sehr gut für die Landschaftspflege und die ganzjährige Freilandhaltung eignen. Die Bedrohung durch Seuchen und die damit verbundenen Auflagen an die Freilandhaltung machen es fast unmöglich, diese wirtschaftlich zu betreiben. In den Zeiten eines voranschreitenden Klimawandels und ein damit einhergehender Umbau unserer Wälder könnte die Waldmast als eine Erhöhung der Wertschöpfung der Fläche wieder interessant machen. Dem Schwein als Nutztier wäre es zu wünschen.


Günter Oberle
hat an der HNE Eberswalde Ökolandbau und Vermarktung studiert, in seiner Bachelor-Arbeit befasste er sich mit dem Thema Waldmast

                                                                                                                                                                           

INFO

Bei entsprechender Gewöhnung (Beginn im Sommerhalbjahr) können grundsätzlich alle Rassen im Freiland gehalten werden. Aufgrund höherer Widerstandsfähigkeit und besserer Verwertung energiearmen Grundfutters eignen sich vor allem alte Schweinerassen wie Deutsches Sattelschwein, Buntes Bentheimer Schwein, Rotbuntes Husumer Schwein, Deutsche Landrasse Universal (DLU), Wollschwein (Mangalitza) oder Düppeler Weideschwein zur Landschaftspflege. Schwere Rassen wie Angler Sattelschwein oder Schwäbisch-Hällisches Landschwein neigen bei unebenem Bodenrelief oder gefrorenem Boden zu Gelenkschäden. Helle Hautpartien der Schweine sind im Sommer sonnenbrandgefährdet.
Als Allesfresser ist das Schwein in der Lage, vielfältige Futterquellen zu nutzen: der größte Anteil macht Grünfutter und andere pflanzliche Kost (Wurzeln, Knollen) und Raufutter aus, aber auch tierisches Futter wird gut verwertet. Das Schwein kann saisonales Überangebot von Nahrungsüberangebot sehr gut in Gewicht umsetzen.
Eichelschwein: https://www.eichelschwein.de/
Basdorfer Hutewald e.V.: http://www.hutewald-basdorf.de/

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