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Berechtigte Erwartungen?

Die Korrelation von Libellenarten und Gewässertypen

Eine der spannendsten Fragen bei der Erfassung von Tierarten lautet, mit welchem Erfolg sich an-hand der augenscheinlichen Lebensraumausstattung die auf der zu untersuchenden Fläche vor-kommenden Arten vorhersagen lassen. Zumindest bei Libellen funktioniert das in Bezug auf ver-schiedene Gewässertypen gar nicht mal so schlecht.

Die Prognose der an einem Gewässer mit hoher Wahrscheinlichkeit anzutreffenden Libellenarten gelingt bei weit verbreiteten und allgemein häufigen Arten am besten. An einem pflanzenreichen Stillgewässer zum Beispiel werden wir im Frühsommer so gut wie immer die Hufeisen-Azurjungfer vorfinden, dazu die Große Pechlibelle und als Herrscherin über den Luftraum die Große Königslibel-le. Im Jahresverlauf gesellen sich zuverlässig die Gemeine und die Blutrote Heidelibelle sowie die Blaugrüne Mosaikjungfer hinzu. Sind ausreichend einzelnstehende Sitzwarten vorhanden, werden wir sicher auch den Vierfleck beobachten können. Es gibt etliche weitere Arten, die eine sehr hohe Stetigkeit an solchen Gewässern erreichen und deren Anwesenheit mit einiger Sicherheit vorher-zusagen ist.
Haben wir es alternativ mit einem größeren Angel- oder Badegewässer zu tun, das ringsum eine gerade Schilfkante aufweist und sonst nur wenige Blätter der Teich- oder Seerose, sind manchmal auf den ersten Blick allerdings nur der Große Blaupfeil und die Kleine Königslibelle zu sehen.

Wenn es fließt, kommt alles anders

Ein vollkommen anderes Artenspektrum finden wir gewöhnlich an Fließgewässern, jedenfalls dann, wenn sie wirklich noch fließen dürfen. Am auffälligsten ist dort oft die Gebänderte Prachtli-belle, deren Männchen regelmäßig von ihren Sitzwarten zu Schauflügen über der Wasseroberflä-che aufbrechen. In der Ufervegetation sitzen unterdessen fast immer etliche Exemplare der Feder-libelle, während eine Glänzende Smaragdlibelle parallel zum Ufer patroulliert.
Abgesehen von solchen wirklich häufigen Arten wird es schon schwieriger mit den Vorhersagen. Werde ich an einem Moortümpel eine oder mehrere Arten der selteneren Moosjungfern finden können, beispielsweise die europarechtlich geschützte Große Moosjungfer? Da muss ich schon zur richtigen Zeit – meist Ende Mai – selber nachsehen, der Tümpel wird es mir nicht verraten. Selbst wenn alle Bedingungen zu stimmen scheinen, kann die Art durchaus fehlen. Ich sehe ja nur eine Momentaufnahme, während die Libellen in ihren unterschiedlichen Lebensstadien das ganze Jahr mit den Bedingungen zurechtkommen müssen. Vielleicht erkenne ich auch nicht alle wesentlichen Parameter. Trocknet das Gewässer manchmal aus? Für viele Arten ist das ein Ausschlusskriterium. Hat jemand Fische ausgesetzt?
Noch größere Unwägbarkeiten gibt es bei unseren oft stark regulierten Fließgewässern. Was zum Zeitpunkt der Erfassung träge vor sich hin dümpelt oder gar steht, kann eine Woche später sehr schnell fließen und umgekehrt. Die Larven der Blauflügel-Prachtlibelle benötigen aber ganzjährig einen hohen Sauerstoffgehalt, nicht nur dann, wenn gerade weiter oben ein Wehr auf Durchzug gestellt ist.Somit ist festzustellen: Anhand der Artenliste der Libellen eines Gewässers können Aussagen über seine Struktur und Qualität getroffen werden, umgekehrt gilt das nur ansatzweise. Darüber hinaus ist einzuräumen, dass wir niemals alle Faktoren kennen, die das Vorkommen oder Ausbleiben einer Art bedingen. Dazu sind die Wirkungsgefüge viel zu komplex.

Dr. Arne Hinrichsen

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