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Ausgabe 3/2018

Urwälder

Von der verborgenen Wildheit unserer Wälder

Wohl jeder kennt das Wort „Urwald“. Und dennoch klingt es etwas unwirklich. Zunächst denkt man an unberührte tropische Regenwälder, an undurchdringliche „grünen Höllen“ aus Kinofilmen und Abenteuerromanen. Aber auch in Mitteleuropa gab es vor gut 2.000 Jahren noch Urwälder. „Starrend vor Wald, entstellt durch Sümpfe“: So beschrieb der römische Geschichtsschreiber Tacitus einst das Land der Germanen. Tatsächlich waren überwiegende Teile des heutigen Deutschlands damals von Wäldern bedeckt. Aber waren sie „starrend“ und „schrecklich“?

Wo Stürme oder hungrige Insektenschwärme größere Lichtungen hinterließen, grasten einst schon bald große pflanzenfressende Säugetiere friedlich nebeneinander – beispielsweise Auerochsen. Die restlichen Teile des Urwalds waren jedoch durch mehr oder weniger geschlossene Baumbestände gekennzeichnet, die sich durch nachwachsende Sämlinge ständig von selbst regenerierten. Zwar starben auch immer wieder einzelne große und alte Bäume. Doch wenn diese umfielen, rissen sie nur kleine Lücken in den Bestand. Schnell siedelten sich in den entstandenen Lichtlöchern wieder junge Bäume an. Kleinstorganismen zersetzten das reichlich anfallende Totholz und führten es wieder in den Nährstoffkreislauf zurück.

Mystisch und verborgen

Bis weit in die Neuzeit hinein war der Wald den Menschen ein geheimnisvoller Ort. Er war Sinnbild für Wildnis, Sitz der Götter, ein Mythos. Er war die Kulisse unzähliger Märchen und Sagen, aber auch Holz liefernder Wohn- und Arbeitsplatz der bäuerlichen Bevölkerung. Urwälder entwickelten sich zu Nutzwäldern. Der Mensch hatte ihre Aura entweiht, sie zum Holzacker degradiert.
Das Wesen ursprünglicher Wälder blieb weitgehend verborgen – zu winzig und kaum beachtet waren ihre Reste. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Urwald Mitteleuropas schon fast völlig zerstört war, wurden sie neu entdeckt. Der Breslauer Botanik-Professor Heinrich Robert Göppert besuchte 1864 die letzten Urwälder Böhmens und lieferte eine erste wissenschaftliche Beschreibung ihrer Merkmale. Er berichtete über „gewaltige, drei- bis vierfach übereinander lagernde, mit Moos bedeckte Stämme“, die „auf höchst eigenthümliche Weise an den Boden befestigt“ sind, indem „auf ihnen in ihrer ganzen Länge wieder andere Bäume keimten; […] die ihre Wurzeln in das verrottete Innere der Mutterstämme senkten oder sie auch umklammerten.“ Zum Charakter eines Urwalds gehörten nach Göppert’s Beschreibung „nicht blos einzelne Stämme von kolossaler Größe“, sondern „als Eigenthümlichkeit“ auch „zahlreiche knollige, oft wundersam gestaltete Auswüchse“ sowie zudem vor allem die „Dichtigkeit des Wachstums, wie sie in der That zur Zeit noch wohl nirgends mehr in Deutschland als eben hier gefunden wird.“
Der Schweizer Urwaldforscher Hans Leibundgut definierte den Begriff „Urwald“ im Jahr 1982 wie folgt: „Urwälder sind ursprüngliche, in ihrem Aufbau seit jeher durch natürliche Lebensbedingungen geprägte Wälder. Ihr Boden, ihr Innenklima, ihre gesamte Lebewelt und ihre Lebensvorgänge sind weder durch Holznutzung, Streugewinnung oder Beweidung, noch durch andere mittelbare und unmittelbare, menschliche Einflüsse verändert worden!“

Werden und Vergehen im Mosaik-Zyklus

Göppert’s Beobachtungen und Erkenntnisse über den mitteleuropäischen Urwald blieben allerdings lange Zeit unbeachtet. Weitere Forschungen legten erst im Verlauf des vorigen Jahrhunderts den Grundstein zur Klärung seiner biologischen „Funktionsweise“. Von der damaligen Forstwirtschaft wurde der Urwald systematisch bekämpft und zum Feind erklärt. Es galt das Motto: „Wo der Forstmann wirtschaften will, muss der Urwald erst entfernt sein.“
Nach unseren heutigen Kenntnissen stellen Wälder ein sehr dynamisches Ökosystem dar, das sich in einer ununterbrochenen Wechselfolge von Lebens- und Sterbeprozessen befindet, wobei Störungen – wie zum Beispiel Windwurfereignisse – in seltenen Ausnahmefällen eine bedeutende Rolle spielen können. Untersuchungen im tropischen Regenwald sowie weitere Studien in südost- und osteuropäischen Urwaldresten führten zu der Erkenntnis, dass der stetige Wandel in diesen Wäldern durch verschiedene Stadien und Phasen der Waldentwicklung gekennzeichnet ist, die in der Regel in kleinen Flächeneinheiten mosaikartig auftreten und durch den natürlichen Alterungsprozess der Bäume maßgeblich beeinflusst werden. Fachleute wie Herrmann Remmert und Stephan Korpel beschrieben in den 1990er Jahren einen „Mosaik-Zyklus“, der mit einem „Verjüngungs- und Heranwachsstadium“ beginnt, ein „Optimalstadium“ erreicht und schließlich in einem „Alters- und Zerfallsstadium“ endet. Jedes dieser Stadien hat seine charakteristischen Merkmale. Vor allem sind es aber die Alters- und Zerfallsstadien, die sich mit ihren außergewöhnlich hohen Anteilen bereits abgestorbener Bäume auszeichnen und deshalb sehr artenreich sind. So widersprüchlich es klingt: Gerade die Prozesse des Sterbens sind die Basis für das Überleben eines Waldes. An jeder Stelle der Stadien- und Phasen-Abfolge können Störeinflüsse den „Zyklus“ aber unterbrechen. Auf diese Weise entstehen ineinander fließende, in sich „verschachtelte“ Strukturen, die im Urwald – wie von Göppert beschrieben – eine sehr komplexe Biotopvielfalt erzeugen.

Zeichnung Stelzfichten2


Urwälder in der Kulturlandschaft?
Bei uns einst flächendeckend verbreitet, ist der Urwald im Laufe der Jahrtausende systematisch gerodet, zerstört, in Hute- und Wirtschaftswälder sowie Ackerland umgewandelt worden. Im Raum Brandenburg sind die Wälder seit dem Neolithikum – vor ca. 6.000 Jahren – sukzessive zurückgedrängt worden. Übrig geblieben ist heute ein Restwald-Anteil von etwa einer Million Hektar, was etwa 37 Prozent der Landesfläche entspricht. Die einst ursprünglichen Waldbilder Brandenburgs wurden hauptsächlich durch Eichen-, Buchen- und Buchenmischwälder sowie durch Eichen-Hainbuchenwälder geprägt. Nadelhölzer spielten ursprünglich flächenmäßig so gut wie keine Rolle. Heute werden Brandenburgs Wälder hauptsächlich von künstlich geschaffenen, monotonen Kiefernforsten dominiert. Aktuell beträgt ihr Anteil rund 70 Prozent der Waldfläche.
In den „temperaten“ Buchen- und Buchenmischwäldern Mitteleuropas muss man heute schon sehr lange suchen, bis man noch einigermaßen unberührte Urwaldbestände entdeckt. Die meisten von ihnen befinden sich kleinflächig verstreut in den ost- und südosteuropäischen Mittel- und Hochgebirgen, in den Karpaten, Dinariden und im Balkangebirge. Den größten, nächstgelegenen Urwaldrest findet man im hochmontanen „Rothwald“ in den niederösterreichischen Kalkalpen: Er umfasst eine Fläche von gerade mal 500 Hektar. Georg Gratzer, Bojana Veselinovic und Hans-Peter Lang benannten in einer Studie aus dem Jahr 2012 die Fläche des verbliebenen Urwaldbestands Zentraleuropas mit 170.000 Hektar. Das entspricht etwa 0,4 Prozent der gesamten Waldfläche.In Deutschland sind Urwälder flächendeckend schon längst verschwunden. Selbst die über 800 deutschen Naturwaldreservate beherbergen keine echten Urwälder. Vielmehr sind dies ehemalige Wirtschaftswälder, die seit einigen Jahrzehnten nicht mehr genutzt werden. Auch in den deutschen Nationalparks sind die meisten streng geschützten Wälder ehemals durch die nutzende Menschenhand verändert worden. Eine Ausnahme bilden vielleicht kleinste Bestände in den Nationalparks „Bayerischer Wald“ und „Harz“, wo sich noch winzige Urwaldflecken aus Nadelbäumen in den Hochlagen bewahrt haben. Ebenso kommen an den unzugänglichen Steilhängen rund um den nordhessischen Eder-Stausee kleinste Reste von Urwäldern vor. Ein vergleichbarer, durch Laubholz geprägter Urwaldbestand findet sich erst wieder in einem nur zwölf Hektar großen Reservat am „Dobra“-Stausee im niederösterreichischen Waldviertel.
Eine Vorstellung, wie die einst vorhandenen Urwälder im Raum Berlin/Brandenburg ausgesehen haben, vermittelt das 77 Hektar große Totalreservat „Fauler Ort“ im Menzower Forst – ein seit mehr als hundert Jahren nicht mehr genutzter Laubmischwald mit Rotbuche, Winter- und Sommerlinde, Bergahorn, Hainbuche, Vogelkirsche und Traubeneiche. Die dort akkumulierte Totholzmenge erreicht einen Spitzenwert von 220 Kubikmeter pro Hektar und der Stammdurchmesser der dicksten Buche im Gebiet umfasst 153 Zentimeter! Zum Vergleich: In Wirtschaftswäldern betragen die durchschnittlichen Totholzmengen höchstens 20 Kubikmeter und die dicksten Bäume erreichen einen Stammdurchmesser von gerade 70 Zentimeter.

Urwaldrestbestände der sommergrünen Laubwaldzone sind weltweit so selten geworden, dass sie heute als unersetzbares Naturerbe gelten und daher den bestmöglichen Schutz verlangen. Sie stellen ein Bindeglied zwischen den einst großflächig vorhandenen Urwäldern und den heutigen, wirtschaftlich genutzten Wäldern dar. Sie sind die letzten Refugien für sehr seltene Urwald-Reliktarten wie den Ästigen Stachelbart (Pilz) oder den im Totholz lebenden Eremitenkäfer und beherbergen allgemein selten gewordene Arten reifer Waldstrukturen wie zum Beispiel einige Fledermausarten.   

„Urwälder“ von morgen

Laut Definition dokumentieren Urwälder einen Waldzustand, der niemals durch Menschen beeinflusst oder verändert wurde. Jeder direkte oder indirekte menschliche Eingriff würde diesen Ur-Zustand zerstören. Ein einmal genutzter Urwald ist somit in seiner Ur-Form nicht wiederherstellbar. Dennoch besteht die Möglichkeit, Wälder, in die der Mensch eingegriffen hat, wieder in einen Naturzustand zu entwickeln, der alle charakteristischen Kennzeichen eines ursprünglichen Waldes aufweist. Dazu sind genügend Zeit (in der Regel mehrere hundert Jahre!) und Raum sowie der konsequente Schutz der natürlich ablaufenden, dynamischen Entwicklungsprozesse erforderlich. Je nach den Ausgangsbedingungen können solche Wälder dann in ihrer finalen Entwicklung als „sekundäre Urwälder“, „Quasi-Urwälder“ oder allgemein als „Naturwälder“ bezeichnet werden. Neuere, in Buchenwäldern des nordostdeutschen Tieflands durchgeführte Studien versuchen, die für die Naturwaldentwicklung bedeutenden Merkmale und Strukturen von Wäldern zu quantifizieren und zu klassifizieren. Nicht zuletzt sollen sich aus den Ergebnissen Verfahrensweisen für eine möglichst naturschutzkonforme Waldnutzung ableiten lassen. In einem Projekt der Landesanstalt für Großschutzgebiete Brandenburgs wurden unter der Leitung von Martin Flade kurz nach der Jahrtausendwende zwölf bewirtschaftete Wälder mit sechs seit unterschiedlich langen Zeiträumen nicht bewirtschafteten Wäldern verglichen. Die Ergebnisse machen deutlich, wie sich die Bestandsstrukturen unter natürlichen, ungestörten Entwicklungsbedingungen verändern:

-Höhere Kronenrauigkeit der Baumschicht und höhere (horizontale und vertikale) Strukturvielfalt im Bestand.
-Deutlich erhöhter Anstieg der Totholzvorräte und größere Totholz-Vielfalt.
-Deutlich erhöhte Anteile von Sonderstrukturen (Baumhöhlen, Blitzrinnen, Stammabbrüche).
-Rückgang/ Fehlen von Bodenverdichtungs- und Ruderalarten; Zunahme parasitisch lebender Pilze.
-Signifikant erhöhte Vorkommen von Rote-Liste-Arten, insbesondere Holzinsekten.
-Zwei- bis dreifach erhöhte Siedlungsdichten bei buchenwaldtypischen Brutvögeln.

Die Resultate belegen die herausragende Bedeutung sowohl langfristig naturbelassener als auch  konsequent  naturgemäß bewirtschafteter Wälder für den Arten- und Biotopschutz in unserer Kulturlandschaft. Lassen wir also die verborgene Wildheit unserer Wälder in ihrer ungezähmten Dynamik wieder zur Entfaltung kommen! Haben wir den Mut, die Kräfte der Natur ungestört wirken zu lassen!  

Norbert Panek

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