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Entstanden im Klimawandel

Die Gewässer in Berlin und Brandenburg

Das seenreiche Gewässernetz im Nordosten und im zentralen Bereich Brandenburgs um Berlin hat sich erst nach der letzten Weichsel-Vergletscherung vor 10.000 bis 15.000 Jahren ausgebildet. Die Stadt Berlin wird von Südwest nach Nordost vom Warschau-Berliner Urstromtal durchzogen, über das vor rund 15.000 Jahren die Schmelzwasser der nach Norden zurückweichenden Gletscher abflossen. Das weitgehend seenlose Flussnetz im Westen und Süden Brandenburgs wurde dagegen bereits vor über 100.000 Jahren durch die Saale-Vergletscherung angelegt.

Die Seebeckenbildung im Jungmoränengebiet erfolgte vornehmlich durch Ausschürfung des sich bewegenden Gletschereises, unter dem Inlandeis fließende und erodierende Schmelzwässer sowie Um- und Überschüttung von Inlandeisresten. Das Verschwinden des Dauerfrostbodens und das Auftauen der verschütteten Inlandeisreste (Toteiskörper) ließ den Ausbreitungsraum der Weichseleiszeit zum seenreichen Jungmoränenland werden. Beispielhaft für diese glaziale Entstehungsgeschichte ist der Große Müggelsee in Berlin, der seine Entstehung wahrscheinlich einer aus östlicher Richtung kommenden Gletscherzunge verdankt, die im Berliner Urstromtal vom Sand um- und überschüttet und als Toteis konserviert wurde. Im Verlauf der Nacheiszeit haben sich dann bis zu 23 Meter mächtige Sedimente im See abgelagert. Der ca. 50 Kilometer südöstlich von Berlin gelegene Scharmützelsee gehört hingegen zu den „Breiten Rinnenseen“, er ist durch Ausschürfung des sich bewegendes Inlandeises entstanden. Die Entstehung des Großen Stechlinsees wird mit der Verschüttung und dem nachfolgenden Anstau eines Toteisblockes in einer ausgedehnten Sanderfläche erklärt.

Besiedlung und anthropogene Eingriffe

Dem quasi-stabilen Zustand des Gewässernetzes in der Warmphase nach der Eiszeit folgte die anthropogen beeinflusste holozäne Phase. Zu gravierenden Veränderungen führte die Ostexpansion im 12. und 13. Jahrhundert. Durch Mühlenstaue wurden die Wasserläufe um etwa ein bis drei Meter, stellenweise noch mehr, aufgestaut. Bei gefällearmen Fließgewässern führte das teilweise zu seenartigen Erweiterungen des Flusslaufes, in durchlässigen Böden zu steigenden Grundwasserständen, zur Vernässung, zu Überschwemmungen und zur Vertorfung des angrenzenden Geländes. Mit Ablösung der Wassermühlen durch andere Energien verschwanden diese Probleme. An vielen Stellen haben sich die alten Staustufen in Form von Schleusen oder Wehren erhalten. In diese frühe Zeit fallen auch die Anlage erster Fischteiche, Maßnahmen zur Entwässerung sowie erste wasserbauliche Maßnahmen wie Durchstiche, Schleusenbau und die Wasserzuleitung zu Mühlen. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs im 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts wurde durch Anlage von Kanälen der Ost-West Handel gefördert. Beispiele sind der Oder-Spree Kanal (Bau 1558 bis 1668) oder der erste Finow-Kanal (Bau 1605 bis 1620).
Kanäle verändern tiefgreifend das hydrographische Gefüge einer Landschaft. Sie ermöglichen die Überleitung von Wasser aus einem Einzugsgebiet in ein anderes, erhöhen die Verdunstung, teilweise auch die Versickerung und wirken als Entwässerungsbahnen. Der Begriff „Kanal“ bezeichnet dabei nicht immer ein künstlich entstandenes Gewässer. Häufig werden damit auch Gewässer bezeichnet, die Veränderungen ihres natürlichen Verlaufes durch Kanalisierung, Begradigungen, Vertiefungen, Buhnenbauten und Uferbefestigungen erfahren haben. Ende des 17. und im 18. Jahrhundert fanden mit der Einrichtung von Fließen zur Holzflößerei, der Entwässerung der Luchgebiete an Havel, Rhin und Dosse besonders umfangreiche wasserbauliche Aktionen statt. Im 19. und 20. Jahrhundert erfolgten der Bau leistungsfähiger Wasserstraßen und umfangreiche Meliorationsmaßnahmen, was zu einer sukzessiven Abnahme der Grundwasserstände führte. Vor allem in den 1960er bis 1990er Jahren wurden in Brandenburg im Zusammenhang mit der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung viele Moore großflächig und tiefgründig entwässert.

Historische Entwicklung der hydrologischen Situation

In spätslawischer und frühdeutscher Zeit um das 12. Jahrhundert lagen die Wasserstände der Seen in Brandenburg und in den angrenzenden Gebieten beim heutigen Niveau oder wesentlich niedriger. Damit waren auch die Wasserflächen kleiner. Seit dem 12. und 13. Jahrhundert erhöhten sich die Wasserstände und erreichten im 17./18. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Teilweise kann das mit Mühlenstauen und anderen Abflusshindernissen sowie mangelnder Räumung von Gräben sowie Waldrodungen erklärt werden. Sehr wahrscheinlich haben aber klimatische Faktoren im Zusammenhang mit der „Kleinen Eiszeit“ zu höheren Niederschlägen und geringerer Verdunstung geführt. Belege für gestiegene Grundwasserstände sind Flachmoortorfe von nur 1–2 Metern Mächtigkeit. In dieser Zeit kam es wahrscheinlich auch zur Neubildung von Seen. Indizien dafür sind die geringen organischen Ablagerungen kleiner Seen und Pfühle in den Moränengebieten mit Wassertiefen von weniger als zwei Meter. Aus Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass sich Klagen über unerträgliche Vernässungen zwischen Ende des 16. und dem 18. Jahrhundert allerorten häuften. Der mittelalterliche, bis in das 18. Jahrhundert anhaltende Wasserspiegelanstieg hatte eine Fülle von wasserbaulichen Maßnahmen zur Folge. An vielen Stellen wurden Abzugsgräben angelegt, vorhandene Fließe geräumt oder begradigt, Wasserläufe vertieft, um die Wasserspiegel der Seen zu senken, teilweise mit dem Ziel, sie ganz abzulassen. Viele Seen haben erst dadurch einen Abfluss erhalten, einige haben infolge anthropogener Eingriffe ihr Einzugsgebiet gewechselt, so z. B. das Stechlinsee-Gebiet nach Anlage des Polzow-Kanals im 18. Jahrhundert vom Rhin zur Havel.

Fazit

Es gibt kaum noch ein fließendes oder stehendes Gewässer in unserem Raum, das von der menschlichen Tätigkeit der letzten sieben bis acht Jahrhunderte nicht beeinflusst worden ist. Außerdem ist festzustellen, dass auch zu historischen Zeiten bereits klimatische Veränderungen des mittel- und nordeuropäischen Raumes Auswirkungen auf die Gewässer hatten.

Prof. Dr. Brigitte Nixdorf, BTU Cottbus
Dr. Michael Hupfer, IGB Berlin

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