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Vom stummen Frühling zum lauten Herbst

Wie Insekten Politik bestimmen können

Seit der der Entomologische Verein Krefeld im Jahr 2017 seine Untersuchungsergebnisse veröffentlichte, ist eine Tierartengruppe in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt, der viele Menschen zuvor nur wenig Beachtung schenkten: Insekten. Die ehrenamtlichen Forscher hatten die Vorkommen von Insekten und deren Biomasse zwischen 1989 und 2015 an über 60 Schutzgebiets-Standorten erforscht. Ihr erschütterndes Ergebnis: Innerhalb von nur 27 Jahren ist die Biomasse aller Fluginsekten – u. a. Schmetterlinge, Wildbienen und Nachtfalter – um 82 Prozent zurückgegangen.

Leider lassen sich nach der Roten Liste Brandenburg mittlerweile auch bei uns in allen Insektenartengruppen Rückgänge in den Bestandsgrößen und der Artenvielfalt verzeichnen. 41 Prozent der Käfer, 53 Prozent der Hautflügler (u. a. Bienen), 52 Prozent der Klein- und 41 Prozent der Großschmetterlinge sowie 25 Prozent der Köcherfliegen werden als ausgestorben bzw. gefährdet geführt. Der seit Jahrzehnten anhaltende Insektenrückgang, von dem bisher in erster Linie seltenere und spezialisierte Arten betroffen waren, wird inzwischen aber vor allem auch für allgemein häufige und verbreitete Arten beobachtet.
Naturschützer weisen seit Jahren auf den Verlust intakter Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten hin. Dabei ist es die Summe aus negativen Faktoren, die über lange Zeiträume in einem Gebiet wirkt und Bestands- und Artenverlust herbeiführt, angetrieben vom Verlust intakter und vernetzten Lebensräumen. Vorhandene Biotope werden dadurch immer kleiner und isolierter und damit anfälliger. Mit der Sicherung und Pflege von Naturschutz-, oder FFH-Gebieten allein kann dem nicht entgegengewirkt werden. Es braucht einen umfassenden Biodiversitätsschutz auf der gesamten Landesfläche. Etwa die Hälfte der Landesfläche Brandenburgs wird landwirtschaftlich genutzt, circa ein Drittel des Landes ist von Wald bedeckt. Viele Studien belegen, dass die derzeitige intensive Form der Landbewirtschaftung zum Verlust der biologischen Vielfalt beiträgt.
Der NABU Brandenburg bewertet die Bemühungen des Brandenburger Landwirtschafts- und Umweltministeriums in der bisherigen Legislaturperiode als vollkommen unzureichend, um diese Trends umzusteuern und den Biodiversitätsschutz in den Vordergrund zu rücken. Dabei sind genug Lösungsansätze bekannt, um den flächenmäßigen Artenschwund aufzuhalten – allein die Umsetzung gelingt nicht. Erst nachdem im Februar der Erfolg des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ in Bayern bekannt wurde, ist die Brandenburger Landesregierung aufgeschreckt und hob Ende März einen „Insektengipfel“ aus der Taufe.
Völlig widersinnig erscheint dabei aber das zeitgleiche Agieren u. a. des Landesforstbetriebes mit dem Einsatz des Insektizids „Karate Forst“ in den Kiefernwäldern der Landkreise Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming im Mai 2019. Wer zum einen ein Maßnahmenpaket zum Insektenschutz erarbeiten will, kann nicht zugleich den Einsatz von Totalinsektiziden genehmigen, der nicht nur monotone Forstflächen vor selbst gemachten Kalamitäten „schützen“ soll, sondern zugleich weitere Insektengruppen gefährdet und auch negative Folgen für Gewässer, Boden und die menschliche Gesundheit mit sich bringt. Dabei ist aus dem NSG Lieberose bekannt, dass auch Bäume auf unbehandelte Waldflächen sich trotz Schädlingsbefall und Kahlfraß erholen und erneut ausschlagen können. Nötig wäre somit der, nicht nur aus Sicht des Arten- und Biotopschutzes, sondern auch vor dem Hintergrund der vermehrten Waldbrände, dringende nachhaltige Waldumbau.
Seit Juni tagen, wie auf dem „Insektengipfel“ beschlossen, Arbeitsgruppen, um bis Jahresende ein Maßnahmenpaket zum Insektenschutz zu erarbeiten. Im Mittelpunkt stehen der Insektenschwund in und außerhalb der Agrarlandschaften sowie die wissenschaftlichen Forschungsbedarfe. Ehren- und hauptamtliche Naturschützer, konventionell und ökologisch wirtschaftende Landwirte und Obstbauern, Verbandsvertreter, Imker und Angler, Behörden-, Ministeriums- und Gemeindevertreter sowie Wissenschaftler kommen zusammen. Eine große Chance, fachübergreifend bisherige Programme zu überarbeiten, zu konkretisieren, mit nötigen und sinnvollen Vorschlägen zu untersetzen. Das wichtigste ist aber: All diese Maßnahmen müssen letztlich zügig durch die künftige Landesregierung angenommen und umgesetzt werden. Von Papiertigern allein ist in der Fläche noch nichts gewonnen.
Naturschutz kann nur erfolgreich sein, wenn die Politik ernsthaft die Herausforderungen annimmt und angeht. EU- und Bundesgelder für die Landwirtschaft müssen dafür eingesetzt werden, dass der Einsatz der Landwirte für Natur- und Artenvielfalt honoriert wird, wenn sie Insekten, Amphibien, Reptilien, Fischen oder Vögeln im Acker- und Grünlandbereich eine Lebensgrundlage bieten und Boden, Wasser und Klima schützen. Der NABU fordert in Übereinstimmung mit anderen Naturschutzverbänden, dass diese Gelder nicht als Flächenprämie unabhängig von der Bewirtschaftungsart ausgeschüttet werden. Viele Landwirte sind bereit, naturschutzfachliche Anforderungen zu erfüllen. Die Politik muss Naturschutz und Landnutzer zusammenbringen, um gemeinsam in konkreten Landschaftseinheiten eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Bewirtschaftung zu gewährleisten. Städte und Gemeinden müssen sich austauschen, voneinander lernen und neue Wege wagen. Es braucht ausreichende finanzielle Mittel, um nachhaltige mittel- und langfristige Projekte umzusetzen.
Naturschützer stellen hohe Erwartungen an die künftige Landespolitik. Das müssen sie auch, denn der Punkt, an dem ein Umsteuern – hin zu einer naturverträglichen Bewirtschaftungsweise der natürlichen Ressourcen – nicht mehr möglich ist, steht kurz bevor. Die Umwelt- und Verkehrsverbände haben ein gemeinsames Positionspapier zur Landtagswahl entwickelt, das die Forderungen zu Landwirtschaft, Verkehr, Energie und Klima, Natur- und Artenschutz, Wald- und Gewässerschutz aufführt. Das Positionspapier ist auf den Webseiten des NABU Brandenburg abrufbar.

Julia Ehritt
NABU Brandenburg

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