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Norwegen

Land der Fjorde, Fjelle und Gletscher

„Land am Nordweg“ – nichts anderes bedeutet „Norvegen“. Im Land der Fjorde, Fjelle und uriger Gebirge erwartet den Reisenden eine unglaubliche Vielfalt an Lebensräumen, Pflanzen und Tieren. Nicht weniger beeindruckend sind die wundervollen Zeugnisse früher menschlicher Besiedlung. Und nicht zu vergessen: die Weite!

Dreimal nahm das Eis im Quartär seinen Ursprung im skandinavischen Gebirge. Von dort nach Süden vorstoßend, prägte es die Oberflächengestalt Nord- und großer Teile Mitteleuropas. In Norwegen haben die einst bis zu 2.000 Meter mächtigen Eispanzer in nahezu allen Landesteilen glatt geschliffene Berge und Landflächen hinterlassen. Bis zu 1.500 Meter tief ins Gestein eingeschnittene U-Täler zeugen noch heute von der Kraft des Eises. Als die Gletscher vor etwa 10.000 Jahren auch in Norwegen abschmolzen, füllten sich die bis zur Küste reichenden Täler mit Meerwasser – die Fjorde entstanden. Von den Eismassen befreit, hebt sich Skandinavien noch immer infolge des isostatischen Ausgleichs jährlich um einige Millimeter. Vor etwa 6.000 bis 8.000 Jahren (Atlantikum) war es in Nordeuropa deutlich wärmer als heute und die Gletscher waren vollständig abgetaut. Die heute in Norwegen gelegenen drei größten Gletscher Festland-Europas entstanden erst mit der nach dem Atlantikum einsetzenden Abkühlung. Ihre größte Ausdehnung hatten die neuen Gletscher zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert. So manche Bergsiedlung wurde während dieser Zeit von den wachsenden Gletscherzungen überfahren. Seit etwa 150 Jahren sind die Gletscher aber auch dort – wie in ganz Europa und nahezu weltweit – erneut auf dem Rückzug, teils auf dramatische Weise.

Der höchste Berg Norwegens und zugleich Skandinaviens ist der Galdhøpiggen im Jotunheimen-Nationalpark (2.469 Meter). Und obwohl er sich wie die anderen höchsten Berge des Landes oft über 300 Tage im Jahr in dichte Wolken hüllet, gehört er  zu den beliebtesten Reisezielen der Einheimischen und Touristen. Nicht nur an schönen Tagen wälzen sich täglich hunderte von Berggängern in geführten Seilschaften von 30 bis 40 Leuten über die umgebenden Gletscher. Ein früher Start sichert zumindest beim Aufstieg etwas Einsamkeit.

Wärmender Golfstrom und Eisströme

Der Golfstrom erzeugt an vielen Küsten Nordeuropas ein ausgeglichenes Klima und gilt als „Motor“ der Meeresströme auf der Nordhalbkugel. Ihm zu verdanken ist auch die ganzjährige Eisfreiheit der nordwestlichen Küste Norwegens bis hinauf zum Nordkap. Etwa bis zur geografischen Höhe von Trondheim sind die Winter vergleichsweise mild und die Sommer warm. Dadurch gedeihen dort – vor allem am Sognefjord – viele Obst- und Gemüsesorten in hervorragender Qualität, sogar Pfirsiche und Aprikosen.

Abseits der höheren Berge bestimmt ein fast mitteleuropäisches Klima den Süden Norwegens, die Land- und Forstwirtschaft ist dort sehr intensiv. An den südlichen Schärenküsten, vor allem in der weiteren Umgebung von Oslo, sind zudem viele Felsen mit komfortablen Wohn- und Wochenendhäusern bebaut, welche den Zugang zum Wasser verwehren.

Anders verhält es sich an der südlichen Westküste. Fruchtbares Land, das zum Teil selbst während der letzten Kaltzeit eisfrei geblieben war, findet sich dort mit vielen kleinen Dörfern im Hinterland. Mit ihren tausenden von Halbinseln, Inselchen und Buchten gleicht die recht flache Schärenküste einem Paradies mit glasklarem, aber doch überraschend kühlem Wasser. Der oft sehr helle Granit lässt das Wasser intensiv blau erscheinen und an Karibik oder Cote Azur denken. Die Gewässer sind äußerst fischreich, und so manches Küstenörtchen erfüllt mit seinen bunten Holzhäusern jedes Skandinavien-Klischee.

Je weiter man vom norwegischen Südkap am Kap Lindesness Richtung Norden fährt, umso bergiger wird das Land und die Fjorde werden länger und tiefer. Die tieferen Lagen sind nun von Eichen-Birken-Mischwäldern geprägt, die höheren von Waldkiefern und Fichten. Oberhalb von etwa 800 Metern Höhe bestimmen zunehmend nordische Waldtypen das Bild. Die zahlreichen Bergseen unterschiedlicher Größe sind fast ausnahmslos extrem nährstoffarm und glasklar, ihr Wasser ist meist von Huminsäuren bräunlich gefärbt. An Ufern und in Flachwasserzonen siedeln Wasserlobelien, eine Zeigerart oligotropher Klarwasserseen, die es heute auch noch sehr selten im Nordwesten Deutschlands gibt. In nördlicher Richtung anschließend, prägen bis Stavanger lange weiße Sandstrände mit Sanddünen die norwegische Schärenküste.

Fjorde und Fjelle

Nördlich von Stavanger, jener sehenswerten, aber leider völlig überlaufenen alten Hansestadt, beginnt das Fjordland. Die erste Zäsur erfolgt durch den Lysefjord – fast 1.000 Meter tief hat sich hier der Gletscher in das Gestein eingeschnitten. Richtung Norden reiht sich nun ein Fjord an den anderen, manche verästeln in östlicher Richtung mehrfach. Je weiter der Weg nach Norden führt, desto tiefer und schmaler werden die Trogtäler. Bald gesellen sich im Hintergrund in unglaublicher Nähe hoch aufragende Bergriesen und Gletscher hinzu. Im Folgefonn-Nationalpark sind sie kaum fünf Kilometer von der vom Golfstrom erwärmten Meeresküste entfernt.

Zwischen den Fjorden erstreckt sich oft ein relativ gering reliefiertes Hochland, welches von ausgedehnten arktischen Tundren, Bergseen und Mooren geprägt wird. Die sogenannten Hochfjelle liegen rund 1.000 bis 1.500 Meter über dem Meeresspiegel. Zwar unweit der sonnenverwöhnten Küsten gelegen, herrscht dort oben ein streng arktisches Klima mit winterlichen Temperaturen von nicht selten unter -50 Grad Celsius. Aber auch im Sommer ist es dort recht frisch, neblig oder regnerisch. Nicht so jedoch im Sommer 2018, einem auch für Skandinavien ausgesprochenen Ausnahmesommer. Wochenlange Schönwetterperioden, strahlend blauer Himmel selbst im Hochfjell und die in ebensolchen ragenden höchsten Bergspitzen des Landes – so haben wir Norwegen erlebt. Und in den Hochfjellen, wo in den unteren Lagen Moorbirken und etwas darüber Fjellbirken- und Lapplandweiden-Gebüsche zusammen mit riesigen Mooren das Bild beherrschen, waren sogar die sonst allgegenwärtigen Mücken und „Midges“ rar.

Das bekannteste und größte Hochfjell Norwegens ist die Hardangervidda. Im Norden wird sie von der Eiskappe des Hardangerjökull gekrönt, einem Plateaugletscher, der fast 1.900 Meter über Meeresniveau erreicht. Amundsen und seine Mannschaft hatten dort monatelang für ihre allbekannte Arktisexpedition geprobt. Heute ist das Gebiet eine beliebte Wandergegend mit zahlreichen Berghütten. Doch selbst an Schönwettertagen ist man auf den meisten Routen fast alleine, sieht man einmal vom „Kultziel“ des jährlich von über 200.000 Besuchern „heimgesuchten“ Felsvorsprungs der Trolltunga („Trollzunge“) am Südrand des Hochplateaus ab, die etwa 1.000 Meter hoch über einem Bergsee herausragt. Die Hardangervidda beherbergt die größte Population nicht domestizierter Rentiere in ganz Norwegen. Deren Hinterlassenschaften sahen wir auf den Wanderpfaden zwar überall, sie selbst jedoch nicht. Wahrscheinlich war es ihnen zu warm und sie hatten sich in die höchsten und einsamsten Regionen zurückgezogen. Neben verschiedenen arktischen Gehölzen – allen voran Fjell- und Zwergbirken – erfreuen auf dem Hochfjell Moltebeere, Glockenheide und Moorlilie (auch Beinbrech genannt) nicht nur das Auge des Botanikers. Überrascht ist man dann schon eher vom attraktiven Purpurenzian oder wunderschönen Orchideen wie dem Gefleckten Knabenkraut oder der Händelwurz. Auch das in Mitteleuropa schon fast ausgestorbene Karlszepter oder der Moorkönig – eine Läusekraut-Art – können entdeckt werden, Moorschneehühner und zahllose Braunkehlchen sind Begleiter am Wegrand.

Von den Hochfjellen zu den Fjorden ergießen sich zum Teil gigantische Wasserfälle. Der enorme Wasserreichtum des Landes macht es möglich, dass Norwegen seinen Energiebedarf zu 99 Prozent aus Wasserkraft deckt. Dies blieb allerdings nicht ohne Einfluss auf die Gewässer. Viele wurden angestaut und betreiben Wasserkraftwerke, die zahlreichen natürlichen Seen kann man oft kaum von Stauseen unterscheiden. Über endlose unterirdische Stollen wird das Wasser von den Seen zu den Turbinen geleitet. Fast ebenso viele unterirdische Röhren werden – Tendenz stark zunehmend – von Straßentunneln eingenommen. Der längste von ihnen ist der Lærdalstunnel mit fast 25 Kilometern Länge. So manche Straße über die Hochfjelle ist daher heute recht einsam geworden. Wer aber stressfreie Abenteuerfahrten über zahllose Serpentinen bergauf und bergab mag, sollte sie wählen. Einsame Wanderparkplätze laden darüber hinaus zum Übernachten in der einsamen Bergwildnis ein.

Im Zentrum des Kaledonischen Gebirges

Der mit 474 Quadratkilometer größte Gletscher des europäischen Festlands ist der Plateaugletscher des Jostedalsbreen im gleichnamigen Nationalpark. Weiter östlich schließt sich der Jotunheimen-Nationalpark mit seinen vielen über 2.400 Meter hohen Bergspitzen und ausgedehnten Gletschergebieten an. Über die berühmte Sognefell-Straße gelangt man von der Küste in wenigen Stunden in diese schroffe, unbesiedelte Bergwelt. In den etwas nördlicher gelegenen Nationalparks Breheimen und Trollheimen setzt sich diese hochalpine Bergwildnis fort, um weiter nordwärts schier unendlich zu werden.

Spätestens in Geiranger – am gleichnamigen, im Rahmen des UNESCO-Welterbes geschützten Fjord – begegnet man jedoch wieder dem Massentourismus. Im Sommer liegen dort jede Nacht bis zu drei Kreuzfahrtschiffe vor Anker. Während deren Passagiere den kleinen (und überteuerten) Ort übervölkern, hängen die Abgase der mit laufenden Motoren wartenden Schiffe vor allem bei Inversionswetterlagen wie eine Glocke im Tal. Hinzu kommen tausende mit PKW, Wohnmobilen und vor allem Ausflugsbussen anreisende Tagestouristen, die dann auch noch die steilen Bergstraßen verstopfen. Mit einer Tageswanderung hoch über dem Geirangerfjord, vorbei an mehreren denkmalsgeschützten, teils Jahrhunderte alten, ehemaligen Gehöften und kleinen Bergsiedlungen, findet man die norwegische Einsamkeit jedoch schnell wieder.

Fahrt in die Einsamkeit

Es ist kaum zu glauben, wie schnell sich das Klima in Norwegen in den kontinental geprägten inneren Gebirgsteilen ändert. Östlich der Gipfel des Jotunheimen erstreckt sich das tief eingeschnittene, liebliche Gudbrandsdalen südlich fast bis zur Hauptstadt Oslo. Östlich des Tals ändern sich Landschaft und Vegetation schlagartig. Betragen die Niederschlagssummen im Jotunheimen-Nationalpark teils noch über 2.000 Millimeter im Jahr, fallen im Rondane-Nationalpark östlich des Gudbrandsdalen, keine 500 Kilometer vom Meer entfernt, kaum mehr als 350 Millimeter Niederschlag – und das zumeist als Nebel oder im Winter als Schnee. Dort und in den nördlich angrenzenden Nationalparks Dovre und Dovrefjell herrscht großflächig arktische Flechtentundra vor, mit vielen Arten von Rentierflechten und anderer Flechten-Arten. In den höheren Regionen sind sie häufig mit Zwergbirken und Gebüschen von Lapplandweiden und deren Hybriden mit anderen Weidenarten durchsetzt. In den weiten Tälern gibt es ausgedehnte Talmoore. Am bekanntesten ist – vor allem unter Ornithologen aus aller Welt – die Sumpf- und Seenlandschaft das Fokstumyra. Im Dovrefjell wurden schon vor etwa hundert Jahren Moschusochsen angesiedelt.

Zurück in die Zivilisation

Durch das Gudbrandsdalen gelangt man auf einer gut ausgebauten Europa-Straße schnell wieder ins südliche Norwegen nach Oslo und  weiter nach Schweden. Immer mehr wird Wildnis nun von Kulturlandschaft verdrängt. Unweit westlich des Wintersportortes Lillehammer kann man im erst vor wenigen Jahren deutlich erweiterten Langsua-Nationalpark aber nochmals in die skandinavische Wildnis abtauchen. Die zahlreichen Seen und Moore des Gebietes und einsame Berggipfel laden zu ausgedehnten Wanderungen auf schmalen, aber gut markierten Pfaden ein. Die faszinierenden Berglandschaften lassen sich aber selbst in der Umgebung von Oslo noch genießen – nur einsam sind diese Küstenabschnitte nicht mehr. Wir sind uns jedenfalls sicher: Norwegen müssen wir weiter erkunden.

Dr. Frank Zimmermaann

 

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