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Vielfältiges Schwedt

Erfahrungen zur Förderung von Wildbienen in der Stadt

Der NABU-Regionalverband Schwedt konnte im Jahr 2015 seine Heimatstadt überzeugen, Mitglied im Bündnis „Kommunen für Biologische Vielfalt“ zu werden. Seitdem gehören der Schutz und die Förderung von Wildbienen durch Entwicklung von Wildbienenwiesen und den Verzicht auf Pestizide zu den erklärten Zielen der Stadt Schwedt.

Auf einer ca. 8.000 Quadratmeter großen Fläche im Schwedter Stadtgebiet wurden bereits erste Maßnahmen für den Wildbienenschutz umgesetzt. Zunächst wurden alle auf dem Areal schon vorkommenden Pflanzen erfasst. Die heterogene Verteilung der Pflanzenarten ließ auf Teilbereiche mit unterschiedlicher Nährstoffverteilung, Feuchtigkeit und abweichenden Kalkgehalten schließen. Nach dieser ersten Bestandsaufnahme wurde die Oberfläche auf einer Fläche von 400 Quadratmetern abgefräst und dort eine Wildsamenmischung eingesät. Die Mischung wurde von der Firma „Wildsamen-Insel“ in Temmen (Uckermark) speziell nach unseren Vorgaben (vorwiegend zwei- und mehrjährige Arten) hergestellt.
Das Projekt war von Beginn an als Kinder- und Jugendprojekt geplant. Sie errichteten eine aus zehn Modulen bestehende „Wildbienenwand“, wobei jedes dieser Elemente 50 x 50 Zentimeter misst. Die einzelnen „Bausteine“ wurden dann mit verschiedensten Nistmaterialien, beispielsweise mit vorgebohrtem Totholz, Lehmwänden, Bambus- oder Schilfröhrchen gefüllt. Das Gerüst, in das die Module eingebaut wurden, stellte die Stadt zur Verfügung. Mehrere Info-Tafeln klären über Lebensweise und mögliche Schutzmaßnahmen für Wildbienen auf, weitere stellen ausgewählte Arten sowie die von ihnen als Pollenspender genutzten Pflanzen vor.
Nach drei Jahren Projektlaufzeit erfolgte dann mit Unterstützung des Berliner Wildbienenexperten Dr. Christoph Saure eine erste Erfassung der nun auf der Fläche vorkommenden Arten. Finanziert wurde dies durch eine ortsansässige Firma.
Die Ergebnisse der Erfassung können sich sehen lassen: Gegenwärtig wachsen auf der Wildblumenwiese mindestens 42 Blütenpflanzenarten, von denen nur 15 schon vor Projektbeginn auf der Fläche vorhanden waren. Von Mitte Mai bis September 2018 wurden zudem 53 Wildbienenarten nachgewiesen. 14 dieser Arten befinden sich auf der Roten Liste Brandenburgs, in der bundesweiten Roten Liste sind sogar 20 von ihnen vertreten.
Die höchste Diversität wurde im Juni mit 30 Wildbienenarten erfasst. Colletes fodiens, Halictus subauratus, Dasypoda hirtipes, Hoplitis adunca, Bombus lapidarius und Eucera dentata erreichten mit Nachweisen an drei Begehungen die höchsten Stetigkeiten. Die Familie der Halictidae war mit 13 Vertretern am artenreichsten, gefolgt von den Apidae mit 12 Arten.
12 der nachgewiesenen nestbauenden Arten sind auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert (oligolektisch). Die übrigen nestbauenden Arten sind Generalisten (polylektisch). Bemerkenswert ist, dass sechs der oligolektischen Arten in Brandenburg oder Deutschland gefährdet oder stark gefährdet sind. Besonders Eucera dentata, Dasypoda hirtipes und Hylaeus nigritus profitieren von der Einsaat der Flockenblumen Centaurea jacea, C. scabiosa und C. stoebe.

Oligolektische Bienenarten

  • Ochsenzungen-Sandbiene (Andrena nasuta)  Borretschgewächse, nur Ochsenzunge
  • Filzbindige Seidenbiene (Colletes fodiens)  Korbblütler, vorwiegend Rainfarn
  • Rainfarn-Seidenbiene (Colletes similis)  Korbblütler, vorwiegend Rainfarn
  • Flockenblumen-Langhornbiene (Eucera dentata)  Korbblütler, besonders Flockenblumen
  • Rainfarn-Maskenbiene (Hylaeus nigritus)  Korbblütler
  • Resedenmaskenbiene (Hylaeus signatus) Resedengewächse, nur Resede
  • Dunkelfransige Hosenbiene (Dasypoda hirtipes ) Korbblütler
  • Luzerne-Sägehornbiene (Melitta leporina)  Schmetterlingsblütengewächse
  • Gekerbte Löcherbiene (Heriades crenulatus)  Korbblütler
  • Platterbsen-Mörtelbiene (Megachile ericetorum)  Schmetterlingsblütengewächse
  • Gewöhnliche Natternkopfbiene (Hoplitis adunca)  Borretschgewächse, nur Natternkopf
  • Schöterich-Mauerbiene (Osmia brevicornis)  Kreuzblütengewächse, bes. Schöterich

Vier der nachgewiesenen Arten haben eine parasitische Lebensweise („Kuckucksbienen“).
Folgende Aussagen können zur Nistweise der gefundenen Arten getroffen werden: 33 Arten legen ihre Brutzellen im Erdboden an. 18 Arten bauen ihre Nester oberirdisch und nutzten ausschließlich schon vorhandene Hohlräume. So fanden sich auf der Untersuchungsfläche Arten, die ihre Nester in Mauerfugen bzw. Felsspalten (z.B. Osmia mustelina), in Fraßgänge anderer Insekten in Totholz (z.B. Hoplitis adunca und Hylaeus-Arten) sowie in hohlen Pflanzenstängeln oder Lehm anlegen.
Christoph Saure (2016) und Hans-Joachim Flügel (2009) konnten für die Regionalfauna Unteres Odertal in mehrjährigen Untersuchungen bisher 265 Wildbienenarten nachweisen. Auf der Projektwiese fanden sich 20 Prozent dieser Arten wieder. Es sind also noch weitere Arten zu erwarten, zumal bei dieser Untersuchung der Frühjahrsaspekt (März bis Mitte Mai) komplett fehlte.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es in relativ kurzer Zeit gelungen ist, eine artenreiche Gemeinschaft von Wildbienen zu schaffen. Möglich war dies durch ein gutes Blüten- und Nistplatzangebot sowie durch ein Pflegemanagement und die Zusammenarbeit vieler Akteure aus der Gesellschaft.

Dr. Rotraut Gille, NABU-Regionalverband Schwedt
Nico Streese, Student an der Universität Potsdam

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