Hintergrundelement

Gut investiert?

Ministerium legt Sechs-Millionen-Euro-Programm für Ackerrand- und Blühstreifen auf – Experten sind skeptisch

Sechs Millionen Euro will Brandenburgs Umwelt- und Landwirtschaftsministerium für Ackerrand- und Blühstreifen ausgeben und damit dem Insektensterben wirksam begegnen. Der NABU Brandenburg und etliche Wissenschaftler bezweifeln allerdings den Effekt der eingesetzten Mittel, die vor allem dem konventionellen Landbau zu Gute kommen werden. Der Zeitpunkt des Geldregens – im September wird in Brandenburg gewählt – macht misstrauisch.

Blühstreifen und -flächen können sich auf die Anzahl und Häufigkeit von Tierarten, vor allem von Käfern und Spinnen, durchaus positiv auswirken. Dies belegt die Mehrzahl von 48 wissenschaftliche Veröffentlichungen, die Anfang des Jahres von Dietzel et al. ausgewertet wurden, um die faunistischen Effekte von Agrarumweltmaßnahmen zu überprüfen. Neben Vögeln und Kleinsäugern standen hauptsächlich Arthropoden im Fokus der Untersuchungen. Interessanterweise wiesen die Publikationen jedoch keine positiven Effekte für seltene Insektenarten aus. Je nach Kontext und Zielsetzung können Blühflächen zwar zur Aufwertung von Landschaften beitragen. Das Aussterben seltener Insektenarten können sie jedoch nicht aufhalten. Was aber müsste aus wissenschaftlicher Sicht passieren, um den Rückgang der Artenvielfalt speziell bei den Insekten zu stoppen und die Populationen der verschiedenen Insektenarten zu stabilisieren?

Prioritäten und Defizite

Unbedingt zu verhindern ist das regionale Aussterben von Insektenarten. Ebenso wichtig ist es aber auch, deren Populationsdichten in ihren natürlichen Verbreitungsgebieten zu erhalten. In der Regel geht eine Abnahme der Bestände bereits mit irreversiblen Biodiversitätsschäden einher, oft münden sie im Artenverlust. Primär betroffen sind vor allem seltene Insektenarten, deren Populationen in besonderem Maße vom Schutz ihrer Lebensräume abhängig sind. Naturgemäß kommen diese Arten vor allem in Schutzgebieten vor. Doch Planungs- und Umsetzungsdefizite führen dort derzeit in den regionalen letzten Vorkommen stark gefährdeter Arten zu den größten Biodiversitätsverlusten. Ein Grund hierfür ist, dass Nährstoffe und Pestizide über die Luft und andere Ausbreitungspfade auch in Schutzgebiete gelangen und diese in besorgniserregendem Ausmaß belasten. Vieles deutet dort inzwischen sowohl auf eine zunehmende Abnahme der lokalen Artenvielfalt als auch auf immer kleiner werdende Populationen hin. Die der Nahrungskette zur Verfügung stehende Biomasse wird somit immer geringer.
Planungen im Landschaftsmaßstab sowie die in Schutzgebietsmanagementplänen immer wieder zitierte „Gute landwirtschaftliche Praxis“ thematisieren jedoch nur unzureichend die erforderlichen Maßnahmen im Biotopverbund zwischen den Schutzgebieten sowie in den Pufferzonen zwischen Ackerflächen und den Schutzgebietsgrenzen. Viel zu selten berücksichtigen Planungsmodelle zu Biotopverbundkorridoren bisher die notwendige Integration verschiedenster Lebensräume sowie ein Risikomanagement zur umliegenden bzw. in die Korridore integrierten Landnutzung. Vielfach sind diese Flächen von monotonen Mais-, Raps und Getreidebeständen geprägt und werden entsprechend der vorgegeben Spritzpläne mit multifunktionalen Pestiziden behandelt.
Schnellstens zu beheben sind auch erhebliche Kenntnisdefizite in den Bereichen Pflanzenschutz und Düngemaßnahmen. Hierfür gilt es, die Datenübermittlung zu optimieren und im Ergebnis sowohl die Landnutzung als auch alle Naturschutzmaßnahmen auf den Prüfstein zu stellen – mit dem Ziel eines verbesserten Biodiversitätsschutzes.

Schutzgebietskulisse

In Brandenburg kommt die weit überwiegende Menge regional vom Aussterben bedrohter Arten vor allem innerhalb von Schutzgebieten vor. Das bedeutet allerdings, dass diese Gebiete ihrer Funktion für den Biodiversitätsschutz auch unbedingt nachkommen müssen. Aktuell ist dies offensichtlich jedoch nicht ausreichend der Fall. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen innerhalb von Naturschutz- und FFH-Gebieten gravierende Rückgänge der Artendiversität und der Häufigkeit von Arten. Um dies abzustellen, muss dort jegliche Form der Landnutzung in erster Priorität den Zielen des Natur- und Biodiversitätsschutzes dienen.

Pufferzonen
In den räumlich existierenden oder noch auszuweisenden Pufferzonen der Schutzgebiete muss ein ausreichendes Risikomanagement unter anderem für Pestizid- und Düngemittelausbringung, aber auch für Mahdtermine stattfinden. Auf diese Weise soll ausgeschlossen werden, dass potentiell negativ wirkende Einflussfaktoren die Populationen wildlebender Arten der Schutzgebietsfläche beeinträchtigen.

Biotop- bzw. Habitatverbund

Funktionsfähige Biotopverbundkorridore und -flächen müssen etabliert werden, um einen Austausch zwischen den Populationen der verinselten Schutzgebietsflächen zu realisieren. Auch in der Kulisse der Biotopverbundflächen muss ein ausreichendes Risikomanagement stattfinden.

Umweltrechtliche Aspekte und Fördermaßmahmen
Sofern keine ausreichenden rechtlichen Regelungen und Fördermaßnahmen für die oben dargelegten Bereiche bestehen, sind diese herzustellen. Bei Verstößen sollten fühlbare Strafen für die Landnutzer verhängt werden können, und bei besonders schweren Verstößen sollten auch Betriebsstilllegungen nicht ausgeschlossen sein. Beim NABU Brandenburg sind viele Fälle von Umweltdelikten aktenkundig, die zu schweren Biodiversitätsverlusten geführt haben. Leider werden und wurden solche Verfahren oftmals von den Volllzugsbehörden nur schleppend vorangetrieben. Der NABU sieht hier einen erheblichen Weiterbildungsauftrag für die regionalen Naturschutzbehörden. Außerdem fordert der Verband, die Reihenfolge bei der Vergabe von Fördermitteln an zweifelsfrei erkennbare Prioritäten im Biodiversitätsschutz zu knüpfen. Es sei geradezu absurd, wenn Maßnahmen (wie z.B. Blühstreifen in der ansonsten intensiv genutzten industriellen Agrarlandschaft), die keineswegs geeignet sind, die weit überwiegende Menge hoch gefährdeter Arten in ihren Populationen zu erhalten, gefördert werden – und im Gegenzug keine ausreichende bzw. erweiterte Fördermaßnahme für eine optimal an den Biodiversitätsschutz angepasste Nutzung und Pflege der naturschutzfachlichen Flächen besteht.

Wie das Insektensterben stoppen?

Um dem Insektensterben in Brandenburg entgegenzuwirken, sollte als erster wichtiger Schritt eine Optimierung der Managementpläne in dem Bereich erfolgen, wo durch den Hinweis auf die „Gute Landwirtschaftliche Praxis“ Pestizidapplikationen Tür und Tor geöffnet wird. Ein totales Verbot von direkter Begiftung bzw. Tötung oder Schädigung von Pflanzen und Tieren durch land-, forst- und fischereiwirtschaftliche Nutzung in der Schutzgebietskulisse mit chemisch-synthetischen Pestiziden und Bioziden ist unabdingbar.

Schutzgebietskulisse

Pestizid-, Biozid- und Düngeverbot – sowohl für direkte als auch indirekte Eintragswege für die Gesamtareale der Schutzgebietsflächen (NSG/FFH etc.). Notwendig ist aber auch eine strenge behördliche und engmaschige Kontrolle, die auch für interessierte Bürgerinnen und Bürger transparent gestaltet wird. Auch über indirekte Eintragswege bzw. den Transport über Wind und Wasser werden dringend Daten benötigt. Ebenso gilt es, chemische Belastungen durch Pestizide, Biozide, Medikamente, Mikroplastik und vieles andere mehr in Futtermitteln, Gülle, Stallmist, Gärresten, Klärschlämmen usw. zu erfassen. Das muss transparent erfolgen, die Daten müssen sowohl den Naturschutzbehörden als auch der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sein. Im Ergebnis der Untersuchungen gilt es, die Pflege- und Entwicklungsplanung innerhalb der Schutzgebietskulisse anzupassen und gegebenenfalls zu erweitern. Hierzu gehört vor allem auch die Integration aller land- und forstwirtschaftlichen Nutzungsaspekte mit der „neuen“ Priorität des Biodiversitätsschutzes.
Beispiel: Ausrichtung der Ackernutzung innerhalb der Schutzgebietsflächen auf den Biodiversitätsschutz – und nicht (wie leider oft bisher) auf die Ertragsoptimierung mit konventioneller Nutzung inklusive dem Einsatz von Pestiziden auf vielen Ackerflächen auch innerhalb der Schutzgebietsflächen. Parallel dazu müssen ausreichende Förderprogramme für die fakultative Schulung und Praxisanwendung der Landnutzer sowie für die unteren und oberen Naturschutzbehörden bzw. deren Dienstleister etabliert werden.

Risikoanalyse und –management

Pufferzonen und Flächen des Biotop- und Habitatverbunds sind Areale, die sowohl direkte als auch indirekte Einflüsse auf die Biodiversität in der Schutzgebietskulisse ausüben. Behördliche und ehrenamtliche Naturschutzinstitutionen sind daher unmittelbar am Risikomanagement beteiligt.
Die Umsetzung des Risikomanagements wird in der Regel eine angepasste und erweiterte Planung (Landschaftsplanung, Pflege- und Entwicklungsplanung etc.) erfordern. Um diese wiederum umzusetzen, wird eine auf die Pufferzonen und Biotopverbundflächen fokussierte Förderkulisse dringend benötigt. Diese muss sowohl ausreichend ausgestattete Förderprogramme für die Landnutzer beinhalten als auch entsprechende Etats und Stellen für die unteren Naturschutzbehörden bzw. deren Dienstleister.
Um eine Beeinträchtigung der Schutzgebiete ausschließen zu können, müssen sowohl in den Pufferzonen als auch auf den Biotopverbundflächen sämtliche Aktivitäten und Nutzungen reglementiert werden. Sowohl in Planungsmodellen als auch in der Umsetzung von Fördermaßnahmen zur Biodiversität sind diese deutlich vorrangig zu berücksichtigen. Für die gesamte Flächenkulisse einer Region bedeutet das unter anderem eine Optimierung der naturschutzkonformen Mahd, der diversitätsfördernden Beweidung von Offenland und Gehölzflächen, die Auflösung linearer Grenzen in Mosaikbiotope, die Entsiegelung von Wegenetzen, die Entnahme von Gehölzsukzession und die Wiederherstellung historischer Verhältnisse der Anteile und Verteilung der Offenlandhabitate etc.

PD Dr. Werner Kratz
2. Vorsitzender des NABU Brandenburg und Dozent an der FU Berlin für Ökologie

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

naturmagazin abonnieren

Immer informiert

Pfeil blue

Ihnen gefällt das neue naturmagazin und Sie möchten es regelmäßg lesen?

Im online-Buchladen von Natur+Text können Sie es einzeln oder als Abo bestellen

Vorschau

Ausgabe 4/2019

Pfeil olive

Weidetiere stehen im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe! Ab 1. November 2019 in Ihrem naturmagazin.

Kalender

Aktuelle Veranstaltungen

Pfeil orange

Herausgeber

NABU Brandenburg, Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V., Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, Natur+Text GmbH

Pfeil olive

mehr lesen?

Pfeil blue

Sie interessieren sich für weitere Publikationen aus unserem Verlag?

Dann stöbern sie doch in unserem Online-Buchladen