Hintergrundelement

Der Umgang mit invasiven Arten

Ein Praxisbeispiel der NABU-Ortsgruppe Neuenhagen

Es ist eine kleine, beschauliche Gruppe, die sich am Vormittag des 25.07.2018 am Hellpfühleteich in Neuenhagen (Landkreis Märkisch-Oderland) eingefunden hat. Anwohner sind gekommen, aber auch andere Interessierte, Vertreter der lokalen Presse, Gemeindevertreter und natürlich die Hauptakteure: Mitglieder der NABU Ortsgruppe Neuenhagen und des Märkisch-Oderländer Angler Vereins.

Alle, die an diesem Vormittag an den Hellphühleteich gekommen sind, sind heute aber nur Statisten. Die große Bühne gehört einem Kleinen: dem Amerikanischen Sonnenbarsch (Lepomis gibbosus). Dieser aus Nordamerika stammende Fisch ist aufgrund seiner unverwechselbaren, schillernden Färbung ein beliebter Aquarien- und Teichfisch.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Sonnenbarsch neben anderen Fischarten in Europa eingeführt und auch für Testreihen zu Nahrungszwecken verwendet. In den vergangenen hundert Jahren hat die Art in Europa eine beispiellos rasante Verbreitungsgeschichte vollzogen. Während sie südlich der Alpen und auf der Iberischen Halbinseln heute in nahezu allen Gewässern vorkommt, waren die Vorkommen in Deutschland und den Nachbarländern dagegen lange nur sehr spärlich. Seit einigen Jahren vollzieht sich aber auch hier eine deutliche Ausbreitung und Zunahme der Bestände.
Auch die Vorkommen im Hellpfühleteich haben sich in den vergangenen Jahren erheblich vermehrt. Mittlerweile ist der Amerikanische Sonnenbarsch dort die Hauptfischart, wie Udo Rothe, Fischereiingenieur am Naturkundemuseum Potsdam, bei diesjährigen und 2016 durchgeführten Senknetzbeprobungen nachwies. Auch im Umland, etwa im Neuenhagener Mühlenfließ (Erpe) oder auf dem Barnim ist die Art seit über zehn Jahren bekannt, auch das belegen zurückliegende Befischungen.
Die hohe Fischdichte im Hellpfuhl resultiert neben dem ausgeprägten Brutpflegeverhalten der Männchen auch aus der hohen Anpassungsfähigkeit der Art. Der Sonnenbarsch ist ein genügsamer Nahrungsopportunist, der sich von einer breiten Palette an Wirbellosen ernährt: Krebse, Insekten und deren Larven, Schnecken, Froschlaich und Egel, aber auch kleine Fische werden erbeutet. Ergänzt wird das Nahrungsspektrum durch geringe Mengen pflanzlicher Nahrung. „Wahrscheinlich hat die Sonnenbarschpopulation große Mengen an filtrierenden Wirbellosen, insbesondere Kleinkrebse, entnommen. Diese stellen den Hauptbestandteil seiner Nahrung. Damit einher geht in der Regel eine starke Eintrübung des Gewässers, da die sich rasch reproduzierenden Algen dann weniger Gegenspieler haben“, erläutert Rothe.
Beim Hellpfühleteich handelt es sich um eine natürliche, eiszeitlich entstandene Senke, die sich allmählich mit Regen- und Schichtenwasser füllte. Bis in die 1990er Jahre war der Teich, der sich im Zentrum Neuenhagens inmitten des schönen Hellpfühleparks befindet, von einer hervorragenden Wasserqualität. An seinem Grund fanden sich damals auch Armleuchteralgen, sogenannte Characeen, die in der Regel auf sauberes, nährstoffarmes und kalkhaltiges Süßwasser angewiesen sind. Ebenso konnten Erd- und Knoblauchkröten sowie Grasfrösche beobachtet werden, der Teichfrosch hatte dort eines seiner größten Vorkommen in der Umgebung Neuenhagens.
„Mit dem Einzug der Fische, welche in den Teich illegal ausgesetzt wurden, und durch deren Vorliebe für den Laich und die Kaulquappen haben, nahmen sowohl die Amphibienbestände als auch die Wasserqualität deutlich ab“, sagt Frank Ott, stellvertretender Vorsitzender des NABU Neuenhagen und Initiator der Abfangaktion. „Mit der Herausnahme der gefräßigen Barsche möchten wir zum einen den Amphibien wieder eine Chance geben, zum anderen aber auch die Bevölkerung darüber aufklären, welche Probleme es mit diesen invasiven Arten gibt, die ein zunehmendes Naturschutzproblem werden.“ Mit dem Abfischen der Sonnenbarsche setzt der NABU Neuenhagen seine erfolgreichen Aktivitäten gegen bereits vorhandene invasive Arten – wie beispielsweise das Indische Springkraut oder den Japanknöterich – fort.
Tatkräftig unterstützt werden die NABU-Aktiven dabei von den Mitgliedern des Märkisch-Oderländer Angler e. V. und des Landesanglerverbandes Brandenburg e.V. sowie von den Freiwilligen Fred Rother, Hans-Joachim Günther, Sabine Moll und Daniel Müller. Sie alle wollen helfen, den Zustand des Teiches wieder zu verbessern und stellen für die Abfischung des Sonnenbarsches mittels Elektrofisch-Aggregat nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch das benötigte Material zur Verfügung.
Beim Elektrofischen werden die Fische mittels eines im Wasser aufgebauten elektrischen Feldes betäubt und können anschließend mit einem Kescher eingesammelt werden. Bei einer zweimaligen Umrundung des etwa 0,3 Hektar großen Teiches kamen knapp 800 Sonnenbarsche zusammen. Bei einem Großteil davon handelt es sich um Jungfische in mehreren Altersklassen – ein Nachweis für den konstanten Vermehrungserfolg dieser Art. „Es ist davon auszugehen, dass wir nicht alle Sonnenbarsche entnommen haben und es noch eines weiteren Einsatzes bedarf“, sagt Fred Rother. Aus diesem Grund soll die Aktion im nächsten Jahr wiederholt werden.
Dass der Hellpfühleteich trotzdem noch immer das Potential hat, weiteren Fischarten Lebensraum zu bieten, zeigt der Beifang. Neben Plötzen und Rotfedern wurden auch Güster und Gründlinge nachgewiesen. Insbesondere der Gründling (Gobio gobio) hebt sich dabei heraus, besiedelt die Art doch bevorzugt Fließgewässer.
Um die Sonnenbarsche auch noch einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, wurde ein Teil des Fangs dem Tierparkt Finsterwalde zur Fütterung von Reihern, Störchen, Kranichen und Waschbären übergeben. Der andere Teil wird als Nachweis von Entwicklungstendenzen des Sonnenbarsches in Brandenburg und für andere künftige Untersuchungsprojekte in der Fischsammlung des Naturkundemuseum Potsdam aufbewahrt. „In unserer Sammlung zeigt sich, dass der Sonnenbarsch noch Ende der 1980er Jahre eine seltene Erscheinung war“, erklärt Udo Rothe. „Nur lokal, wie im Odergebiet, waren kleine instabile Populationen bekannt. Inzwischen haben wir Belege aus der Havel, dem Wannsee und Griebnitzsee gesichert. Hier und insbesondere in den südlichen Landkreisen Brandenburgs kann der Sonnenbarsch als etabliert gelten. Während die Populationen im Berliner Raum stabil erscheinen, breitet sich die Art in Gewässern der Lausitzer Braunkohleregion zunehmend aus.“

 

Manuela Brecht

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

naturmagazin abonnieren

Immer informiert

Pfeil blue

Ihnen gefällt das neue naturmagazin und Sie möchten es regelmäßg lesen?

Im online-Buchladen von Natur+Text können Sie es einzeln oder als Abo bestellen

Vorschau

Ausgabe 1/2019

Pfeil olive

Die Auswirkungen des Klimawandels auf Natur und Landschaft stehen im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe! Ab 1. Februar 2019 in Ihrem naturmagazin.

Kalender

Aktuelle Veranstaltungen

Pfeil orange

Herausgeber

NABU Brandenburg, Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V., Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, Natur+Text GmbH

Pfeil olive

mehr lesen?

Pfeil blue

Sie interessieren sich für weitere Publikationen aus unserem Verlag?

Dann stöbern sie doch in unserem Online-Buchladen