Hintergrundelement

DIE SIEBEN GIPFEL DES GOLMS

AUF DEN SPUREN ALTER WALDNUTZUNGEN

Die Zeiten ändern sich – die Landschaften ebenfalls. Doch nicht nur die jeweilige Nutzung prägt das Bild von Natur und Landschaft; auch sich ändernde Kenntnisse der natürlichen Zusammenhänge, die Bedeutung von Orten, Landschaften in der Mythologie oder Religion ändern den Blick auf Orte und Landstriche.

Brandenburg gilt weithin eher als flaches Land. Verglichen mit anderen Regionen Deutschlands sind Berge kaum zu erwarten. Doch mancherorts gibt es sie: steil aus der Umgebung aufragende Berge. Dazu gehören etwa der Wehlaberg am Rand des Unterspreewalds, die Rauener Berge bei Fürstenwalde oder der Golmberg, der zwischen Stülpe und Petkus am Rand des Niederen Fläming liegt. Nähert man sich dem Berg von Norden, ragt der „Golm“, wie er seit Jahrhunderten auch genannt wird, mehr als 120 Meter über dem Baruther Urstromtal empor.

Waldnutzung früher und heute
Im Leben der Menschen spielte der Berg verschiedene Rollen. Die Wälder, die die Hänge bedecken, lieferten vor allem Holz – damals wie heute. Eichen und Rotbuchen, die von Natur aus den Bergwald bildeten, werden noch heute als wertvolles Bauholz genutzt. Andere Produkte des Waldes sind inzwischen meist in Vergessenheit geraten, z. B. Honig: Bienen legen von Natur aus ihre Bauten in Baumhöhlen an, vorzugsweise in lichten Kiefernbeständen. Honig zu „erbeuten“ war eine riskante Aufgabe. Nebenbei fiel auch Bienenwachs ab, der Rohstoff, aus dem Kerzen gezogen wurden. In die von Kiefern dominierten Bestände gingen die Menschen einstmals mit Harken und leeren Säcken. Zurück kamen sie mit vollen Säcken, in denen die am Waldboden zusammengeharkten Nadeln der Kiefern steckten. Sie dienten als Streu für die im Stall gehaltenen Tiere – daher auch der Begriff „Streunutzung“. Später, nachdem die Streu den Mist der Tiere mehr oder weniger aufgesogen hatte, wurde das Ganze als Dünger auf den Feldern verteilt. Oder, wenn Eichen besonders viele Eicheln hervorbrachten, wurden vor allem Schweine in den Wald getrieben, um sich an den Früchten satt zu fressen. Ältere Eichen durften daher als Futterquelle nicht gefällt werden. Heute sind sie an ihren großen und breiten Kronen inmitten schmalerer Forstbäume zu erkennen.

Eine andere, ebenfalls in Vergessenheit geratene Form der Waldnutzung, war die Gewinnung von Laubheu. Laubhölzer wie Hainbuche oder Haselnuss vertragen regelmäßigen Beschnitt. Die beblätterten Äste wurden abgeschnitten und als Futter für Haustiere genutzt. Die Bäume werden durch das Abschneiden angeregt, im nächsten Jahr mehrere neue Triebe im Bereich der Schnittstelle hervorzubringen und entwickelten so eine eigentümlich buschige Gestalt. Eine weitere historische Form der Waldnutzung war die Gewinnung von Teer als natürlichen Dichtstoff. Das Holz alter Buchen wurde dabei verschwelt, also großer Hitze ohne offene Flamme ausgesetzt. Erzeugt wurde die Hitze wiederum mit Holz, etwa dem von Kiefern. Mancherorts sind in den Kiefernforsten geharzte Kiefern zu sehen, Bäume, deren Borke in etwa zwei Metern Höhe entfernt und in deren Holz dann fischgrätenartig verlaufende tiefe Kerben geschnitten wurden. Dieser Verwundung begegnen die Bäume mit der Ausscheidung von Harz. Das austretende Harz sammelte sich, lief in den Kerben hinab und wurde am Ende in Behältern aufgefangen, die am Stamm befestigt waren. Für die chemische Industrie der DDR lieferte das Harz Rohstoffe, die sonst aus Erdöl gewonnen werden mussten. Die Harzung der Kiefern fand zu DDR-Zeiten in den letzten 10 bis 15 Jahren vor der geplanten Fällung der Bäume statt. Die Bäume am Golmberg haben offensichtlich die Fällung überstanden.
Bei einem Gang über den Berg sind Spuren alter Waldnutzungen kaum mehr zu sehen. Was jedoch ganz deutlich hervortritt: Seit dem 18. Jahrhundert wurden viele Flächen im Land, die infolge der früheren Übernutzung allenfalls noch ein schütteres Baumkleid trugen, mit Kiefern aufgeforstet. In Reih‘ und Glied gepflanzt und ohne eine andere Baumart dazwischen, prägen Kiefern als „Brotbaum der Mark“ seitdem das Bild vieler märkischer Wälder, so auch in einigen Bereichen am Golm. Exakt entlang der Forstwege verläuft dabei mitunter die scharfe Grenze zwischen den Monokulturen und den naturnahen Mischbeständen. Wobei: Was zunächst als großer Fortschritt gesehen wurde – das Wiederentstehen eines geschlossenen Waldkleides –, wird inzwischen differenzierter und, je nach Standort, zunehmend kritisch gesehen. Die Erkenntnisse über die negativen ökologischen Folgen der Monokulturen setzen sich immer weiter durch. Dazu gehören etwa erhöhte Anfälligkeit gegenüber Schädlingen oder Krankheiten, negative Veränderung der Bodeneigenschaften, erhöhte Windbruchgefahr bei Sturm und verringerte Grundwasserbildung unter Kiefernbeständen. In Brandenburg wird daher versucht, die monotonen Kiefernbestände in Mischbestände umzuwandeln, die der natürlichen Baumartenzusammensetzung entsprechen. Rund um den Golm sind es vor allem Traubeneichen, die – gemischt mit Kiefern und Rotbuchen – den natürlichen Wald bilden würden. Winterlinden, Flatter- und Feldulmen, Hängebirken und Vogelbeeren wären in den Naturwäldern ebenfalls vertreten – ein großes Artenspektrum, verglichen mit den monotonen Kiefernforsten.

Tourenvorschlag
Von der Bushaltestelle in Ließen geht es ein paar Schritte in Richtung Stülpe, dann auf die abzweigende Asphaltbahn der Flaeming-Skate und gleich darauf inmitten der Gärten auf einen sandigen Fahrweg, der nach einer Rechtskurve auf den Golmberg-Höhenzug zuführt. Zunächst noch im sanft-welligen Gelände, wird es im Wald etwas hügeliger. Wie mit dem Messer gezogen, blicken wir bald auf einen Rotbuchenbestand auf der linken Seite und einen Mischbestand aus Kiefern und Eichen zur Rechten. Viele Blaubeerbüsche am Boden sowie verstreut stehende und liegende tote Bäume ziehen die Blicke an. Über einen breiten Fahrweg beginnt der Aufstieg zum Gipfelzug. Fast oben angekommen, können wir rechts auf einen Weg abzweigen, der auf einem Rücken verläuft und durch die Lücken in den Baumkronen den Blick nach Norden freigibt; so verrät er, in welcher Höhe wir uns inzwischen befinden. Zunächst an spärlichen feldsteinernen Mauerresten und dem hölzernen Torso der 2010 umgestürzten Luther-Eiche vorbei, erinnert ein hölzernes Kreuz an den Standort der einstigen Wallfahrtskapelle.

Für den Rückweg müssen wir ein paar Schritte zurück. Dort zweigt in Richtung Süden ein Waldweg ab, der bald steil bergab führt. Hin und wieder sind geharzte Kiefern zu entdecken. Am Ende des Abstiegs treffen wir auf einen breiten Fahrweg, der uns links herum mitnimmt. Dieser Weg trennt wieder verschiedene, vom Menschen geschaffene Baumbestände. Wir sehen Rotbuchen, Kiefern und Eichen als natürliche Baumart sowie Lärchen, die nicht zur hiesigen natürlichen Flora gehören. Nach einem kurzen Anstieg zweigen wir rechts auf einen Waldweg ab, der uns nach vielen Schritten an den Waldrand bringt. Das sanft-wellige Geländeprofil ist in der offenen Landschaft wieder zu erkennen, und Ließen ist bereits zu sehen. Ein paar Schritte auf dem Flaeming-Skate, können wir auf der Dorfstraße durch den Ort zum Startpunkt zurückgehen.


Carsten Rasmus
Buchautor und Verleger

                                                                                                                                                                    

INFOS


Der Höhenzug des Golmbergs und angrenzende Bereiche sind als großflächiges, unzerschnittenes Gebiet unter Naturschutz gestellt. Am Golm werden die Altbaumbestände von Kiefern, Traubeneichen und Rotbuchen geschützt. Es sind autochthone Bäume, also Nachfahren einstiger Urwaldbäume, die an die hiesigen Umweltbedingungen bestens angepasst sind. Eng verbunden mit den Beständen der alten Gehölze sind etliche Tierarten, die nur im alten oder absterbenden Holz leben können. Darunter sind bekannte und auffällige Insektenarten wie der Große Eichenbock – auch Heldbock genannt – und der Hirschkäfer. Die uns bekannten Entwicklungsstadien dieser Tiere – der erwachsene Käfer – sind dabei nur ein kleiner Ausschnitt im Leben der Käfer. Heldböcke etwa verbringen drei bis fünf Jahre im Stamm von alten lebenden Eichen, ernähren sich von Baumsäften und Holz und verpuppen sich auch im Holz. Die ausgewachsenen Käfer suchen nach dem Schlupf einen Geschlechtspartner zur Fortpflanzung. Zu sehen sind die Tiere ab Ende Mai, manche bis in den August hinein. Immer zu sehen sind jedoch die gut daumendicken Fraßgänge der Tiere,
die vor allem auf der Südseite alter Eichen zu entdecken sind.

DER GOLMBERG IN DER MYTHOLOGIE
Wie andere markante Berge nahm auch der Golmberg einstmals eine bedeutende Rolle im Glauben der Menschen ein. Die Möglichkeit, das Land zu überblicken und die Nähe zum Himmel faszinierte die Menschen. In manchen historischen Quellen wird bereits in slawischer Zeit ein Heiligtum auf dem Gipfel des Berges vermutet – wobei der Begriff Gipfel die geologischen Verhältnisse nicht genau trifft, denn eine Kette aus sieben Gipfeln bildet ein langgezogenes Gipfelfeld. Im 15. Jahrhundert – deutsche Bischöfe und Fürsten hatten das Land inzwischen kolonialisiert – entwickelte sich der Golmberg zum christlichen Heiligtum. Die Zisterzienser des kaum 30 Kilometer entfernten Klosters Zinna errichteten 1435 auf dem Golm eine Kapelle. Sie zog die Gläubigen aus der Umgebung an. Die in die Welt gesetzte Nachricht einer wundersamen Heilung ließ die Menschen aufhorchen. Der Wallfahrtsort auf dem Golm spielte den Mönchen Geld ein. Mit der Reformation verlor die Kapelle an Bedeutung und begann zu verfallen. Der Altar ist jedoch noch zu sehen, er wurde in die Kirche von Stülpe umgesetzt. Unweit des Gipfels erinnert ein vor wenigen Jahren aufgestelltes Kreuz an die einstigen Wallfahrten. Und wer genau hinschaut, entdeckt entlang des Kammwegs auch noch feldsteinerne Mauerreste.

SAGEN RUND UM DEN GOLMBERG
Aus früherer Zeit sind einige Ereignisse in Sagen überliefert, die sich rund um den Golmberg zugetragen haben sollen. Mehrere ranken sich um einen Schatz, der tief im Berg unter der früheren Kapelle versteckt liegen soll und nur zu besonderen Zeiten, mit spezieller Technik oder mit außergewöhnlichen Ritualen zu heben sei. Im Mittelpunkt einer anderen Sage stehen Glühwürmchen, deren lange Zeit unerklärliche Leuchtkraft die Fantasie der Menschen anregte.

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

naturmagazin abonnieren

Immer informiert

Pfeil blue

Ihnen gefällt das neue naturmagazin und Sie möchten es regelmäßg lesen?

Im online-Buchladen von Natur+Text können Sie es einzeln oder als Abo bestellen

Vorschau

Ausgabe 1/2020

Pfeil olive

Initiativen, Ehrenamtliche Verbände "VOR ORT" stehen im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe! Ab 1. März 2020 in Ihrem naturmagazin.

Beachten Sie bitte die veränderten Erscheinungstermine
Heft 1 – 01.03.
Heft 2 – 01.06.
Heft 3 – 01.09.
Heft 4 – 01.12.

Kalender

Aktuelle Veranstaltungen

Pfeil orange

Herausgeber

NABU Brandenburg, Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V., Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, Natur+Text GmbH

Pfeil olive

mehr lesen?

Pfeil blue

Sie interessieren sich für weitere Publikationen aus unserem Verlag?

Dann stöbern sie doch in unserem Online-Buchladen