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In der Summe mehr

Die Renaturierung der Kleinen Elster

Die Renaturierung von Fließgewässern gehört zu den anspruchsvollsten Disziplinen im Naturschutz. Wenn Gewässer mehr Raum bekommen, Flüsse ihre Betten und Ufer wieder in natürlicher Dynamik gestalten sollen, sind dafür vielfältige Voraussetzungen notwendig. Dazu zählen der unmittelbare Zugriff auf ganz bestimmte Flächen entlang der Gewässer, vergleichsweise aufwendige Planungen und Genehmigungen sowie nicht zuletzt mitunter kostspielige Baumaßnahmen.

Eine Brandenburger Erfolgsgeschichte des Naturschutzes wurde mit der Renaturierung der Kleinen Elster zwischen Doberlug-Kirchhain und Bad Liebenwerda im südlichen Landkreis Elbe-Elster geschrieben. Dort, inmitten des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft, sind im vergangenen Jahrzehnt nacheinander gleich elf Flussmäander neu entstanden oder reaktiviert worden. Dieses Großprojekt zur Renaturierung eines Flusses wurde nur möglich durch ein gelungenes Zusammenspiel von Akteuren und Finanzierungsinstrumenten sowie das fortdauernde Engagement der Flächenagentur Brandenburg als Projektträgerin vor Ort.
Formuliert wurde der Vorschlag, sich der Renaturierung der Kleinen Elster anzunehmen, zuerst in der Verwaltung des Naturparks. Aus gutem Grund: Der Fluss hatte durch seine Begradigung und die übermäßige Verbreiterung seines Profils – auch im Zusammenhang mit dem Braunkohletagebau – sein natürliches Antlitz nahezu komplett eingebüßt. Doch wie sollte der Wiederanschluss der ehemaligen Gewässerschleifen gelingen? Ein Blick auf historische Karten zeigte den Weg: Ehemalige Gewässergrundstücke, die immer noch eigene Flurstücke bildeten, befanden sich überwiegend in öffentlicher Hand. Es folgte eine konzeptionelle Studie, die ein Dutzend machbarer Renaturierungsmaßnahmen auswies. Die erste Hälfte angedachten Maßnahmen konnte in einem Projekt der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg binnen kurzer Zeit zwischen Juli 2007 und März 2008 mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) umgesetzt werden.
Schon damals war die Flächenagentur Brandenburg mit dem Projektmanagement betraut. Sie entwickelte sich zum wesentlichen Motor für weitere Maßnahmen an der Kleinen Elster. Der Agentur kam dabei ihr eigentliches Fachgebiet – die Entwicklung und Vermittlung regionaler Flächenpools im Rahmen der gesetzlichen Eingriffsregelung – in mehrerlei Hinsicht zugute. Bei Flächenpools handelt es sich um ein modernes Naturschutzinstrument: Unterschiedliche Naturschutzmaßnahmen zur Kompensation von Eingriffen in Natur und Landschaft werden in ihnen als Paket auf einer bestimmten Fläche gebündelt und bevorratet. Die Maßnahmen stehen dann potenziellen Projektträgern zur Verfügung, um Beeinträchtigungen, zum Beispiel durch Baumaßnahmen, im Sinne des Verursacherprinzips ausgleichen zu können.

Flächenpool Kleine Elster als sinnvolle Erweiterung

Der ca. 1.400 Hektar große Flächenpool Kleine Elster wurde parallel zu den Bauarbeiten für die ersten sechs Elster-Schleifen vorbereitet. Seine Maßnahmenflächen erstrecken sich entlang des Unterlaufs der Kleinen Elster und bilden einen funktionalen Zusammenhang.
Zum Pool-Angebot zählen vor allem – je nach Flächenverfügbarkeit – unterschiedlich breite, gewässerbegleitende Bepflanzungen sowie die Anlage kleinerer Auwald-Inseln und das Pflanzen von Hecken und Einzelbäumen. Weitere, neu angelegte Strukturelemente formen Uferabflachungen oder schaffen Zauneidechsenhabitate und Amphibienlaichgewässer. Ehemalige Ackerflächen, die bis an die Böschungskante der Kleinen Elster reichten, wurden in extensives Dauergrünland umgenutzt. Auf diese Weise erweitert das reine Wasserbauprojekt auch die Lebensraumvielfalt entlang des Gewässers enorm.

Anlage von Flussschleifen als Kompensationsmaßnahme
Die aufgeführten Maßnahmen gehören zum gängigen Maßnahmenspektrum der Eingriffsregelung und sind gut an geeignete Vorhabenträger zu vermitteln. Anders sieht es mit Wasserbauprojekten wie der Wiederherstellung einer Flussschleife aus, die auf relativ geringer Fläche hohe Kosten verursacht. Nachdem die EFRE-Schleifen jedoch eine große positive Resonanz in der Region und darüber hinaus erfuhren, wurde der Flächenagentur angetragen, ihr Leistungsspektrum durch den Bau weiterer Schleifen zu erweitern – Potenziale waren an der Kleinen Elster ja nach wie vor vorhanden. Die Flächenagentur ergriff die Chance.
Die notwendige Kompensation des Baus der OPAL-Erdgasleitung machte die nächsten Arbeiten möglich  – nun war die „Große Maasdorfschleife“ an der Reihe. Nahe der Ortschaft Lindena entstand zugleich durch Reliefmodellierung, Pflanzungen und Extensivierung eine vielfältige Sekundärauenlandschaft. Anschließend ging es an die Planung und den Bau der „Klosterschleife Doberlug“. Im Vorfeld dieser Maßnahme wurde jedoch deutlich, dass dort aufgrund der kleinteiligen Nutzung und der Vielzahl von Eigentümern nur geringe Erfolgsaussichten bestanden. Aber was wäre, wenn die Flussschleife auf die gegenüberliegende Flussseite gespiegelt würde? Dort war das Land Brandenburg – die Forstverwaltung – der Haupteigentümer, und ein monotoner Intensivacker stellte den Ausgangszustand dar.

Naturnahe und zugleich kostengünstige Bauweise

Die „Klosterschleife“ war die erste von vier weiteren Flussschleifen, bei denen eine naturnähere und zugleich kostengünstigere Herstellungsweise praktiziert wurde. Nach einer gemeinsamen Bereisung der Nidda-Renaturierung, eines Flusses bei Frankfurt/Main, entwickelte die Flächenagentur in Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro WTU GmbH aus Bad Liebenwerda sowie der Oberen Wasserbehörde als zuständiger Bauprüfstelle eine von der bisherigen Bauweise abweichende Herstellung: Die Kleine Elster wurde als Gestalterin mit einbezogen.
Bisher wurden die Flussprofile in errechneter Endmaßgröße gebaut. Das bedeutete, die Kraft des Wassers sollte möglichst nicht zur Verlagerung der Uferböschungen und zur Eintiefung der Sohle führen. Bei der Klosterschleife stand aber ausreichend Fläche zur Verfügung. Es gab keine betroffenen Nachbarn oder andere begrenzende Rahmenbedingungen. So konnte der zukünftige Schleifenverlauf durch ein Initialgerinne lediglich vorgegeben und mit Strömungslenkstrukturen – beispielsweise eingebaute Baumstämme und Wurzelstubben – ausgestattet werden. Nach Fertigstellung eines Überlaufdammes im Hauptlauf und der Öffnung des Ein- und Auslaufs der neuen Schleife übernahm die Kleine Elster die weitere Gestaltung ihres Bettes selbst. Material wurde verlagert, an Prallhängen brachen Wände ab, schon bald bildeten sich Kiesbänke und hinter dem Auslauf ein Schwemmfächer. Das beauftragte mehrjährige Monitoring zeigte, dass der Fluss mit dem Material gut umgehen konnte. Nie musste eingegriffen werden. Zur rechtlichen Absicherung wurde für den Gewässerverband Kleine Elster-Pulsnitz ein spezieller Unterhaltungsvertrag geschlossen, der bisher jedoch nicht herangezogen werden musste. Auf ähnliche Art und Weise sind die „Waldschleife“ und zuletzt die „Saar-“ und die „Elsterwiesenschleife“ angelegt worden.
Zur Refinanzierung wurden die Kloster- und die Waldschleife seinerzeit großen Windparkbetreibern zugeordnet, die damit einen Ausgleich für das Schutzgut Landschaftsbild geschaffen haben. Seit dem neuen Windkraft-Erlass (31.01.2018) kann das Landschaftsbild bei Eingriffen durch den Bau von Windpark-Anlagen Brandenburg nur noch monetär durch Ersatzzahlungen ausgeglichen werden.
Aber auch der Deichbau an der Schwarzen Elster verursacht hohen Ausgleichsbedarf. Das Landesamt für Umwelt kompensiert mit der Elsterwiesenschleife bestimmte Eingriffe im Rahmen der Ertüchtigung der Deiche. Und die Saarschleife hilft, die Eingriffe eines großen Straßenbauprojekts im Elbtal zu kompensieren.

Fazit

Projekte solchen Maßstabs wie an der Kleinen Elster stellen für einen Flächenpoolbetreiber wie die Flächenagentur ein nur schwer kalkulierbares Risiko bezüglich der Refinanzierung und möglicher Kostenerhöhungen in der Bauzeit dar. Die Vielzahl positiver Effekte für die Natur und das Landschaftserleben bei gleichzeitig relativ geringem Flächenverlust für die Landnutzer sprechen jedoch für dieses Wagnis.
Als außerordentlich wichtig stellen sich ein gutes Netzwerk und die Unterstützung aus der Region dar. Diese Vertrauensbasis ist aber auch das Ergebnis langjährigen persönlichen Engagements vor Ort, einer pragmatischen Herangehensweise sowie des Mutes, Neues zu probieren, guter Planer und wohlgesonnener Behördenvertreter.

Birgit Groth, Flächenagentur Brandenburg
Marc Thiele, Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg

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