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Riskantes Bad trotz Bestnoten?

Die Standardmessprogramme der EU berücksichtigen nicht alle Wasserqualitätsparameter

Pünktlich zur Sommersaison kommt eine gute Nachricht aus dem Umweltbundesamt. Schwimmen in einheimischer Natur scheint eine äußerst gesunde Angelegenheit zu sein. Denn für die deutschen Badegewässer gab es Bestnoten.

Wenn nur nach den Kriterien der Europäischen Union für Badegewässer ginge, wären die hiesigen Badegewässer von einer Topqualität. 98 Prozent von ihnen erfüllten in der Saison 2018 die Qualitätsanforderungen der EU-Richtlinie. Für ein Land, in dem die Umsetzung der ebenfalls europäischen Wasserrahmenrichtlinie nur schleppend vorankommt und der ökologische Zustand der Flüsse und Seen vielfach zu wünschen übriglässt, sind das wirklich beeindruckende Zahlen.
Laut Umweltbundesamt wurden 93 Prozent der Badegewässer von der EU sogar mit der besten Note „ausgezeichnet“ bewertet. Dies zeigen die am 6. Juni 2019 von der EU-Kommission veröffentlichten Daten für 2018. Die Qualität der deutschen Badegewässer bleibt damit weiterhin gut – für das Jahr 2017 wurden ähnliche Ergebnisse gemeldet. Lediglich sechs deutsche Badegewässer bekamen 2018 ein „mangelhaft“ attestiert. 74 Badegewässer mussten während der Badesaison jedoch dennoch ganz oder zeitweise geschlossen werden, 45 davon wegen Cyanobakterien („Blaualgen“).
Cyanobakterien sind eine Indikatorengruppe für mit Stickstoff und Phosphor überdüngte Gewässer. Badegeäste können die Gewässerüberdüngung an den sogenannten „Algenblüte“ erkennen. Die Oberfläche des Gewässers ist dann von einer grünlich-bläulichen Schleimschicht bedeckt und enthält insbesondere für Kleinkinder erhebliche Problemstoffe, die Blaubakterientoxine.
Blaubakterientoxine sind hautreizend und giftig für die Leber. Es sollte daher unbedingt vermieden werden, Badewasser zu verschlucken. Ein einfacher Test verrät, ob das Gewässer noch zum Baden geeignet ist: Wenn man bis zu den Knien im Wasser stehend seine Füße nicht mehr sieht, sind meist zu viele Cyanobakterien im Wasser. Wenn diese blühen, sollten Kleinkinder im Krabbelalter auch nicht mehr am Strand spielen, da sie dort leicht größere Mengen an mit Cyanobakterien belastetem Sand oder Wasser aufnehmen können.
Badegewässer sind aber nicht nur zum Baden da. Wie alle anderen Gewässer werden sie vielfältig genutzt und werden dadurch potenziell verschmutzt – zum Beispiel durch Abwassereinleitungen oder Ab- und Ausschwemmungen von landwirtschaftlichen Flächen, die häufig überdüngt sind, wie der Streit um die Düngeverordnung zeigt. Die hygienische Wasserqualität wird daher regelmäßig von den zuständigen Behörden der Bundesländer überprüft. Die EU-Badegewässerrichtlinie legt fest, wie das zu erfolgen hat. Um die Badenden vor Infektionskrankheiten zu schützen, werden regelmäßig zwei mikrobiologische Parameter als Indikatoren für Krankheitserreger untersucht: die Bakterien Escherichia coli und intestinale Enterokokken.
Für Schlagzeilen sorgten im vergangenen Sommer die in Badegewässern immer wieder nachgewiesenen Antibiotika. Im Kampf gegen zahlreiche Infektionskrankheiten bei Mensch und Tier eingesetzt, können sie mit dem Abwasser, aber auch zusammen mit Gülle, Gärresten und Festmist, in die Umwelt gelangen.
Werden Mensch und Nutztiere – beispielsweise Schweine, Hühner, Puten oder Kühe, aber auch Pferde und Haustiere – häufig Antibiotika ausgesetzt, können sich resistente Keime bilden, die dazu führen, dass diese medizinischen Waffen stumpf werden. Mehr als 30.000 vorzeitige Todesfälle sind allein in Europa darauf zurückzuführen, dass die derzeit auf dem Markt befindlichen Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirkten.
In Nordrhein-Westfalen beauftragte das dortige Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (MULNV) die Untersuchung von zehn Badegewässern hinsichtlich ihrer Belastung durch Antibiotika-Rückstände und entsprechender Resistenzgene. Die Wasserqualität der untersuchten Gewässer entsprachen bezüglich Escheria coli, Enterokoken und Cyanobakterien jeweils  den Anforderungen der EU-Badegewässerrichtlinie. Im Ergebnis der Untersuchungen wurden in drei Badegewässern niedrige Konzentrationen an Antibiotika-Rückständen gemessen. Bei zwei weiteren Badegewässern gab es Hinweise auf eine geringe Belastung mit Antibiotika und -Resistenzgenen und vier Proben zeigten geringe Antibiotika-Verunreinigungen. Andere Badeseen waren nicht mit Antibiotika und deren Resistenzgenen belastet.
Die mit den Untersuchungen beauftragten Wissenschaftler des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit (IHPH) des Universitätsklinikums Bonn gehen vorerst davon aus, dass diese geringen Belastungen mit Antibiotika und -resistenzgenen für gesunde Menschen kein Gesundheitsrisiko darstellen. Differenzierte Grenzwerte für unterschiedliche Badegewässernutzer wie Neugeborene, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte oder Kranke liegen nicht vor.
Patienten mit Beeinträchtigungen des Immunsystems sollten allerdings generell natürliche Badegewässer meiden. Menschen mit Risikofaktoren, wie etwa chronischen Wunden, offenen Hauterkrankungen, andauernden Antibiotikabehandlungen oder etwa Urinkatheter, raten die Mediziner ab, in belasteten Gewässern zu baden.
Weitere Gewässeruntersuchungen zu Antibiotika und deren Resistenzgenen aus Niedersachsen, Bayern und Rheinland-Pfalz haben ähnlich geringe Werte zu Antibiotika und -resistenzgenen gezeigt. Insgesamt wollen die Wissenschaftler des IHPH ihre Untersuchung der Badegewässer auf Antibiotika und entsprechende Resistenzen ausweiten, da mehr Daten gebraucht werden, um die Risiken für die Badenden noch besser klassifizieren zu können.
Auch Brandenburgs Landwirtschafts- und Umweltministerium (MLUL) sowie das Landesumweltamt Brandenburg (LfU) sollten in enger Kooperation dem Ministerium der Justiz und für Europa und Verbraucherschutz (MdJEV) in Brandenburg entsprechende Untersuchungen durchführen lassen und die Bevölkerung zeitnah über die Ergebnisse informieren.


P.D. Dr. Werner Kratz

2 Vorsitzender NABU Brandenburg, NABU Deutschland Leiter des Bundesfachausschuss Umweltchemie und Ökoloxikologie, Prinavatdozent an der FU Berlin, Institut für Biologie

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