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Wie viel ist zu viel?

Wassertourismus in Brandenburg

„Nimm nichts mit, außer Deine Eindrücke. Lass nichts zurück, außer Fußspuren, schlag nichts tot, außer Zeit.“ Diesen Dreisatz habe ich das erste Mal von Höhlenforschern gehört. Doch grundsätzlich gilt er für jeden Naturbesuch, auch für Wasserwanderer.

Brandenburg ist das gewässerreichste Bundesland Deutschlands. Das müsste doch für alle Ansprüche reichen, sollte man denken. Für Erholung suchende Menschen, die reiche Tier- und vor allem Vogelwelt, die wirtschaftlichen Interessen der Fischer oder des Tourismus. Doch so einfach ist es nicht. 2018 betonte Peter Heydenbluth, Präsident der IHK Potsdam, dass der Wassertourismus in Brandenburg und Berlin jährlich einen Bruttoumsatz von 200 Millionen Euro erwirtschafte. „Wenn wir es nicht schaffen, unsere mehr als 30.000 Kilometer Wasserstraßen mit ihren 3.000 Seen als attraktives Sport- und Tourismusrevier zu erhalten, dann wandern unsere Gäste ab“, prophezeite Heydenbluth.
Für die Vogelwelt sind Kanu- und Bootstouristen nach Aussagen von Ornithologen in der Regel keine akute Bedrohung. Es kann zu Störungen kommen, wenn etwa die Jungen des Eisvogels an einem sonnigen Wochenende mit viel Kanuverkehr ausfliegen. Kanuten ohne Hintergrundwissen verweilen, freuen sich an den rot-türkis schimmernden Vögeln und verhindern dadurch, dass die Altvögel ihren flüggen Nachwuchs füttern können. Auf Abwegen allerdings, etwa auf ganzjährig oder jahreszeitlich gesperrten Fließen, können Wasserwanderer extrem störungsempfindliche Arten wie Schwarzstörche hochscheuchen. Wiederholen sich diese Störungen, können sie das Gebiet als Nahrungshabitat aufgeben.
Der Küstrinchener Bach darf mit Paddelbooten nur bei einem Pegelstand von mehr als 30 Zentimetern am Wehr Küstrinchen befahren werden, sonst würden gefährdete Arten wie die Gemeine Flussmuschel zusätzlich durch die über den Grund schrappenden Bootsböden belastet werden. So können Naturschutz und Tourismus kooperieren – allerdings nur, wenn die Bootsinsassen ihr Handwerk verstehen. Ansonsten kurven sie auf engen Fließen im Zickzack von Ufer zu Ufer, gelegentlich ihr Abenteuer noch bejohlend, zerstören Boden und Pflanzen. Ebenso, wenn sie sich wild durch Seerosenflächen oder Wasserpflanzenbestände wälzen.
Und wie steht es mit der wachsenden Zahl der Freizeitkapitäne, die gecharterte Hausboote nach maximal dreistündiger Einweisung führerscheinfrei bewegen dürfen? Nun, so ein Hausboot kann länger als 14 Meter und fast 4 Meter breit sein. Was diese Einweisung wert sein kann, ergötzt beispielsweise die Besucher eines Biergartens an der Schleuse Strasen bei Wesenberg. Doch keine Häme.
Ein Miteinander von Wassersportlern und Natur ist grundsätzlich möglich. Der eingangs zitierte Dreisatz für Höhlenforscher wird zu den 10 Goldenen Regeln (s. Kasten) für Kapitäne auf Booten aller Größe. Ganz klar – Bruchwälder und Schilfgürtel, Moore und Sümpfe, Steilufer und Feuchtwiesen sind für Schiff und Besatzung ausnahmslos tabu.
Wie das Miteinander funktionierten kann, beschreibt Monika Schimke vom Motorfloßverleih Biberburg-Tours bei Lychen. „Unsere Gäste bekommen eine klare Einweisung. Dabei halten wir uns an die 10 Goldenen Regeln, die für Kanuten fast identisch mit denen für Freizeitschiffer sind.“ Klar, dass ihre Kapitäne den bei der Reise anfallenden Abfall im Hafen entsorgen können und sollen. Ebenso zum Service gehört eine individuelle Routenplanung. Auch, um Konflikten mit der Natur vorzubeugen. Das Parken des Bootes über Nacht im Schilf ist verboten. Zudem setzten sie weiterhin auf 5-PS-Motoren. Erlaubt wären 15 PS.
Ein gelingendes Miteinander ist möglich, wenn die Kapazitätsgrenzen der Gewässer beachtet werden. 470 Kilometer Wasserstraßen stehen Hausbootkapitänen ohne Patent in Brandenburg zur Verfügung. Mit ihrer Zahl nimmt der Druck auf die Öffnung weiterer Wasserwege zu. Das bringt willkommenes Geld ins Land, hat aber teures und naturschädigendes Ausbaggern neuer Strecken im Kielwasser. Kosten und Nutzen sollten genau abgewogen werden. Überhaupt sollte nachhaltiger Tourismus im eigenen Interesse Obergrenzen festlegen, damit sich nicht Gäste über zu viele Gäste beschweren.
Der vielleicht entscheidende Indikator für ein „Zuviel“ der Freizeitkapitäne ist die Gewässergüte. Denn diese leidet unter den Rümpfen der Sportboote, die mit giftigen Stoffen – „Antifouling“ – gestrichen werden, damit sich dort keine Schnecken, Muscheln oder Algen ansiedeln. Für eine Studie des Umweltbundesamtes wurden 50 deutsche Sportboothäfen auf biozide Wirkstoffe untersucht. In 35 dieser Häfen lag die Konzentration des Biozids Cybutryn über der von EU-Richtlinie 2013/39/EU festgelegten Höchstkonzentration. Das Gift ist zwar seit 31. Januar 2017 nicht mehr verkehrsfähig, doch die meisten Boote, die vor dem 31. Januar 2017 gestrichen wurden, bleiben Giftschleudern.
Zurück zum „Höhlendreisatz“, den 10 Goldenen Regeln für Wassertouristen. Wer Natur und deren Bewohner achtet und deren Ansprüche respektiert, der wird mit gelegentlich ein wenig Überwindung wenig falsch machen.

Roland Schulz

 

Zehn goldene Regeln für das Verhalten von Wassersportlern in der Natur

Diese Regeln sind im November 1980 von den Wassersportspitzenverbänden im Deutschen Sportbund und dem Deutschen Naturschutzring erarbeitet worden. Die Bemühungen für den Schutz der Natur kommen letztlich auch dem Menschen zugute, denn er ist nicht nur Teil der Natur, sondern benötigt für sein Wohlergehen eine intakte Umwelt. Beachte also insbesondere die folgenden Regeln:

1. Meide das Einfahren in Röhrichtbestände, Schilfgürtel, Ufergehölze sowie Kies-, Land- und Schlammbänke (Rast- und Aufenthaltsplatz von Vögeln). Meide seichte Gewässer (Laichgebiete).

2. Halte einen Mindestabstand von 30 bis 50 Meter zu Röhrichtbeständen, Schilfgürteln und unübersichtlich bewachsenen Ufergehölzen. Halte einen Mindestabstand zu Vogelansammlungen auf dem Wasser, möglichst mehr als 100 Meter.

3. Befolge in Naturschutzgebieten unbedingt die geltenden Vorschriften. Häufig ist Wassersport dort ganzjährig oder zeitweilig völlig untersagt.

4. Nehme in „Feuchtgebieten internationaler Bedeutung“ bei der Ausübung von Wassersport besondere Rücksicht. 

5. Benutze beim Landen die dafür vorgesehenen Plätze oder solche Stellen, an denen kein Schaden angerichtet werden kann.

6. Nähere Dich auch von Land her nicht Schilfgürteln oder dichter Ufervegetation, um nicht Vögel, Fische, Kleintiere und Pflanzen zu gefährden.

7. Halte im Watt mindestens 300 bis 500 Meter Abstand zu Seehundliegeplätzen und Vogelansammlungen.

8. Beobachte und fotografiere Tiere nur aus der Ferne.

9. Helfe, das Wasser sauber zu halten. Abfälle gehören nicht ins Wasser, z.B. der Inhalt von Chemietoiletten.

10. Informiere Dich vor Deinen Fahrten über die für Dein Fahrtgebiet bestehenden Bestimmungen gebe Dein vorbildiches Verhalten an andere Wassersportler weiter.

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