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Ausgabe 3/2018

Verehrt, genutzt, geschützt

Der „Urwald“ von Białowieża

Fährt man von Warschau etwa drei Stunden nach Osten, gelangt man in eine Region, die dem typischen Bild Polens kaum zu entsprechen scheint. Sie ist wesentlich stärker von Wäldern und Wasser geprägt. Es erheben sich bunte orthodoxe Kirchen, viele Menschen sprechen einen ostslavischen Dialekt. Dort, ganz am Ende der Europäischen Union und durch die Schengen-Außengrenze geteilt, befindet sich der berühmte „Urwald“ von Białowieża. In der Wahrnehmung der meisten Polen wird er mit jahrhundertealten Bäumen und dem größten europäischen Landsäugetier, dem Wisent, assoziiert.

Białowieża ist der Rest eines einstmals umfassenden Gürtels von Wäldern und Sümpfen. Schon im Mittelalter diente die Region als Versorgungsbasis für polnisch-litauische Heere sowie als Jagdrevier der Könige. Der Jagd verdankte sie auch ihr weitgehend unverändertes Überdauern, denn sie war dem Herrscher vorbehalten. Nichtsdestotrotz gab es lange Zeit so etwas wie eine bescheidene wirtschaftliche Nutzung durch die Erzeugung von Pottasche und das Ernten von Waldhonig. Schutzmaßnahmen stellten sicher, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch etwa 60 Prozent des ursprünglichen Waldbestands vorhanden waren.
Als die Russen 1798 Białowieża übernahmen, wurde die wirtschaftliche Ausbeutung der Holzvorkommen zeitweise verstärkt. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ähnelte der Ort, wo sich der Zar ein heute zerstörtes Jagdschloss hatte errichten lassen, eher einem Wildgehege, in dem speziell die Zahl der Wisente massiv anwuchs. Aus der Perspektive des Naturschutzes war das nicht unproblematisch, zumal die übermäßigen Fütterungen dazu führten, dass die Tiere die Scheu vor Menschen komplett verloren.
Die im August 1915 beginnende und über drei Jahre andauernde deutsche Besatzung führte zu einer nach Ideen aus den kolonialen Gebieten Afrikas betriebenen massiven Abholzung der Baumbestände. Als die Truppen abzogen, entstand zunächst ein Machtvakuum, das umherziehende Soldaten und die wildernde, weil hungernde lokale Bevölkerung dazu nutzten, um die in Białowieża lebenden Wisente komplett auszurotten.
Als der neue polnische Staat im Januar 1919 den „Urwald“ übernahm, entstand rasch der Plan, dort einen Nationalpark einzurichten. Ein kleiner Teil, den der bedeutende deutsche Botaniker Hugo Conwentz schon während des Krieges als besonders schützenswert bezeichnet hatte, wurde unter besondere Fürsorge gestellt.
Die Jahre zwischen den Weltkriegen waren aber vor allem geprägt durch erneuten umfangreichen Holzabbau, der den Waldbestand beinahe halbierte, und die auch aus politischen Gründen forcierte „Rückkehr des Wisents“. Hintergrund waren die internationalen Bemühungen zur Rettung der Art. Nach dem knapp zweijährigen Intermezzo der sowjetischen Besatzung fand der selbsternannte Reichsjägermeister Herrmann Göring infolge des deutschen Einmarschs im Juni 1941 besonderen Gefallen an der Gegend. Białowieża wurde von allen Faktoren gesäubert, die einem „naturbelassenen Urwald“ im Wege standen, nämlich von den dort lebenden Menschen. Die Juden der Region wurden gleich ermordet oder in Vernichtungslager deportiert, Teile der einheimischen Bevölkerung vertrieben, Dörfer in Brand gesteckt.
Den Tieren ging es besser als den Menschen, und als die Rote Armee den Wald erreichte, hatten zumindest ein paar Wisente überlebt. Infolge polnischer-sowjetischer Verhandlungen wurden die neuen Grenzen der Region entgegen der ursprünglichen Planungen so verändert, dass Białowieża geteilt wurde. Die Kooperation Polens und der UdSSR ermöglichte immerhin gemeinsame Schutzmaßnahmen für die Wälder sowie ein umfassendes Zuchtprogramm für Wisente und andere Wildtiere. Zudem wurden die formalen Grundlagen für zwei Nationalparks geschaffen. Seit 1979 zählt Białowieża zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Nach 1989 prallten in Polen die Ansichten von Dorfbewohnern, Förstern und Umweltschützern weitgehend ungeschützt aufeinander. Der Nationalpark umfasst heute etwas über 10.000 Hektar, was lediglich ein Sechstel des polnischen Teils darstellt. Davon wiederum beläuft sich die streng geschützte Zone nicht einmal auf die Hälfte. Im neuen weißrussischen Staat wiederum stehen zwar größere Gebiete unter Schutz, dieser wird aber nicht allzu streng gehandhabt, so wird beispielsweise Totholz in der Regel umgehend entfernt.
In letzter Zeit geriet jedoch eher der polnische Teil in die internationalen Schlagzeilen, weil die nationalkonservative Regierung beschloss, die Eingriffe in den Wald massiv auszuweiten, um die staatliche Holzwirtschaft zu stützen. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit Umweltschützern und entsprechenden Drohungen europäischer und internationaler Organe hat es momentan den Anschein, als ob die Regierung zumindest teilweise zum Einlenken bereit ist. Man wird freilich die weitere Entwicklung abwarten müssen, um zu entscheiden, ob dieses europaweit einmalige Ensemble jahrhundertealter Bäume und teilweise freilebender Wisente auch in Zukunft in der gegenwärtigen Form Bestand haben wird.


Dr. Markus Krzoska
Privatdozent an der Justus-Liebig Universität Gießen für osteuropäische Geschichte

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