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Singende Schwäne in winterlicher Landschaft

Stille liegt über der kalten Winterlandschaft der Uckermark. Ein Trupp Krähen ist zu sehen. Aus der Ferne dringen leise, melancholisch klingende Rufe durch die klare Luft. Dann, zunächst kaum hörbar, doch zunehmend lauter, ertönen posaunenartige Rufe. Nur schwer lassen sie sich orten. Und sie werden lauter – kommen also näher. Fast über uns sind bald vier große weiße Vögel zu sehen. Sie stoßen die posaunenartige Rufe im Flug aus. Mit langsamen, kraftvollen Flügelschlägen ziehen sie, in kaum 20 Metern Höhe, vorüber. Langsam werden ihre eigentümlich klingenden Rufe wieder leiser. Die Tiere steuern in die Richtung, aus der die melancholischen Rufe kamen.

Während andere Vogelarten die Mark Brandenburg im Herbst verlassen, um den Winter in wärmeren Gefilden zu verbringen, suchen Singschwäne das Land zwischen Oder und Elbe gerade dann auf. Die winterlichen Temperaturen sind für das Überleben der großen Vögel weniger entscheidend als das verfügbare Nahrungsangebot. Solange weder Dauerforst noch eine geschlossene Schneedecke das Land einhüllen, finden die Singschwäne auf den Gewässern und Äckern aber noch genügend Nahrung. Gemeinsam mit anderen Wintergästen – zu ihnen gehören oft auch die etwas größeren, einheimischen Höckerschwäne – verbringen sie die kurzen Tage mit Fressen und Trinken. Die beiden Schwanenarten zu unterscheiden, ist nicht ganz einfach – mit jeder Beobachtung und Bestimmung gelingt es jedoch besser. Größe und Gefiederfärbung fallen als Unterscheidungsmerkmale beinahe aus, denn Singschwäne sind nur geringfügig kleiner als Höckerschwäne und die Gefiederfarbe beider Arten sind leuchtend weiß. Doch einen deutlichen Unterschied gibt es, er zeigt sich am besten beim Beobachten mit einem Fernglas: Die Schnäbel der beiden Arten sind unterschiedlich. Charakteristisch und namensgebend beim Höckerschwan ist sein Höcker im Übergangsbereich vom blassorange gefärbten Schnabel zum Kopf. Beim Singschwan hingegen verläuft der Schnabel gerade zum Kopf und ist schwarz und gelb gefärbt. Vor allem die Farbe des Schnabels ist ein sicheres Unterscheidungsmerkmal. Doch aufgepasst: Mitunter ist im Winter noch eine dritte Schwanenart bei uns zu sehen, der Zwergschwan. Seine Brutgebiete liegen, wie die des Singschwans, weiter nördlich und östlich – und ihr Schnabel ist ebenfalls gelb. Allerdings sind Zwergschwäne, wie es der Name schon sagt, kleiner als Singschwäne.
Während des Sommers, zum Brüten, halten sich Singschwäne in nördlichen und östlichen Gefilden Europas und Asiens auf. Einige Tiere brüten auf Island, manche auch in Norwegen und Finnland. Der größte Teil des riesigen Verbreitungsgebiets liegt jedoch in Russland, in der Tundra Sibiriens, und reicht bis an den Pazifischen Ozean. Zur Brut suchen die Singschwäne einen abgeschiedenen Platz am Rand von Seen oder Fließgewässern auf und stecken dort ein Revier ab. Das Weibchen legt gewöhnlich fünf oder sechs Eier. Zur Nahrung der ausgewachsen, rund zehn Kilogramm schweren Tiere gehören hauptsächlich Wasserpflanzen. Zum Herbst hin, etwa ab Oktober, verlassen die Elterntiere mit den herangewachsenen Jungtieren die Brutgebiete und ziehen der Witterung folgend in Richtung Süden und Westen. Ein festes Ziel, wie viele Singvögel es haben, verfolgen Singschwäne nicht. Sie ziehen soweit, wie es das Nahrungsangebot zulässt, also nur wo weit wie nötig. Das reduziert die Gefahren, die mit dem Zug verbunden sind. Im März und April erwacht ihr Bruttrieb und die Singschwäne ziehen wieder in ihre Brutgebiete zurück. Geschlechtsreif werden die Tiere erst im Alter von vier Jahren.
Ins Märkische kommen die ziehenden Singschwäne wegen des Klimas und des sich hier bietenden Nahrungsangebots. Solange die Gewässer nicht zugefroren sind, können die Tiere auf überfluteten Poldern, in flachen Seen und an ruhigen Zonen der Oder vor den meisten Feinden sicher übernachten, trinken und nach Nahrung suchen. Wie Höckerschwäne gründeln Singschwäne und grasen den Gewässergrund nach Wasserpflanzen ab, verschmähen aber auch kleinere Tiere nicht. Zur Nahrungssuche fliegen die Tiere überdies auf Äcker in der nahen Umgebung, wo sie frisches Grün verspeisen. Auf diesen Flügen, anfangs noch im bestehenden Familienverband oder in kleineren Trupps, durchdringen die Kontaktlaute der Tiere die winterliche Landschaft auf reizvolle Weise. Das Repertoire an wohlklingenden Lauten ist beim Singschwan so groß, dass sie dem Vogel sogar zum Namen verholfen haben – im Unterschied zum Höckerschwan, dessen Rufe weniger laut und weniger wohltönend für unsere Ohren sind. Zu den Singvögeln gehören Singschwäne allerdings dennoch nicht.
Rapssaaten, die im Herbst ausgebracht wurden und inzwischen zu kleinen Pflänzchen herangewachsen sind, stehen bei den rastenden Tieren besonders hoch in der Gunst. Auch Getreidekulturen, andere Gräser oder krautige Pflanzenbestände werden zum Weiden aufgesucht. Im Bereich des Nationalparks Unteres Odertal und in anderen Großschutzgebieten wurden schon vor Jahren erste Schutzmaßnahmen ergriffen, die die Gebiete zum wichtigen Durchzugs- und Überwinterungsgebiet der Singschwäne haben werden lassen. Die Täler der großen Flüsse Oder, Elbe und Havel haben sich dabei zu traditionellen Rastplätzen und Wegen ins Landesinnere entwickelt, und so verbringen inzwischen jährlich zwischen 500 und 1.500 Singschwäne die kalte Jahreszeit in Brandenburg.

Beobachtungstipps

Generell gelten für die Naturbeobachtung zwei Mottos: „Sehen ohne gesehen zu werden“ und „Hören ohne zu stören“. Wer in der Winterzeit, in der Bäume und Sträucher keine Blätter tragen, in den Rastgebieten der Tiere unterwegs ist, muss auf den für Interessierte ausgewiesenen Wegen bleiben. Aufrecht gehende Zweibeiner, die bisweilen sogar stehen bleiben und ihren Blick starr auf sie richten, sind für die Vögel auf diesen Wegen nichts Ungewohntes – und Gewöhnung ist eine wichtige Einflussgröße für das Fluchtverhalten der scheuen Tiere. Jede Flucht verbraucht Energie und birgt zudem die Gefahr, dass die Familienverbände zerrissen werden – ganz abgesehen von den Gefahren, die inzwischen in vielen Regionen von Windrädern ausgehen. Andererseits gibt es an den ausgewiesenen Wegen mitunter Beobachtungstürme oder -hütten, die eigens für die sanfte Naturbeobachtung errichtet wurden.
Wie bereits erwähnt, sollte zur Singschwanbeobachtung unbedingt ein Fernglas oder besser noch ein Spektiv mitgenommen werden. Gute optische Technik erleichtert die Unterscheidung von Sing- und Höckerschwänen, die auf den Gewässern und Äsungsflächen oft gemeinsam zu entdecken sind. Solange die Tiere sich auf den Gewässern aufhalten und den Kopf unter Wasser haben, hilft allerdings auch die beste Optik nichts, aber beim Luftholen lassen sich dann Schnabelform und -farbe erkennen – selbst im fahlen Winterlicht.
Sollten die Tiere zunächst nicht zu sehen sein, weil sie etwa auf abgelegenen Bereichen der Gewässer oder in den Ackerlandschaften unterwegs sind, verraten ihre Rufe dennoch ihre Anwesenheit und ungefähren Standort. Wer die Tiere schonend in den Ackerlandschaften beobachten möchte, sollte sich fachkundige Informationen über die aktuellen Einstands- und die besten Beobachtungsplätze besorgen. Besonders leicht fällt dies natürlich, wenn vom 18. bis 20. Januar 2019 im Nationalpark zu „Singschwantagen“ eingeladen wird – die Aktion hat seit Jahren ihren festen Platz im Termin- und Veranstaltungskalender der Region. Aber auch außerhalb dieser Tage locken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Naturwacht und des Nationalparks zwischen Ende Januar und Mitte Februar nicht nur mit Exkursionen in die Rast- und Äsungsgebiete, sondern auch mit Vorträgen. Die genauen Termine können über die Internetseiten der Naturwacht und des Nationalparks erfahren werden. Neben den Singschwänen können, je nach Witterung, auch etliche andere Vogelarten beobachtet werden. Wenn dann noch etwas Eis und hier und da Schnee hinzukommen, ist der Winterzauber perfekt.
Wer den Stimmen der Singschwäne im Sommer lauschen möchte, hat in Brandenburg gute Chancen auf Erfolg. Seit vielen Jahren gibt es an den Stradower Teichen im Spreewald ein Brutpaar, das unter Ornithologen schon längst kein Geheimnis mehr ist. Während der vergangenen Jahre wurden meist um die zehn Brutpaare im ganzen Land Brandenburg gemeldet. Es ist also auch in der Sommerzeit möglich, die eigentümlichen Rufe der Vögel zu hören, die eigentlich so typisch für die kalte Jahreszeit sind.

Weiterführende Informationen

www.nationalpark-unteres-odertal.eu
www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/vogelkunde/vogelportraets/11758.html
Singschwantage: Jährlich im Januar/Februar in Criewen (Nationalparkhaus) und Umgebung. Informationen über die Nationalparkverwaltung oder die Naturwacht (www.naturwacht.de).
Anfahrt: Mit der Bahn RE3 bis Angermünde oder Schwedt (Mitte) und weiter mit Bus 468 bis Criewen (Nationalparkhaus). Mit dem Auto auf der A11 bis ASt Joachimsthal und auf B2 über Angermünde weiter Richtung Schwedt, hinter Dobberzin auf L284, hinter Flemsdorf Abzweig nach Criewen.


Carsten Rasmus
Buchautor und Verleger

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