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Sind Höhlenbrütern in Brandenburger Kiefernwäldern gefährdet?

Eine nistkastenbasierte Untersuchung zu den Auswirkungen von Insektidanwendung und Kahlfraßereignis auf Brutvögel.

Kiefernwälder machen 70 Prozent der Gesamtwaldfläche Brandenburgs aus. Häufig handelt es sich um zu wenig strukturierte Kiefernforste, die historisch bedingt zu 65 Prozent jünger als 80 Jahre sind. Das ist einer der Hauptgründe für das zyklisch massenhafte Auftreten kiefernnadelfressender Schmetterlingsraupen bzw. Blattwespenlarven. Damit einher geht die Gefahr des Verlustes dieser Kiefernbestände, die trotz Ihrer oberflächlich betrachteten Monotonie multifunktionale Wirkungen auf Landschaftsebene entfalteten und nicht zuletzt als Lebensraum fungieren.

Das biologische Phänomen der Massenvermehrung forstschädlicher Insekten führte dazu, dass sich Forstzoologen schon seit 200 Jahren mit der Wirkung und möglichen Förderung natürlicher Gegenspieler beschäftigen. Die herausragende Rolle der Parasitoide, wie z. B. Schlupfwespen, ist lange bekannt. Auch der Vogelschutz ist ein eng mit der Forstwirtschaft verbundenes Thema, welcher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch das Anbringen künstlicher Nisthöhlen vor allem die so genannten “Arbeitsvögel“ förderte. Aus heutiger Sicht sind Vögel im Wald unbestrittener Bestandteil intakter Nahrungsketten bzw. gelten als wichtige Insektenvertilger. Massenauftreten forstlich relevanter Raupen können sie allerdings nicht aufhalten.
Brandenburgs Wälder werden durch das Waldschutzmonitoring der Forstverwaltung Brandenburg überwacht. Ist ein flächenhaftes Absterben von Bäumen zu erwarten, wird eine Anwendung von Insektiziden erwogen. Während der vergangenen 25 Jahre kamen diese pro Jahr auf maximal einem Prozent der Kiefernwaldfläche per Hubschrauber zur Anwendung. Doch welche Auswirkungen haben die eingesetzten Mittel auf Nicht-Ziel-Organismen? Dies soll im Rahmen des Verbundprojektes RiMa-Wald (Zukunftsorientiertes Risikomanagement für biotische Schadereignisse in Wäldern zur Gewährleistung einer nachhaltigen Waldwirtschaft) untersucht werden.

Vergleichendes Nistkastenmonitoring

Seit 2016 untersucht das Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE) mit RiMa-Wald sowohl die Auswirkungen von Kahlfraßereignissen als auch die Effekte von Insektizidmaßnahmen auf Brutvögel in Brandenburger Kiefernwäldern. Über ein Nistkastenmonitoring wird der Bruterfolg (Fortpflanzungsrate) von Höhlen- und Nischenbrütern einer im Lebensraum Wald typischen und vielzählig vertretenen Artengruppe erfasst. Das Brutverhalten insektenfressender Vögel ist eng mit dem jahreszeitlichen Rhythmus Ihrer Nahrungstiere synchronisiert. Ein gestörtes Nahrungsgefüge könnte demzufolge einen verringerten Fortpflanzungserfolg, beispielsweise durch eine erhöhte Nestlingssterblichkeit, bewirken.
In zwei Südbrandenburger Untersuchungsgebieten wurden bis zu 360 Höhlennistkästen in strukturarmen Kiefernreinbeständen gleicher Altersklasse angebracht. Während im Untersuchungsgebiet bei Lieberose der Kiefernspinner 2014 einen Kahlfraß verursachte, setzte den Kiefern in dem bei Herzberg (Elster) untersuchten Gebiet im Jahr 2016 die Kiefernbuschhornblattwespe massiv zu. Jeweils kam dort das Kontaktinsektizid Karate Forst flüssig zum Einsatz. Für eine vergleichende Betrachtung wurden einheitliche Holzbetonkästen der Firma Schwegler und bayerische Giebelkästen zu gleicher Anzahl in Kiefernwäldern mit starkem bis vollständigem Nadelverlust (Fraßflächen), in Kiefernwäldern mit erfolgtem Insektizideinsatz und in unbefressenen, unbehandelten Kiefernwäldern als Kontrollflächen angebracht. Die Nistkästen wurden wöchentlich kontrolliert, wodurch nahezu lückenlose Informationen zu Nestern mit Gelegen, zur Entwicklung der Jungvögel sowie letztlich zum Bruterfolg gewonnen wurden. Der Untersuchungszeitraum bildet jeweils die drei folgenden Jahre nach dem Fraßereignis bzw. Insektizideinsatz ab. Eine direkte Einflussvariante konnte methodisch bedingt allerdings nicht realisiert werden.

Ergebnisse
Zu Beginn der Untersuchungen zeigte sich, dass die auf den Fraß- und Insektizidflächen angebrachten Nistkästen im Vergleich zu denen, die auf den Kontrollflächen angebracht wurden, etwa 25 Prozent stärker genutzt wurden. Vor allem waren es verschiedene Meisenarten, die in den Nistkästen angetroffen wurden. Hält man sich vor Augen, dass die Nestlingsnahrung von Meisen zu einem Großteil aus Raupen besteht, verwundert dies nicht, hatten die im Vorjahr massenhaft vorkommenden Raupen doch zu einer erhöhten Frequentierung der Flächen durch Meisen geführt.
Im weiteren Verlauf des Monitorings glich sich dieser kurzzeitige Effekt wieder aus und die Besiedlung der Nistkästen betrug auf allen untersuchten Flächen etwa 70 bis 80 Prozent. Auch das auf den Flächen ermittelte Artenspektrum ähnelte sich sehr und ist typisch für diesen Lebensraum. Am häufigsten wurde allerdings die Kohlmeise beim Brüten beobachtet. Ihre Dominanz ist ein Ausdruck ihrer konkurrenzstarken und ubiquitären Lebensweise. Als zweithäufigste Meisenart wurde die Tannenmeise ermittelt, aber auch der Trauerfliegenschnäpper, ein Langstreckenzieher und eine auf Fluginsekten spezialisierte Art, ist ein steter Brutvogel der Untersuchungsgebiete. Weitere Arten mit wenigen Brutpaaren sind Haubenmeise, Blaumeise, Gartenrotschwanz und Kleiber.
Im Vergleich der erfassten brutbiologischen Parameter der Brutvögel zeigen sich bisher nicht gleichgerichtete Unterschiede zwischen den Kiefernwaldflächen. Bei Kohlmeisen werden im Untersuchungsgebiet Lieberose bezogen auf die Gesamtzahl der erbrüteten Eier in den Fraß- und Insektizid-Flächen mit 60 Prozent Ausfliegerate weniger Jungvögel flügge als in den Kontrollflächen mit knapp 75 Prozent Ausfliegerate. Im Untersuchungsgebiet Herzberg sind es wiederum die Insektizid- und Kontrollflächen mit den höchsten Ausfliegeraten der Kohlmeise von 70 Prozent gegenüber 60 Prozent in den Fraßflächen. Auf den Insektizidflächen ist hierbei zwar die höchste Sterberate bei Nestlingen festzustellen, die aber durch eine hohe Schlupfrate von über 90 Prozent ausgeglichen wird. Auf den Fraßflächen zeigt sich dagegen eine erhöhte Ei-Mortalität und eine zur Zweitbrutphase hin stärker ansteigende Nestlingssterblichkeit. Im vergangenen Hitzejahr 2018 sind nachweislich viele Nester in der Zweitbrutphase der Meisen aufgegeben worden. In den vormals stark befressenen Beständen kam es am häufigsten zur Brutaufgabe. Die Ursache dafür liegt möglicherweise in einer starken Hitzeeinwirkung im Kasteninnenraum infolge der spärlichen Kronen-Benadelung und der damit herabgesetzten Beschattung. Temperaturmessungen zeigen für lückige Bestände extremere Temperaturverhältnisse als im geschlossenen Kiefernwald.
Für die Jahre unmittelbar nach der Insektizidanwendung ist nach bisherigem Stand der Nistkasten-Untersuchung ein vergleichsweise geringerer Bruterfolg auf den Kiefernflächen für Höhlenbrüter nicht feststellbar. Vielmehr werden populationsbedingte Wirkmechanismen – wie dichteabhängige Nahrungs- und Nistplatzkonkurrenz und der Witterungsverlauf – im Zusammenhang mit dem Waldinnenklima auf das Brutgeschehen deutlich. Hervorzuheben ist vor allem die Rolle der Nesträuber als ein gravierender Mortalitätsfaktor im Untersuchungsverlauf. Für die Anbringung von Nistkästen im Wald wird ein großer Handlungsbedarf im Sinne der Verwendung eines nesträubersicheren Kastens offenbar.

Martin Sedlaczek und Alexander Menge
Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE)

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