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Bunt allein reicht nicht

Wenn die Agrarindustrie Naturschutz versucht

Der 55. Todestag der amerikanischen Biologin und Schriftstellerin Rachel Carson am 14. April 2019 ist fast unbemerkt geblieben, nicht aber ihr 1962 erschienener Bericht „Der stumme Frühling“ („Silent Spring“) über die verheerenden Auswirkungen von Bioziden auf Lebensräume, darunter besonders die des Kontakt- und Fraßgiftes Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT). Bereits 1945 kam es in den USA für die zivile Nutzung in Land- und Forstwirtschaft frei, später auch in Deutschland meist als „Gesarol“. Seine schwere toxische Wirkung, u.a. auf die Eibildung bei Vögeln, war schon seit der Mitte der 1950er Jahre bekannt, aber erst 1972, zehn Jahre nach Carsons Aufbegehren, erfolgten Produktions- und Ausbringungsverbote. Noch heute ist DDT im Naturhaushalt nachweisbar.

Ein anderes Produkt der agrochemischen Industrie der USA war das dioxinhaltige Totalherbizid-Gemisch „Agent Orange“, produziert von der Firmengruppe Dow Chemical & Mobay, einem Gemeinschaftsunternehmen von Monsanto und der Bayer AG Leverkusen; als Zulieferer war auch die Firma Boehringer Ingelheim beteiligt. Verharmlost als „Entlaubungsmittel“ kam es ab 1965 über natürlichen Wäldern und agrarischen Nutzflächen im Vietnam- und im Laotischen Bürgerkrieg zum Einsatz. Die u. a. verursachten genetischen Defekte bei betroffenen Menschen und Tieren wirken bis heute nach.
Selbst die kleine DDR hatte in den 1970er Jahren ihren eigenen Herbizid-Skandal, als nämlich der VEB Synthesewerk Schwarzheide für seine Herbizid-Kette „SYS“ mit großen farbigen Pflanzenpostern, silbern eingefasst, warb, z. B. gegen das unscheinbare Hirtentäschel mit dem lebensverachtenden Aufdruck: Schön – aber nutzlos, deshalb SYS 21! Der Aufschrei unter Wissenschaftlern war verhalten, der in den Botanik-Fachgruppen des Kulturbundes hingegen groß. Ein Protestschreiben der gerade laufenden Zentralen Tagung für Botanik an Minister Reichelt bewirkte zwar den Einzug der Poster-Serie; die Produktion aber lief weiter.
Bedarf es noch einer Erinnerung an das nur kurze Zeit zurückliegende Fehlverhalten des als Lobbyist bekannten Bundesministers Christian Schmidt (CSU) bei der Abstimmung zum EU-Entscheid über die Weiterverwendung von Glyphosat, eines Monsanto-Produktes, das der Öffentlichkeit als Bestandteil des Totalherbizids „Roundup“ zur Verfügung stand. Vergessen dazu ist auch nicht die Diffamierung der ehrbaren Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks (SPD). Aus den Reihen des Bauernverbandes auf Bundes- wie auf Länderebene kam wie so oft die lakonische Stützung, es ginge heute nicht mehr anders!
Auch wenn jedes der aufgeführten Beispiele eine eigene Bewertung verdient, solche Erinnerungen sind notwendig, weil sie das System der Agrarindustrie in ihren Verflechtungen von Agrochemie, Agrotechnik, Saatgutbindung u. a. mit der Agrarpolitik der EU und der Länder entlarven. Wer „den Landwirt“ als Haupttäter für ökologische Fehlentwicklungen ausmacht, irrt. Bauern und ihre Betriebe, die oft allein aus ihrer Marktbeschränkung heute mit Primärprodukten nicht genügend Gewinn schöpfen können, von den lohnenderen Verarbeitungs-, Veredlungs- und Vermarktungsstrecken aber meist ausgeschlossen sind, bilden durch viele Zwänge das billigste letzte Kettenglied. Da wirkt der Bauernverband eher als vermittelnder Arm der Agrarindustrie, denn als eigenständiger moderner Förderer einer ökologischeren Agrarnutzung. Längst wird der Ackerboden nicht mehr als ein naturnahes Ökosystem aus stoffproduzierenden, konsumierenden und reduzierenden Organismen verstanden, eher als ein grenzenlos belastbares abiotisches Medium. Das Postulat, der Bauer sei der eigentliche Bewahrer der Umwelt, stimmt nachweislich schon lange Zeit nicht mehr. Er war es in der Jahrtausende währenden Zeitspanne seit dem Neolithikum – ungewollt – bis zum Mittelalter, als die Tierhaltung dominierte und der Ackerbau mit der Ernte des „zweiten Korns“ (des Zweifachen der Aussaat) auskommen musste; bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war die ökologische Wirkung noch ähnlich, denn es wurde mittels Zwei- und Dreifelder-Nutzungssystemen schließlich das „vierte Korn“ geborgen. Die Ablösung der mittelalterlichen Agrarverfassung hatte über die Agrarreformen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts einen Intensivierungsschub gebracht, der bis heute anhält und den Landwirt 600 Tonnen pro Hektar, je nach Standort sogar 80 und 1.000 Tonnen je Hektar ernten lässt. Der Preis: Verlust der Biologischen Vielfalt im Agrarraum, auf dem Acker bis über 90 Prozent. Längst wird der Ackerboden nicht mehr in naturnahen Kreisläufen von stoffproduzierenden, konsumierenden und reduzierenden Organismengemeinschaften erneuert, sondern durch künstliche Stoffeinträge; er ist auf längere Sicht ausschließlich ein fragwürdiges abiotisches Medium, das mit dem Ziel naturfremd bewirtschaftet wird, ständig Höchsterträge erreichen zu wollen.
Der Landesbauernverband Brandenburg trat 2017 exemplarisch mit einem unbewussten Schuldeingeständnis und einer eher kuriosen, unreifen und zugleich anmaßenden Zielinitiative in Erscheinung: „Wir machen den Acker bunt!“
Dabei gab es in Brandenburg schon viele Jahre beruflich wie ehrenamtlich entstandene Konzepte.

Vom Leibniz-Forschungszentrum (ZALF) Müncheberg, das Landwirtschaftsminister Zimmermann 1994 für „unnötig“ hielt, kamen schon ein Jahr später Vorschläge zu integrierten und segregierten Schutzmaßnahmen in Ackerschlägen aus der Arbeitsgruppe um Hartmut Kretschmer und beispielsweise 2011 das Praxishandbuch  „Naturschutzbrachen im Ackerbau“ (Natur+Text) von G. Berger und H. Pfeffer.

Eine Initiative im Biologischen Arbeitskreis Luckau befasste sich schon seit Ende der 1970er Jahre mit Fragen des Schutzes von Ackerwildpflanzen (Segetalarten), was unter W. Hilbig 1984 an der Universität Halle und kurz darauf in der Biologischen Gesellschaft der DDR in eine AG „Ackerwildpflanzenschutz“ für Ackerrandstreifen und Feldflorareservate mündete. Nur letztere erlangten ministerielle Akzeptanz, insgesamt aber 17 Ackerschutzgebiete in nur fünf Jahren. Mit der „Wende“ kamen Interessenten aus den alten Bundesländern hinzu; die Ökologiebereiche der Universitäten Kassel-Witzenhausen und Göttingen (unter Th. van Elsen bzw. St. Meyer) führten die AG mit Schwerpunktsetzung auf Ackerrandstreifen als natürlich entstehende, von Bioziden freigehaltene Ackerränder ohne unkontrollierte fremde Ansaat weiter. Beachtlich: der 350 Seiten starke Erfolgsband „100 Äcker für die Vielfalt“ (Universitätsverlag Göttingen, 2015) von St. Meyer u. C. Leuschner.

Beim Landesbauernverband Brandenburg wurden aus den vor mehr als 40 Jahren eingeführten und als solche definierten naturnahen „Ackerrandstreifen“ anmaßend und mit Duldung des Landwirtschaftsministeriums fachlich fragwürdige, aus Fremdansaat künstlich geschaffene aktionistische „Blühstreifen“!

Dem Referenten für Allgemeine Agrarpolitik im Landesbauernverband, Herrn U. Böhm, wurde frühzeitig zu der überstürzt 2017 bekannt gemachten, noch ohne Ausstattung mit Fördermitteln und für die Landwirte damit völlig freiwilligen Maßnahme, Fragen zu den wissenschaftlichen Inhalten und der Absicherung ökologischer Ziele gestellt, die er nur sehr oberflächlich beantworten konnte. Den Vorwurf, auf die sich ständig verstärkende öffentliche Kritik an ökologisch vernachlässigten Bereichen der Landwirtschaft aktionistisch und zugleich aggressiv gegenüber den Naturschutz- und Umweltverbänden zu reagieren, wies er ohne Begründung zurück. Die ihm angebotene Literatur zu konkreten, erfolgreichen Maßnahmen im Segetalartenschutz qualifizierter Naturschutzgruppen lehnte er zwar nicht ab, gestand aber nach einem Jahr (!) des Schweigens, er habe zum Studium derselben keine Zeit gefunden. Den weiteren Vorschlag zu einem gemeinsamen abgestimmten Vorgehen gegenüber dem Landwirtschaftsministerium bei Ausweitung des Blühstreifenkonzeptes „schenke er grundsätzlich keinerlei Interesse“.
Die allgemeine Kritik am bisherigen Projektverlauf – zu schmale Ackerränder, nicht frei von Mineraldünger-, Gülle- und Biozidabdrift, zu späte Aussaat im Verlaufe des Frühjahres für Insekten, Verwendung billigen Saatguts unkontrollierter Herkunft, keinerlei Effektkontrolle und Bewertung – wies er zurück, es ginge vor allem um die Honigbiene. Die Anmerkung, es gehe deutschlandweit um mehr als 570 Wildbienenarten und diverse weitere Insekten, ließ er – offenbar überrascht – unbeantwortet.
Erneut trat Herr Böhm vor Frühjahrsbeginn 2019 hervor, diesmal mit einem mit Fördermitteln des Landwirtschaftsministeriums ausgestatteten Haushalt und einer auch im Internet nachzulesenden „Richtlinie“. Das klingt professioneller, lässt aber bei intensiverem Nachlesen die gleichen Grundfehler erneut erkennen. Die Firma SaatenZeller wird als Saatgutlieferant empfohlen; sie bietet aber gar kein Ackerwildpflanzensaatgut an, sondern nur solches für „Feldrain und Saum“, sogar als Regio-Saatgut (von den enthaltenen 50 Pflanzenarten besitzt nicht eine einzige Art einen Gefährdungsstatus, mit der Kornblume ist aber wenigstens eine tatsächliche Segetalart enthalten, allerdings nur mit 2 Prozent Saatanteil).
Und die Kosten? Auf der Webseite der Firma sind diese nachzulesen: Für 1.000 Quadratmeter wird 1 Kilogramm Saat gut benötigt. Dieses kostet nette 98 Euro. Stellt man dieser Grundlage die „Richtlinie“ mit ihrer Förderflächen-Zäsur bei 0,5 Hektar, einjährig oder mehrjährig gegenüber, dann lauten die Kaufsummen pro 0,5 Hektar 490 bzw. 600 Euro. Das korrespondiert nicht annähernd mit den zur Verfügung gestellten Fördersummen! Der willige Landwirt wird also erneut zu Billigsaatgut unkontrollierter Herkunft greifen. Wie das aussieht, zeigte jüngst ein Beitrag der Lausitzer Rundschau mit dem Titel „Blühstreifen helfen, aber nicht immer“, der sich auf den Cottbuser BTU-Prof. Klaus Birkhofer bezieht: Über dem Text ist ein prächtiges Farbbild mit Garten-Cosmeen, Rotem Lein, verschiedenen fremden Winden-Arten und Kompositen zu sehen. Wir machen den Acker bunt, egal ob sie Insekten und Vögeln nützen! Da wäre vielleicht ein naturnaher Ackerrandstreifen am Wegrand oder grabenbegleitend, mit Kamille, Kornblume und Klatsch-Mohn, ungespritzt und zur richtigen Insektenzeit wirksam, auch „schön bunt“, vor allem aber deutlich preiswerter.
 

Dr. Hubert Illig
Mitbegründer der DDR-AG „Ackerwildpflanzenschutz“

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