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Überlebensadern oder Lebensgefährlich?

An Alleen entzweien sich die Geister und der Alleenschutz hinkt seinen Zielen hinterher

Als „Grüne Haine des Reisens“ bezeichnete Theodor Fontane einst die märkischen Alleen. Auf seinen Reisen durch die Mark Brandenburg hatte er sicherlich viele hundert Kilometer der von Bäumen begleiteten Straßen passiert. Ob er wohl mit ihrem heutigen Bild zufrie-den wäre? Zweifel sind angebracht.

Wer im zurückliegenden Sommer im offenen Gefährt oder zu Fuß auf märkischen Straßen unterwegs war, wird froh gewesen sein, wenn ihn der Weg durch eine schat-tenspendende Allee führte. Aber auch im geschlossenen Auto, Klimaanlage hin oder her, machte sich der Unterschied zur baumlosen Landschaft deutlicher als sonst be-merkbar, wurde der Sinn von Alleen am eigenen Leib erfahrbar.
Waren Alleen zunächst Gestaltungselemente barocker Gartenanlagen und Städte, ge-wannen sie ab Mitte des 18. Jahrhunderts als Bestandteil außerörtlicher Verkehrswege an Bedeutung. Ende des 19. Jahrhundert war schließlich ganz Deutschland Alleenland. Reisenden boten die Baumreihen an Überlandwegen und Chausseen sowohl Orientie-rung als auch Schutz vor Regen, Sonne und Wind. Alleen sind aber auch ökologisch von großer Bedeutung: Sie sind Lebensraum vieler Tierarten und verbindenden Lebens-räume miteinander.
Die Nachkriegszeit und Teilung Deutschlands bedeuteten für die Alleen eine Zäsur. In der alten Bundesrepublik mussten die meisten Alleen dem Vorwand Verkehrssicher-heit weichen. In der DDR blieben die Baumreihen zwar erhalten, doch es wurde kaum nachgepflanzt – eine unausgeglichene Altersstruktur war die zwangsläufige Folge.

Alleenland Brandenburg

Brandenburg ist berühmt für seine Alleen. Die Bundes- und Landesstraßen der Mark werden auf rund 2.500 Kilometer von Alleebäumen gesäumt. Hinzu kommen geschätz-te 4.500 Kilometer Alleen an Kreis- und Gemeindestraßen, insgesamt also rund 7.000 Kilometer. „Durch das Ebenmaß der baumgesäumten Wege sehe ich das Land wie durch das Fenster und fühle mich darin geborgen“, schrieb Fontane. Würde der Dich-ter heute auf märkischen Straßen reisen, müsste er feststellen, dass aus Fenstern dort allzu oft Tore wurden. Doch die alten Alleen lichten nicht nur zunehmend aus, einige verschwinden sogar ganz. Als Grund wird in erster Linie die Überalterung des Baum-bestandes ins Feld geführt. Ursachen wie der exzessive Tausalzeinsatz, unsachgemäße Baumpflege oder Baumaßnahmen im unmittelbaren Bereich der Bäume werden gerne übersehen. Und nicht zuletzt sorgt der grundhafte Ausbau von Straßen für das Ver-schwinden vieler Kilometer alter Alleen.

Alleenkonzept in Brandenburg
Mit der 2006 von der brandenburgischen Landesregierung beschlossenen Alleenkon-zeption sollte der Erhalt der märkischen Alleen an Bundes- und Landesstraßen gesi-chert werden. Weg vom Einzelbaum – hin zum Alleenabschnitt, hieß es. Unabhängig von der Anzahl der gefällten Bäume sollten nunmehr jährlich 30 Kilometer Alleen neu gepflanzt werden – mit dem Ziel, eine homogene Altersstruktur zu entwickeln. Das wirklich Positive an der von Anfang an äußerst umstrittenen und von den Umwelt- und Naturschutzverbänden vehement kritisierten Konzeption ist das politische Bekenntnis zum Erhalt der Alleen. Doch das jährlich angestrebte Pflanzziel wird seit 2009 stets deutlich verfehlt, im Durchschnitt wird es nur zu etwa zwei Dritteln erfüllt. Als einen wesentlichen Grund für das Defizit nennt der Landesstraßenbetrieb (LS) die Flächen-konkurrenz im ländlichen Raum. Neuanpflanzungen erfolgen aus Gründen der Ver-kehrssicherheit in der Regel 4,50 Meter vom Fahrbahnrand entfernt. Angesichts eines katastrophalen Pflanzergebnisses beklagte der LS bereits 2010, dass sich der dafür notwendige Flächenerwerb als zunehmend schwierig gestaltet. Bis heute haben sich die Bedingungen nicht gebessert. Und so werden die „Fenster“ in den alten Alleen wohl immer breiter werden, ohne dass andernorts neue Baumreihen entstehen.

Traurige Statistik

Spätestens aber wenn die jährliche Verkehrsunfallstatistik veröffentlicht wird, geraten märkische Alleen in den Fokus medialen Interesses. Um die Verkehrssicherheit zu er-höhen, werden in Brandenburg Alleneupflanzungen zumeist mit Schutzplanken verse-hen. Wo solche Leiteinrichtungen außerhalb geschlossener Ortschaften fehlen, gilt seit dem „Landstraßenerlass“ vom 08.07.2011 für Alleen eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundekilometern. Dennoch: „In Brandenburg ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt“, singt Rainald Grebe in seinem Brandenburg-Lied. In 2017 haben 51 Menschen auf märkischen Alleen den Tod gefunden, deutlich mehr als im Jahr zuvor. Für den Präsidenten der Landesverkehrswacht, den CDU-Landtagsabgeordneten Rai-ner Genilke, Anlass, über den Erhalt der Alleen neu nachzudenken. „Wir müssen uns fragen, ob wir in Zukunft noch überall Alleen brauchen und als Kulturgut schützen wol-len, wenn wir wissen, dass wir uns dort totfahren. Wollen wir die Todeszahlen signifi-kant senken, müssen wir an allen Alleen Leitplanken anbringen, was viel Geld kostet, oder einsehen, dass wir nicht jede Allee erhalten können.“ Mit dieser Äußerung auf der Jahreshauptversammlung der Kreisverkehrswacht Elbe-Elster im März dieses Jahres und in Interviews mit mehreren Zeitungen stieß Genilke eine neuerliche Diskussion über die Sicherheit auf baumbesäumten Straßen an. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Für Anita Tack ist das Abholzen der Alleen der falsche Weg. „Es ist nicht zielführend, alles wegzureißen, was den Raser*innen im Wege steht.“ Vielmehr sei es verstärkt notwendig, mit beständiger Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit und Ver-kehrserziehung dazu beizutragen, dass verkehrssicheres Verhalten im Straßenverkehr wieder zur Regel wird, so die verkehrspolitische Sprecherin der LINKEN im Landtag und Vorgängerin Genilkes im Amt des Chefs der Landesverkehrswacht. Auch bei den Alleenfreunden vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) riefen die Äußerungen Genilkes Stirnrunzeln hervor. „Nicht die Alleebäume sind die Hauptunfallursache, sondern überhöhte Geschwindigkeit, Vorfahrtsfehler, zu gerin-ger Sicherheitsabstand und Alkohol am Steuer“, sagte BUND-Landesvorsitzender Carsten Preuß. Der Präsident der Landesverkehrswacht indes sieht sich missverstan-den. Er wolle längst nicht, wie ihm vielfach unterstellt werde, alle Alleebäume abhol-zen. Aber das Land müsse sich mit wirksamen Strategien beschäftigen, zum Beispiel mehr Leitplanken, so Genilke gegenüber der Lausitzer Rundschau.

Das zweite Alleenland

Hin und wieder ist ein Blick über den Gartenzaun hilfreich, um zu schauen, wie andere es machen. Der Alleenschutz in Mecklenburg-Vorpommern (M-V) gilt gemeinhin als beispielhaft. Das liegt nicht zuletzt auch an dem Engagement des BUND M-V, der jähr-lich im November eine überregional beachtete Alleentagung veranstaltet. Mit knapp 4.400 Kilometern Alleen ist der nördliche Nachbar Brandenburgs Alleenland Nummer zwei im Bundesvergleich. Auch dort sind der Schutz und Erhalt des Kulturgutes das erklärte politische Ziel der Landesregierung. Ein Alleenerlass aus 2015 regelt detailliert die dazu erforderlichen Maßnahmen für die Bundes- und Landesstraßen. Ein wesentli-ches Element des Alleenschutzes in M-V ist die im Erlass festgeschriebene Einrichtung eines Alleenfonds. Pro gefälltem und nicht in natura ersetztem Alleebaum müssen 400 Euro als Ersatzzahlung in den Fonds eingezahlt werden. Unterm Strich ergibt das eine erkleckliche Summe, die zweckgebunden für Maßnahmen des Alleenerhalts zu verwen-den ist, inklusive Pflege und Flächenerwerb. Eine Statistik über erfolgte Fällungen und Pflanzungen veröffentlicht das zuständige Landesamt für Straßenbau und Verkehr (LS M-V) allerdings nicht. Doch dass der Alleenfonds zurzeit sehr gut gefüllt ist, ist ein Zei-chen dafür, dass auch in M-V ein erheblicher Nachholbedarf an Pflanzungen besteht. „Seit 2010 ist ein Rückgang der Neupflanzungen an allen Straßenkategorien zu ver-zeichnen“, sagt Katharina Dujesiefken, Alleen-Referentin des BUND M-V. Insbesondere an Kreis- und Kommunalstraßen bestehe ein Pflanzdefizit von mehreren tausend Bäu-men. „Seit Bekanntmachung der Richtlinie für passiven Schutz an Straßen (RPS 2009) traut sich dort keiner mehr zu pflanzen, gibt es diverse Vorwände dagegen“, so die Al-leenexpertin. Immerhin, für einen Teil der Verkehrswege im Nordosten wird sich das demnächst ändern. Die Realisierung eines größeren, seit zwei Jahren in Vorbereitung befindlichen Pflanzprojekts an der Deutschen Alleenstraße durch das LS M-V steht be-vor.

Wolfgang Ewert

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