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Privat und Staat?

Was wir von Patagoniens Nationalparkprogramm lernen können

Der 28. Januar 2018 markiert ein historisches Datum, nicht nur in der Naturschutzgeschichte Chiles. Global markiert das Datum einen Tag, an dem die Frage, ob privatrechtlicher oder staatlicher Naturschutz jeweils ein zukunftsweisendes Modell darstellt, neu gestellt werden sollte.

Am 28. Januar 2018 übergab Kris Tompkins, die frühere Geschäftsführerin der Outdoor-Firma Patagonia, Gründerin von Conservación Patagónica und Witwe von Dough Tompkins (mehr hierzu auf S. 34–35) dem Chilenischen Staat 400.000 Hektar Privatland. Etwa hundert Journalisten waren angereist, um den historischen Akt im Beisein von Chiles scheidender Staatspräsidentin Michelle Bachelet und Umweltminister Marcelo Mena nahe der patagonischen Kleinstadt Cochrane zu verfolgen: die weltweit größte Landspende, die ein privater Flächeneigentümer – die Stiftung „Tompkins Conservation“ – einem Staat jemals gemacht hatte. Fünf neue Nationalparke wurden zeitgleich geschaffen und drei bestehende wesentlich erweitert. Damit wurden 3,6 Millionen Hektar Fläche in Chile faktisch an einem Tag für den Naturschutz gesichert. Zum Vergleich: Das oft als „Coup“ bezeichnete DDR-Nationalparkprogramm sicherte im letzten Ministerratsbeschluss der DDR am 12. September 1990 insgesamt 500.000 Hektar als Nationalparke, Biosphärenreservate und Naturparke und ging als „Tafelsilber der Deutschen Einheit“ in die Deutsche Wiedervereinigung ein. Dabei hatte die ehemalige DDR etwa 10,8 Millionen Hektar Gesamtfläche, Chile hat 75,6 Millionen Hektar. Flächenanteilig sind somit beide Nationalparkprogramme fast exakt gleich, allerdings ist Chile mehr als sieben Mal größer als der heutige Osten der Bundesrepublik.
Bemerkenswert ist neben der beeindruckenden Flächengröße auch der Vorgang an sich. Über mehr als 40 Jahre lang hatten die erfolgreichen Unternehmer Dough und Kris Tompkins aus den USA große zusammenhängende Ländereien im südlichen Chile Stück für Stück erworben, größtenteils vom Staat selbst, um sie dem Naturschutz zu widmen. Privater Flächenerwerb aus Naturschutzgründen erfolgt häufig, weil staatlicher Naturschutz versagt oder zumindest der ordnungsrechtliche Naturschutz unzureichend ist. Es gibt unzählige Beispiele, die dies unterstreichen. Der allgemeine Zustand der biologischen Vielfalt ist in einem Maße besorgniserregend, dass man mit gutem Recht von einem allgemeinen „Staatsversagen Naturschutz“ sprechen kann, unabhängig von Staatsform und Wirtschaftskraft, überall auf der Welt.
Nun übergab Kris Tompkins diese Flächen dem chilenischen Staat, verbunden mit der Verpflichtung, noch mehr für den Naturschutz zu erreichen. Heißt es damit künftig nicht mehr entweder staatlicher oder privater Naturschutz? Sollte es tatsächlich gelingen, dass sowohl eine ambitionierte staatliche Verantwortung des Naturschutzes erreicht wird und private Naturschutzinitiativen diese in sinnvoller Weise ergänzen? Anstatt private und damit grundsätzlich immer freiwillige Naturschutzinitiativen gegen das Handeln von Behörden auf gesetzlicher Grundlage argumentativ auszuspielen, wie es mit neoliberaler Konnotation gern gemacht wird, müsste die Gesellschaft sowohl die staatliche Verantwortung für Naturschutz auch instrumentell gesetzlich stärken, als auch die Verantwortung eines jeden einzelnen durch Honorierung und Anreize fördern. Was spräche dagegen, neben der allgemeinen Sozialpflichtigkeit des Grundeigentums Flächeneigentümer steuerlich besser zu stellen, wenn sie auf ihren Flächen gesellschaftliche Leistungen für den Naturschutz erbringen oder dies den Landnutzern durch Rahmensetzung ermöglichen?
Zusammengenommen bedecken die seit Jahren bestehenden, 2018 erweiterten und neuen Nationalparke 22 Prozent der chilenischen Landfläche. Damit hat das Land mehr Fläche in dieser strengsten Schutzkategorie gesichert, als alle 28 Staaten der EU zusammen. Ohne das Engagement von Philanthropen wäre das nicht gelungen. Und doch wäre es falsch, jetzt wieder nur auf den chilenischen Staat zu schauen und zu fragen, ob er das in ihn gesetzte Vertrauen durch ein gutes Management der Nationalparke durch die Nationalparkbehörde CONAF in Zukunft auch rechtfertigen wird. Auch jeder Einzelne ist gefragt, seinen Beitrag zum Gelingen des chilenischen Nationalparkprogramms zu leisten.
Als Europäer können wir von den chilenischen Erfahrungen lernen. Das Potenzial dafür ist jedenfalls groß. Allein die römisch-katholische Kirche besitzt in Deutschland etwa 835.000 Hektar und ist damit größter privater Grundeigentümer. Zu behaupten, die Kirche würde ihr Potenzial, auf ihren Flächen Naturschutz zu verwirklichen derzeit nicht ausschöpfen, wäre noch ein Euphemismus. Netzwerke von Grundeigentümern können dabei helfen, mehr Flächen dem Naturschutz zu widmen und Eigentümer von den Vorteilen zu überzeugen.


Tom Kirschey, Tilmann Disselhoff
Die Autoren sind Mitarbeiter der NABU-Bundesgeschäftsstelle. Der NABU ist Träger des EU-LIFE-Projektes „European Land Conservation Network (ELCN)“ zum Aufbau eines Netzwerkes von Privatflächen-Naturschutz in Europa.

Douglas Tompkins

Der „Ökobaron“ und sein Erbe am Ende der Welt

Der Sehnsuchtsort Patagonien liegt zum Teil im schlauchähnlichen Land Chile, das sich von der trockensten Wüste der Welt, der Atacama-Wüste, bis zur eiskalten Antarktis erstreckt.

Die unberührte Natur Patagoniens lockte mit deren Wildnis und Einsamkeit auch den US-amerikanischen Abenteurer Douglas Tompkins in den Süden Chiles. In den 1960er Jahren fuhr der junge Mann mit drei Mitstreitern von seiner damaligen Heimat Kalifornien nach Patagonien, um den erst einmal bestiegenen Gipfel des Berges Fitzroy zu erklimmen. Aus den kühnen Erlebnissen beim Wellenreiten, Skifahren und Klettern entstanden die Filme Mountain of Storms und später 180º Sur. Ob Tompkins da schon ahnte, dass ihm dieses Stück Erde in seinem Leben sehr wichtig werden würde? Etwa 50 Jahre später würde er hier bei einem Abenteuer den Tod finden. Im Dezember 2015, also im chilenischen Sommer, kenterte der 72jährige auf dem Lago Carrera mit seinem Kanu und starb einige Zeit später an Unterkühlung. Einige Freunde und er hatten mit starkem Wind und der Strömung zu kämpfen – das Wasser war drei Grad kalt.
Der Lago Carrera liegt etwa 300 Kilometer südlich von der wichtigsten Stadt Patagoniens Coyaique, und diese ist wiederum 1.650 Kilometer von der Hauptstadt Santiago de Chile entfernt. Die geografische Lage des gröβten chilenischen Sees erklärt die winterlichen Temperaturen im Sommer.
1964 gründete Tompkins die Outdoor-Firma The North Face, später mit seiner ersten Frau Susie die Kleidungsmarke Esprit. Mit den Jahren wurde er durch seine Geschäfte nicht nur reicher, sondern durch diese Erfahrungen auch konsumkritischer und interessierter am Umwelt- und Artenschutz. Ab 1989, mit Mitte 40 und mit Ende der chilenischen Diktatur, entschied er sich, in Patagonien viel Land zu kaufen. Er wollte Nationalparke schaffen. Der Verkauf seiner Firmen hatte ihn zum Millionär gemacht und auch zum grössten Privatgrundbesitzer Chiles, was ihm viele skeptische Stimmen einbrachte. Die wohl abwegigste Vorhaltung war, dass er Land für eine expandierende zionistische Ideologie „hamstern“ würde. Er wurde beschuldigt, andere ökonomische Gruppen, wie Angelini oder Matte nachzuahmen, die ihre Landgebiete für Monokulturen verwandten, um Eukalyptus oder Nadelwald für die Zelluloseherstellung anzupflanzen. Doch der Aktivist Tompkins wandte sich gerade gegen die umweltschädliche Zelluloseindustrie, die Lachszucht oder die konventionelle Energiegewinnung. So richtete sich seine berühmteste Kampagne gegen das Staudammprojekt Hydroaysén (siehe Naturmagazin…), die er initiierte. Dieses Energieprojekt in Patagonien wurde schon seit 1961 in Erwägung gezogen und 2004 in Angriff genommen. In der chilenischen Bevölkerung gab es eine breite Protestbewegung (Patagonia sin Represas: Patagonien ohne Staudämme), die sich gegen die Auswirkungen auf die Natur im unberührten Patagonien und auf die tausende Kilometer lange Energietrasse nach Santiago richtete. Nach vielen Protesten und Auseinandersetzungen vor Gericht wurde das Projekt 2014 in der beginnenden zweiten Regierung unter Michele Bachelet endlich abgelehnt.
Tompkins großes Ziel war ein zusammenhängendes Netz von Nationalparks, die er nach dem Kauf dem chilenischen Staat schenken würde. Nach seinem Tod führt seine zweite Frau, Kris Tompkins, das Projekt in seinem Sinne weiter.
Noch vor Tompkins Tod war ein großes Projekt angeschoben worden: Von Puerto Montt bis Kap Horn soll eine 2.500 Kilometer lange Straße führen und dabei 17 jetzige und zukünftige Nationalparks miteinander verbinden. Sie sollen dadurch auch für Touristen zugänglicher werden. Für dieses Projekt stellen Tompkins Stiftungen, aber auch der chilenische Staat, Land zur Verfügung.
Im Jahre 2014 reichte Senator Alejandro Navarro das Gesetzesprojekt ein, Tompkins die chilenische Nationalität für seine Aktivitäten zu verleihen. Zwei Jahre später wurde dies vom Parlament abgelehnt.

Ditha Baierova



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