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DER DEUTSCHE WALD – EIN AKUTER SANIERUNGSFALL

WALDEXPERTEN WARNEN VOR AKTIONISMUS IN DER WALDKRISE UND FORDERN EIN ENDE VON „HOLZFABRIKEN“

Das „Geschäftsmodell“ der heutigen Forstwirtschaft sind ökologisch hoch instabile, naturferne Kunstforsten, die im Zuge des fortschreitenden Klimawandels infolge Dürre, Windwurf und Borkenkäferbefall immer mehr absterben. Diese Katastrophen, die sich vor allem in den letzten beiden Jahren abgezeichnet haben, sind nicht ausschließlich naturgegeben, sondern vielmehr die Folge einer seit Jahrzehnten auf Nadelholz fixierten Forstbewirtschaftung.

In Deutschland sind rund 55 Prozent der Forstbestände aus Nadelhölzern aufgebaut, in Ostdeutschland hauptsächlich aus Kiefern, in Westdeutschland vor allem aus der „borealen“ Hochgebirgsbaumart Fichte, die die zunehmende Klimaerwärmung nicht mehr verträgt. Noch bis vor kurzem setzten viele Forstbetriebe weiter auf diese hoch risikoreiche Baumart. Neben der nadelholzorientierten, vornehmlich ökonomisch begründeten Baumartenauswahl belastet und schwächt die intensive, am Altersklassenprinzip orientierte Bewirtschaftung der Wälder mit großflächigen Schirmschlägen das Wald-Ökosystem zunehmend. Die fatale Kombination aus falscher Baumartenwahl, naturwidriger Bewirtschaftung sowie einer Jagdpraxis, die eine explosionsartige Zunahme der Schalenwildpopulationen zulässt, muss zwangsläufig in einer Katastrophe enden. Nach außen hin wird dieses gescheiterte „Geschäftsmodell“ aber als „naturgemäß“ verkauft.
Und die konventionelle Forstwirtschaft setzt weiterhin auf untaugliche Strategien, dabei werden verstärkt Nutzbaumarten, wie z. B. die aus Nordamerika importierte Douglasie, gepflanzt. Ein hochkarätig mit Forstlobbyisten besetzter „Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik“ (angesiedelt beim zuständigen Bundesforstministerium) forderte gar, den Nadelholzanteil bundesweit auf 70 Prozent der bestehenden Waldfläche zu erhöhen und den Douglasien-Anteil zu verzehnfachen. Dringend geboten wäre es hingegen, das zu fördern, was dem deutschen Wald am meisten fehlt: Naturnähe. Die Frage, wie wir zukünftig mit unseren Wäldern umgehen wollen, ist von großer gesellschaftlicher Relevanz. Die Dürrejahre 2018 und 2019 sollten Anlass genug sein, die Waldwende umgehend einzuleiten – weg von dem klassischen Leitbild der „Holzfabrik“! Vor allem unsere öffentlichen Wälder benötigen dringend ein neues „Geschäftsmodell“, das dem Wald als natürliches Ökosystem alle notwendigen Spielräume lässt, um selbstregulierend auf Umweltveränderungen reagieren zu können.


Norbert Panek
erstellte zahlreiche Gutachten und Publikationen zu Wald-Themen und ist Mitglied der BundesBürgerInitiative WaldSchutz.

                                                                                                                                                    

INFO

Angesichts der unbestrittenen Waldkrise und als Antwort auf den Anfang August 2019 von fünf Forstressortchefs der unionsgeführten Länder Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen verabschiedeten „Masterplan“ wandten sich Waldexperten, Forstpraktiker, Waldbesitzer und Verbändevertreter in einem offenen Brief an die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Julia Klöckner. In den Augen der Fachleute ist das „aktuelle Krisenmanagement der Forstwirtschaft rückwärts gewandt und waldschädlich“. Stattdessen fordern sie eine Abkehr von der konventionellen Forstwirtschaft.

„Wir fordern die staatliche Forstwirtschaft auf, anstelle von teurem Aktionismus endlich eine sachkundige Fehleranalyse des eigenen Wirkens vorzunehmen und dabei alle Akteure mit einzubeziehen. Gefordert werden eine konsequente Abkehr von der Plantagenwirtschaft und eine radikale Hinwendung zu einem Management, das den Wald als Ökosystem und nicht mehr länger als Holzfabrik behandelt.“ „Wir brauchen endlich eine Waldwende, die die natürlichen Produktionskräfte des Waldes stärkt und nicht weiter schwächt. Darum ist zunächst die Forstwirtschaft selbst gefragt, betriebliche Stressoren zurückzunehmen und bei der Wiederbewaldung auf die Natur zu setzen.“ (Wilhelm Bode ehemaliger Leiter der saarländischen Forstverwaltung)

„Die derzeitige Waldkrise in Deutschland ist nicht allein eine Folge des Klimawandels – auch die Art der Waldbewirtschaftung trägt eine erhebliche Mitverantwortung. Es gibt zu viele struktur- und artenarme Wälder, die durch zu viele Wege zerschnitten wurden. Waldböden werden zu intensiv befahren, und vielerorts ist das Waldinnenklima durch Auflichtung und zu starke Holzentnahme geschädigt." (Prof. Pierre Ibisch, Waldökologe und Naturschutzwissenschaftler)

„Wir brauchen endlich Ruhepausen für den Wald in Deutschland, der jahrhundertelang ausgebeutet wurde. Wir brauchen ein neues, ökologisch orientiertes Konzept für den zukünftigen Wald, – keinen hektischen ,Waldumbau‘, sondern schlicht Waldentwicklung – hin zu mehr Naturnähe, die dem Wald als Ökosystem den notwendigen Spielraum belässt, selbstregulierend auf die sich abzeichnenden Umweltveränderungen reagieren zu können.“ (Mit-Initiator und Waldschützer Norbert Panek)

„Es wäre Steuergeldverschwendung, jetzt Millionen von Bäumen zu pflanzen, wenn diese vom Wild gefressen werden wie bisher. Eine waldverträgliche Verringerung des Wildbestandes ist dringender als je zuvor." (László Maraz der AG Wald des Forum Umwelt und Entwicklung)

Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören neben Wissenschaftlern Forstexperten mit jahrzehntelanger Erfahrung, Chefs von Umweltverbänden wie etwa Deutscher Naturschutzring, Greenpeace, NABU, Naturfreunde und die Deutsche Umweltstiftung, Vertreter von Bürgerinitiativen und namhafte Autoren wie Franz Alt oder Peter Wohlleben. Den vollständigen Brief können Sie hier lesen und herunterladen: https://www.deutscheumweltstiftung.de/waldkrise/

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