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Der bedrohte Schwan

Eines der größten und eindrucksvollsten Vogelbilder aller Zeiten ist das Gemälde Der bedrohte Schwan des holländischen Malers Jan Asselin (um 1610–1652). Es ist das erste Gemälde, das für die Nationale Kunstgalerie der Niederlande, Vorläufer des heutigen Rijksmuseum, erworben wurde.

Das Bild zeigt einen lebensgroßen, aufgeregt fauchenden Höckerschwan (Cygnus olor), der mit ausgebreiteten Flügeln und vorgestrecktem Hals sein Nest vor einem heranschwimmenden Hund verteidigt, dessen Kopf links unten zu sehen ist. Durch den niedrigen Standpunkt des Betrachters wirkt der Schwan besonders eindrucksvoll. Das prächtige weiße Gefieder strahlt vor dem blauen Himmel, die Flügel und einzelne Federn werden von dahinter einfallendem Licht durchleuchtet. Die Szene wirkt durch die bewegte Pose des Schwans wie eine dramatische Momentaufnahme, die durch die aus dem Nest aufgewirbelten Federn noch verstärkt wird.
Jan Asselijn war ein niederländischer Maler französischer Abstammung. War er zu Lebzeiten hauptsächlich für seine Landschaftsbilder berühmt, so ist er heutzutage vor allem durch sein Gemälde Der bedrohte Schwan bekannt, sein einziges überliefertes Vogelbild. Mit unserem größten Wasservogel dürfte er durch eigene Anschauung gut vertraut gewesen sein. Asselijn lebte in Amsterdam und kannte sicher die örtlichen Schwanenteiche und die am nahegelegenen IJsselmeer zu Tausenden mausernden Tiere.
Beim Ankauf für das Museum im Jahre 1800 wurde Asselijns Gemälde als ein Symbol nationaler Wehrhaftigkeit gegenüber feindlichen Angreifern interpretiert. Zu dieser Auslegung führten die Beschriftungen auf dem Gemälde: “DE VIAND VAN DE STAAT” (Der Feind des Staates) über dem Hundekopf, “DE RAAD=PENSIONARIS” (Der Ratspensionär) zwischen den Beinen des Schwanes, und “HOLLAND” auf dem vorderen der vier Eier im Nest. Das Schwanengemälde wurde verstanden als politische Allegorie, in welcher der Schwan in seinem unschuldsfarbenen weißen Federkleid für den Ratspensionär Johan de Witt (1625–1672) steht, als Staatssekretär von Holland einer der mächtigsten Männer im Land. De Witt, dessen Heimatstadt Dordrecht einen Schwan im Wappen führt, verteidige Holland vor dem angreifenden Hund, hier Symbol des Bösen, den man mit dem feindlichen England oder Frankreich in Verbindung brachte. Allerdings stellte man später fest, dass der Maler bei der Ausführung des Gemäldes unmöglich diese Propagandaaussage im Sinn gehabt haben konnte, denn Asselijn starb bereits ein Jahr bevor de Witt an die Macht kam. So erwiesen sich die Inschriften bei genauerer Betrachtung als spätere Hinzufügungen von anderer Hand.
Der Auftraggeber des Bedrohten Schwans ist unbekannt. Allerdings ist es denkbar, dass Asselijn dem Amsterdamer Bürgermeister Cornelis de Graeff (1599–1664) als potentiellem Auftraggeber zur Ausgestaltung des neuen Rathauses schmeicheln wollte, denn das Wappen der Familie zeigt Schwäne, und die Familie hatte auf ihrem Gut das Privileg der Schwanenzucht.
Asselijns großformatiges Gemälde ist die erste überlieferte Darstellung, in der ein Hund einen Schwan angreift und dieser sich aufbäumend verteidigt. Das Motiv wurde später in der Malerei häufig nachgeahmt.
Freilaufende Hunde stellen tatsächlich eine Gefahr für Schwäne dar, denn das Gelege kann bei Störung aufgegeben werden, und Bisswunden von Hunden können bei Schwänen zu Blutvergiftungen führen. Umgekehrt kann aber der Flügelschlag eines Schwanes einen Hund töten.
Der Höckerschwan ist heute in Mitteleuropa als halbdomestizierter Vogel weitverbreitet. Ursprünglich kam er in Europa in Südskandinavien, dem nördlichem Mitteleuropa, im Baltikum und am Schwarzen Meer vor.
Wegen seines Fleisches, das als Delikatesse galt, wurde der Schwan bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stark bejagt, und seine Eier wurden gerne verzehrt, so dass es kleine Wildbestände fast nur noch im Ostseeraum gab. Parallel zur Jagd auf die Wildvögel wurden über Jahrhunderte immer wieder Schwäne auf Parkweihern und Gewässern vor Städten, Burgen und Schlössern ausgesetzt, in West- und Mitteleuropa spätestens seit dem 15. Jahrhundert, in Großbritannien deutlich früher. So finden sich die ersten identifizierbaren Schwäne in der englischen Buchmalerei schon im 13. Jahrhundert.
In Deutschland fand eine starke Ansiedlung des Höckerschwans schließlich ab etwa 1920 statt, nachdem man am Bodensee 1917 erstmals mit Erfolg die Vögel ausgewildert hat. Allerdings kam in vielen Gegenden der Bestand im Zweiten Weltkrieg – wie etwa in Berlin – wieder zum völligen Erlöschen. Erst ab den 1950er Jahren kam es dann langsam zu einer größeren Bestandszunahme. In Brandenburg und Berlin wird der Bestand an Höckerschwänen, die hierzulande Standvögel sind, auf etwa 800–1.200 Brutpaare geschätzt. Die meisten Vögel bleiben ein Leben lang verpaart.
Russische Freunde der Autorin waren bei einem Berlin-Besuch erstaunt, am Wannsee halbdomestizierte Schwäne so zahlreich anzutreffen, denn in ihrer Heimat werden die bis zu 13 Kilogramm schweren Tiere noch heute gerne zum Verzehr gejagt.
Die Gesamtpopulation des Höckerschwans wird von der IUCN (International Union for Conservation of Nature) weltweit auf über 600.000 Brutpaare geschätzt und als ungefährdet eingestuft.
In vielen Bundesländern Deutschlands darf der Höckerschwan vom 1. November bis 20. Februar bejagt werden, nicht jedoch in Berlin. Der NABU setzt sich seit vielen Jahren gegen den Abschuss des Höckerschwans ein, da er aus der Ferne leicht mit seltenen Arten wie Sing- oder Zwergschwan verwechselt werden kann. Außerdem findet eine natürliche Bestandsregelung durch harte Winter und die starke Territorialität der Vögel statt. Ist die Kapazitätsgrenze in einem Gebiet erreicht, nimmt der Bruterfolg der Schwäne aufgrund von Nahrungsmangel und gegenseitigen Störungen ab.

Iris Fleckenstein-Seifert

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