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Bewegte Böden

Rutschungen in ehemaligen Tagebauen

Viele Jahrzehnte wurde in der Lausitz das Unterste zu Oberst gekehrt. Am Ende blieben große Löcher mit fragilen Böschungen und Kippen mit unsicheren Böden zurück. Wo einst Kohle gefördert wurde, entstanden Seen, die Landschaft wandelte sich und tut es noch heute. Doch immer wieder kommt es selbst in bereits sicher geglaubten Flächen zu Rutschungen, Setzungsfließen oder Grundbrüchen.

Für die Einwohner des 2.000-Seelen Dorfes Nachterstedt gab es am Morgen des 18. Juli 2009 ein bö-ses Erwachen. Auf gut einen Kilometer Länge brach die Böschung des Concordiasees, riss zwei Häu-ser und etwa 4,5 Millionen Kubikmeter Erdreich in die Tiefe. Drei Menschen fanden den Tod. In der Folge mussten 42 Bewohner ihre Häuser für immer verlassen. Fast auf den Tag genau vier Jahre später kamen zwei voneinander unabhängige Gutachten zu dem Schluss, dass ein sehr hoher Druck im Grundwasserleiter unterhalb des Kohlenflözes ursächlich war. Für Nachterstedt war es nicht das erste Ereignis dieser Art. Am 2. Februar 1959 begruben 5,5 Millionen Kubikmeter Abraum einen Bergarbei-ter, zwei Absetzbagger und einen Abraumzug.
Unerwartete Bodenbewegungen sind in Bergbauregionen nicht ungewöhnlich. Weit über 700 dieser geotechnischen Ereignisse sind seit 1945 in den Lausitzer Revieren zu verzeichnen. Zum Glück gehen sie meist glimpflicher aus. Im September 2010 kostete jedoch ein großflächiger Grundbruch auf einer Innenkippe im sächsischen Spreetal mehr als 80 Schafem das Leben und erfasste fünf LKWs, deren Fahrer sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen bzw. in einem Fall per Hubschrauber gerettet werden konnten. Letztlich führten dieses Ereignis sowie einige andere Rutschungen in bereits sanierten Berei-chen in der Folge zu vorsorglichen umfangreichen Sperrungen bereits freigegebener Flächen durch den Bergbausanierer, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV). Die Sperrbereiche in der Lausitz wuchsen um knapp 5.000 Hektar in Ostsachsen und über 8.000 Hek-tar in Brandenburg. Es folgten aufwendige Untersuchungen und Klassifizierungen. Schrittweise wer-den nun mögliche Sanierungsvarianten und -möglichkeiten geprüft, geplant und flächenkonkret zur Genehmigung gebracht. Aktuell sind noch rund 31.000 Hektar Lausitzer Kippenflächen aufgrund ihres Gefährdungspotenzials gesperrt, knapp 20.000 Hektar davon befinden sich in Brandenburg. Bis zu ihrer Freigabe werden Jahre vergehen.
Jährlich sollen etwa 500 Hektar vor allem von Innenkippenflächen für eine Nachnutzung gesichert werden. „Eine konkrete Aussage, wann alle Innenkippenflächen sicher sind, lässt sich aus heutiger Sicht noch nicht treffen“, so LMBV- Pressesprecher Dr. Uwe Steinhuber. Neben den bisher je nach Erfordernis zum Einsatz kommenden Verfahren zur Sicherung der Kippen wie die Rütteldruckverdich-tung, die Fallgewichtsverdichtung und die Rüttelstopfverdichtung sowie erdbauliche Techniken mit Walzen befindet sich aktuell auf den ehemaligen Tagebauflächen in Seese-Ost mit der schonenden Sprengverdichtung (sSPV) eine neue, als für besonders geeignet befundene Methode in Anwendung. Wie arbeits- und zeitaufwendig die Sicherung der ehemaligen Tagebaue ist, wird dort einmal mehr deutlich. Dort, auf vormaligen Nachbergbau-Landwirtschaftsflächen, hat eine ARGE „sSPV Seese-Ost“ die Aufgaben zur Verdichtung eines zunächst rund 45 Hektar großen Areals von der LMBV über-tragen bekommen. Mit dem noch jungen Verfahren, dem langjährige wissenschaftliche Untersuchun-gen vorausgingen, will der Bergbausanierer die schon vor vielen Jahren geschütteten Innenkippen Ab-schnitt für Abschnitt verfestigen. In die Kippenböden von Seese-Ost müssen insgesamt bis zu 800 Löcher gebohrt werden, jedes bis zu 27 Meter tief und bestückt mit jeweils drei Sprengladungen, pro Bohrloch insgesamt fünf bis zehn Kilogramm. Schrittweise werden dann die Ladungen von vier bis acht solcher Bohrlöcher gleichzeitig zur Detonation gebracht. Ziel ist es, den gesamten abzusprengen-den Bereich gleichmäßig zu verdichten. Der Boden wird dadurch voraussichtlich einen halben bis ei-nen Meter absacken und muss anschließend aufgefüllt werden. 2020 bis 2022, so der weitere LMBV-Zeitplan, sind die Kippenverdichtungs-Sprengungen in Seese-Ost auch für die nordwestlichen land-wirtschaftlichen Nutzflächen und die Kippenböschung vorgesehen. Von 2023 bis 2025 geht es südlich und westlich des Kahnsdorfer Sees weiter. Ein Jahr ist eingeplant, um die durchgerüttelten Flächen aufzufüllen und an der Oberfläche mit Walzen nachzuverdichten. 2027 sollen die Areale dann wieder begrünt werden.
Ein bestimmter Teil der aktuell gesperrten Kippenbereiche ist bereits jetzt unter Sicherheitsauflagen für land- und forstwirtschaftliche sowie für Naturschutzzwecke nutzbar. Von den Gewässern des sich entwickelnden Lausitzer Seelandes wurde im April 2019 Jahres mit dem Bergheider See am Fuße des bekannten Besucherbergwerkes F 60 ein weiterer See für die wassersportliche Nutzung freigegeben. Gleiches hätten sich sicherlich die Großräschener gewünscht. Sie werden noch bis ins nächste Jahr hinein Geduld haben müssen, bis der aus dem ehemaligen Tagebau Meuro entstandene Großräschener See vollends wassersportlich nutzbar sein wird. Dort sind in diesem Jahr noch einige Sicherungsarbei-ten notwendig. Immerhin, für diese Saison gibt es für das Fahrgastschiff „Wilde Ilse“ und einige ande-re Boote eine Sondergenehmigung zum Befahren des Sees.
Sperrungen von bereits freigegeben Flächen aufgrund geotechnischer Ereignisse können für die Nutzer gravierende wirtschaftliche Probleme mit sich bringen. Im Falle des Senftenberger Sees, des Familien-badesees des Lausitzer Seelandes, hätte es beinahe eine ganze Region getroffen. Aufgrund einer Rut-schung im Westteil der im See gelegenen Insel im September vergangenen Jahres wurde durch das brandenburgische Landesbergamt die komplette Sperrung des Sees verfügt. Vom Umfang her war dies völlig übertrieben,  findet Karl- Heinz Meinert, denn betroffen war lediglich ein relativ kleiner Ab-schnitt, zudem im ohnehin aus Naturschutzgründen gesperrten, mit Bojen kenntlich gemachten Bereich gelegen. Sein Ärger über die Vollsperrung des Sees resultiert aus der Sorge um mögliche touristische Einbußen in der Region. Der 80-jährige Bergbauingenieur im (Un)Ruhestand weiß, wovon er spricht. Er kennt die Insel nicht zuletzt auch aus seiner bergmännischen Tätigkeit aus dem ff, hat hier selbst diverse Rutschungen an der ehemaligen Innenkippe des Tagebau Niemtsch erlebt. „Zwischen dem Beginn der Flutung 1967 und deren Ende 1984 gab es rund 300 größere Rutschungen bis eine Million Kubikmeter, vielfach ausgelöst durch überfliegende, die Schallmauer durchbrechende Mittelstrecken-bomber der sowjetischen Luftwaffe auf ihren Übungsflügen“, so Meinert. Für den NABU-RV Senf-tenberg arbeitet er im Braunkohlenausschuss mit und findet dort durchaus Gehör. Für den Verband wohl ein Glücksfall. „Man begegnet sich hier auf Augenhöhe“, so der ehemalige Bergmann, der Wild-schweine als Initial für die Rutschung, wie verschiedentlich kolportiert, für ausgeschlossen hält. Aus-löser war vielmehr dem Landesbergamt zufolge  ein zu niedriger Wasserstand infolge der ungewöhnli-chen Trockenheit des vergangenen Jahres. Sicherungsmaßnahmen durch die LMBV im Winterhalb-jahr, wie die Treibholzbeseitigung und das Auffüllen von Tieflagen, um ein weiteres unkontrolliertes Ausfließen der Insel zu verhindern, sicherten letztlich die Aufhebung der Sperrung und den pünktli-chen Saisonstart 2019. Und wer einmal in der Saison dort war weiß, eine Sperrung dieses schönen Sees wäre tatsächlich für die Region eine Katastrophe gewesen.

Wolfgang Ewert

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