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Gegangen, um zu kommen

20 Jahre Lachsprojekt in Brandenburg

2019 steht offenbar ganz im Zeichen des Atlantischen Lachses (Salmo salar). Er ist nicht nur Fisch des Jahres, zeitgleich wird auch das internationale Jahr des Lachses begangen. Und in Brandenburg kann man auf einen erfolgreichen zwanzigjährigen Verlauf eines Wiederansiedlungsprojektes zu-rückblicken.

Wenn im Herbst Lachse und Meerforellen aus dem Atlantik kommend die Elbe hinauf in ihre Laichgebiete wandern, zieht ein kleiner Teil der Fische seit einigen Jahren auch wieder in die Stepe-nitz und deren Zuflüsse. Dort finden sie ihre einstigen Kinderstuben, wo nun in den Kiesbänken der klaren Gewässer ihre Laichgruben schlagen. Noch Mitte des vorigen Jahrhunderts galten sie im El-besystem als ausgestorben. Wenige Jahrzehnte menschlichen Tuns hatten genügt, um den Lebens-raum des einstigen Brotfischs der Elbefischer restlos zu ruinieren. Zu Abwasserkanälen verkommene Flüsse, beseitigte Untiefen und Laichgründe, unpassierbare Staue und Wehre ließen wandernden Fischarten keine Überlebenschance.

Erste Erfolge

Inzwischen haben sich die Bedingungen erheblich verbessert. Dennoch: „Es wird noch einige Jahr-zehnte dauern, bis sich hier wieder eine sich selbst erhaltene Population etabliert hat“, sagt Steffen Zahn. Der Diplom-Fischereiingenieur ist der Projektverantwortliche des Instituts für Binnenfischerei e.V (IfB) für die Wiederansiedlung von Lachs und Meerforelle in Brandenburg im Rahmen des Programms „Elblachs 2000“ (s. nm 3/2011). Gemeinsam mit dem Landesanglerverband Branden-burg als Initiator des Projekts und unterstützt durch viele freiwillige Helfer arbeiten die IfB-Wissenschaftler seit 20 Jahren am Gelingen des Vorhabens. Bis 2018 wurden mittlerweile 1,14 Mil-lionen Lachse und 1,47 Millionen Meerforellen in die Stepenitz ausgesetzt. Dass sie auf gutem Weg sind, zeigt die Zahl der Rückkehrer. Seit Projektbeginn 1999 zog es 355 Lachse und 1121 Meerfo-rellen in die Laichgebiete der Stepenitz. Bezogen auf die Anzahl der abwandernden Junglachse liegt die Rückkehrerrate zwischen 0,3 und 0,8 Prozent. „Das entspricht etwa den Verhältnissen anderer Wiederansiedlungsgebiete“, so Zahn. Bemerkenswert dabei ist der Anteil der Laichfische aus natür-lichem Aufkommen von mindestens 21 Prozent seit 2012. Die Reproduktion findet also statt. Für eine sich selbst erhaltende Population ist die Zahl der Rückkehrer allerdings noch zu gering. Min-destens drei Prozent der jährlich 11.000 abwandernden Smolts müssten es sein, um eine hinreichend große Laicher-Population zu etablieren. Es werden beim Lachs also noch weitere Jahre Besatzmaß-nahmen erforderlich bleiben.
Künftig wird es aber auch darum gehen, nicht nur die Projektgewässer, sondern das gesamte Elbe-gebiet zu betrachten. „Der langfristige Erfolg der Lachswiedereinbürgerung in Brandenburg ent-scheidet sich nicht allein in Stepenitz und Schwarzer Elster, sondern ganz maßgeblich durch Fakto-ren in den großen Zuflüssen und im Unterlauf der Elbe sowie möglicherweise im Atlantik“, sagt Steffen Zahn.
Wenige Jahre nach Start des Stepenitz-Projektes erfolgte dessen Erweiterung auf weitere ehemalige Lachsflüsse. 2001 gelangten erste Meerforellenbrütlinge in das Uckersystem, wo bis heute insge-samt 1,72 Millionen Jungfische besetzt wurden. Auch dort lassen Beobachtungen eine natürliche Reproduktion vermuten. Im seit 2004 besetzten Flussgebiet der Pulsnitz konnte diese hingegen noch nicht beobachtet werden, auch die Rückkehrerrate ist dort mit lediglich 14 Lachsen sehr ge-ring. Letzteres hat seinen Grund vermutlich vor allem daran, dass dort bisher auch nur rund 252.000 Fische besetzt wurden.

Freie Wanderwege

Wesentlichste Voraussetzung für die Wiederansiedlung von Wanderfischarten ist die Herstellung der ökologischen Durchgängigkeit. Dass sich dazu in den vergangenen Jah-ren durchaus etwas getan hat, zeigen die Nachweise tausender laichreifer Flussneun-augen in der Stepenitz sowie auch erste Nachweise in der Pulsnitz 2012/13. „Die Fluss-neunaugen folgen ihren Wirtsfischen“, freut sich Steffen Zahn über den positiven „Ne-beneffekt“ des Projekts. Insbesondere in der Stepenitz findet sich heute wieder eine ar-tenreiche Fischfauna. „Es ist alles da, was hier natürlicherweise zu erwarten ist“, so Zahn, für den die Stepenitz „der“ Fluss ist, „hier stimmt alles“. Von Aal bis Zwergstichling, für 38 Fischarten ist das Flussgebiet im Zuge des Wiederansiedlungsprojektes wieder Lebensraum geworden. Über eine Länge von etwa 55 Kilometer (bis Putlitz) ist die Stepenitz für Wanderfische mittlerweile passierbar. Und auch in den wichtigsten Zuflüs-sen ist die ökologische Durchgängigkeit auf über 50 Kilometer wieder hergestellt worden. Maßgeblich war hierbei die Unterstützung durch das Landesamt für Umwelt sowie durch den Wasser- und Bodenverband „Prignitz“. Ohne das Lachsprojekt wäre dies aber wohl nicht möglich gewesen. Auch im Gebiet Schwarze Elster/Pulsnitz hat sich diesbezüglich einiges getan. Mit dem Umbau des Pulsnitz-Wehres in Kroppen können seit 2017 auf-steigende Fische die sächsischen Laichgebiete bei Königsbrück erreichen. Ähnlich ist die Situation im Ucker-System, wo durch den Umbau des Wehres Torgelow 2015 nun die Laichgebiete im Köhntop und Strasburger Mühlbach nahezu ungehindert erreicht wer-den können.
Trotz aller Fortschritte: Handlungsbedarf besteht in den Flussgebieten auch weiterhin. Im Focus stehen dabei vor allem die Wehre in Perleberg, Putlitz und Pritzwalk im Stepenitz-Gebiet sowie an der Schwarzen Elster Wehre in München und Frauenhorst, für die be-reits Planungen oder zumindest Machbarkeitsstudien vorliegen.

Gute Kinderstube?

Neben der ökologischen Durchgängigkeit bestimmt die Anzahl und Qualität der Laich-habitate maßgeblich den Ansiedlungserfolg. Gern würde man auch diesen durch die Schaffung neuer Laichplätze voranbringen, allein bürokratische Hürden verhindern das bislang. Denn auch für solche „Eingriffe“ in Gewässer werden aufwendige Planfeststel-lungsverfahren verlangt. Völlig unverhältnismäßig, findet Zahn, zumal im Gegensatz da-zu Wehr-Rekonstruktionen oder Neubauten zum Teil ohne diese möglich sind.
Ein weiteres Problem sieht der Projektverantwortliche im gewässernahen Energiepflan-zenanbau. Mais- und Rapskulturen sorgen für eine Zunahme der Versandung und schaffen ein Schlaraffenland für Biber. „Die Tiere kommen in Bereiche, die sie norma-lerweise nicht besiedeln würden“, so Zahn. „Es gibt Dammbauten, die bestehen nur aus Maisstroh.“ Infolge der Bautätigkeit der Nager komme es zu einer erheblichen Verringe-rung der Fließgeschwindigkeit mit negativen Auswirkungen auf Stoff- und Sediment-transport, Temperatur und Sauerstoffgehalt und in der Folge zu Verlusten an fließge-wässertypischen Habitaten und Arten.
Ein erhebliches Konfliktpotenzial besteht bei Wasserkraftanlagen (WKA) in Fließgewäs-sern. Stauhaltungen werden manifestiert und konterkarieren die Bemühungen um die ökologische Durchgängigkeit und Förderung typischer Fließgewässerhabitate. Zwar können Fischwanderhilfen errichtet werden, flussabwärts geraten insbesondere Jungfi-sche jedoch in die Turbinen und werden mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet. Mit einem Leistungspotenzial von etwa vier Megawatt spielt die Wasserkraftnutzung zur Energie-gewinnung in Brandenburg praktisch keine Rolle, wirkt sich jedoch negativ auf die Fließgewässer und deren Entwicklung aus.


Wolfgang Ewert

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