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NISTHÖHLENKÄSTEN IM WALD

NISTHILFE ODER BRUTFALLE?

Die Rolle der Marderartigen und Katzen als typische Nistkastenräuber ist hinlänglich bekannt. Entsprechende „mardersichere“ Nistkastentypen wurden vielfältig entwickelt, die allesamt durch einen vergrößerten Abstand zwischen Flugloch und Brutraum als Eingreifschutz gekennzeichnet sind. Der flächendeckend verbreitete Waschbär ist allerdings als kletterfähiger Allesfresser mit langen Vorderläufen und ausgeprägtem Tastsinn nachweislich fähig, auch diese Marderschutzvorrichtungen zu überwinden.

Im Rahmen eines Drittmittelprojektes (Ri-Ma-Wald; nm 3/2019, S. 40) führt der Landesbetrieb Forst Brandenburg in Südbrandenburger Kiefernwäldern großflächig Nistkastenuntersuchungen mit über 350 Höhlennistkästen durch. Dabei kommt es zu einer lokal hohen Raubaktivität von Baummarder und Waschbär mit erheblichen Verlusten der Brutnester. Der Einsatz von Wildkameras im Nahbereich der Nistkästen offenbarte aufschlussreiche Verhaltensmuster der Nesträuber. Das macht eine kritische Beurteilung der verwendeten Nistkastentypen notwendig und unterstreicht die Dringlichkeit des Einsatzes räubersicherer Nistkästen im Wald.
Nistkästen stellen nach wie vor eine sinnvolle Ergänzung bzw. einen Ersatz von Vogel-Brutstätten (Naturhöhlen) in höhlenarmen Waldbeständen dar. Lokal wird mitunter die Ansiedlung höhlen- und nischenbrütender Vögel gesteigert. Sie eignen sich zudem bestens, den Lebenszyklus eines Vogels vom Nestbau bis zur Fütterung der Jungen zu beobachten. Problematisch ist jedoch, dem Vogel mit Hilfe von Nistkästen zusätzlichen Brutraum anzubieten, er aber unter Umständen gleichzeitig einer erheblich höheren, künstlich erzeugten Sterbegefahr – der Prädation – ausgesetzt ist.

Ein bedeutender Faktor für den Prädationserfolg ist die Höhe des eingetragenen Nistmaterials. Je höher das gebaute Nest, umso leichter werden Eier oder Jungvögel greifbar. Wenn nicht durch den direkten Zugriff in die Nistmulde, werden beim Herausziehen des Nistmaterials die sich daran festkrallenden Jungvögel zur leichten Beute. Neben Gelege oder Nestlingen wird auch allzu oft ein im Nest anwesender Elternvogel erbeutet. Dieser missliche Umstand liegt in der zumeist nächtlichen Räuberaktivität begründet. Den Räubern fallen so auch Vögel zum Opfer, die die angebotenen Nistkästen im Jahresverlauf als Schlafhöhle nutzen. Die prädationsbedingte Erhöhung der Sterberate wiegt insofern schwer, als standorttreue Brutvögel der lokalen Population stetig entzogen werden. Diese ist dann auf Zuzug aus dem Umfeld angewiesen. Damit können Nisthöhlenkästen, statt eine Vogelschutzmaßnahme zu sein, zur ökologischen Falle werden.

Diesbezüglich birgt die viel gepriesene Langlebigkeit eines Holzbeton-Kastens Licht und Schatten. Denn ohne jegliche Marderschutzvorrichtung oder mangelnde Säuberung wird seine „Fallenfunktion“ viele Jahre aufrechterhalten. Das gilt übrigens auch für ungeschützte Halbhöhlenkästen, die deshalb in Parks oder Wäldern nicht angeboten werden sollten. Denn außer dem sogenannten Pfotenwild sind auch Eichelhäher und Buntspecht schnell dabei, die Kästen zu räubern – spätestens, sobald die ersten Bettelrufe der Jungvögel ertönen.
Grundsätzlich sollten in Waldhabitaten ausschließlich Nistkästen mit vorgezogenem Flugloch als Eingriffsschutz vor Mardern verwendet werden. Bei großem Kastenangebot ist eine unregelmäßige, nicht lineare und nicht rasterförmige Anordnung im Waldbestand zu empfehlen, um die Entdeckungswahrscheinlichkeit zu verringern. Giebelförmige Dächer oder anderweitige Dachstrukturen mit wenig Halt für Pfotenräuber mindern den Prädationserfolg. Siedlungen mit Gärten bieten die Möglichkeit, Nistkästen an Hauswänden oder mit Hilfe von Gestängen zu installieren. So lässt sich gegebenenfalls das Nesträuberproblem entschärfen. Eine jährliche Säuberung ist, wie bereits erwähnt, schon wegen des sich aufstauenden Nistmaterials wichtig. In Naturhöhlen wird Nistmaterial durch ein spezielles Mikroklima viel schneller zersetzt, als in Nistkästen. Bei hoher Waschbärendichte besteht deshalb trotz Marderschutzvorrichtung und weiterer Vorkehrungen die Gefahr des Ausräuberns.

Ein möglicher Lösungsansatz wäre, das Flugloch vor dem direkten Eingriff zu schützen. Dazu gibt es mehrere Ideen, beispielsweise der Nistkastentyp „Neschwitz“. Er wurde in den frühen 1960er Jahren an der sächsischen Vogelschutzwarte in Neschwitz entwickelt und besitzt statt eines frontalen Flugloches einen verdeckten Einflugschlitz. Dadurch ist der Zugriff durch Nesträuber in das Kasteninnere kaum möglich. Nach eigener Erfahrung wird er von mehreren Waldvogelarten angenommen.

Martin Sedlaczek und Alexander Menge
Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE)

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