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Gesunde Flüsse, gesunder Mensch

Die UN-Wasserdekade und der nationale Wasserdialog in Deutschland

Intakte Flusslandschaften sind multifunktionale Hochleistungssysteme. Sie sind Hotspots der Biodiversität, reinigen unser Trink- und Bergbauwasser, liefern wichtige Reserven während Trockenperioden, schützen uns vor Hochwasserschäden und sind touristische Zentren, wie uns die steigenden Übernachtungszahlen im Spreewald zeigen. Zumindest in der Theorie!

Vom Ideal der multifunktionalen Alleskönner sind Brandenburgs Flüsse allerdings weit entfernt. Etwa 88 Prozent der für die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (EUWRRL) relevanten Fließgewässer genügen dort nicht den Kriterien der guten ökologischen Qualität. Jene ist aber das Maß aller Dinge in dem europäischen Regelwerk. Die meisten Flusslandschaften Deutschlands sind schon lange nicht mehr intakt, ihre Artenvielfalt, insbesondere die der aquatischen Insekten, geht ungebremst zurück. Aber auch wir Menschen bekommen die Folgen zu spüren.
Chemisch-synthetische Pestizide aus der konventionellen Landwirtschaft, nitrathaltige Düngemittel, Eindeichung und Trockenlegung, Straßen(-brücken) und Wehre beeinträchtigen die Qualität unserer Flüsse und Auen. Dabei beheimaten gerade diese Lebensräume zwei Drittel aller in Mitteleuropa vorkommenden Arten. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, werden die Vorkommen vieler Arten wohl bald erlöschen.
Die deutsche Wasserwirtschaft steht heute vor neuen und immer komplexer werdenden Herausforderungen: Mikroplastik, Spurenstoffe und deren Abbauprodukte werden mit herkömmlicher Klärwerkstechnologie, so wie sie auch in Brandenburger und Berliner Kläranlagen realisiert ist, nur teilweise, aber nicht vollständig reduziert. Im „Klarwasser“, das schließlich in die Vorfluter entlassen wird, sind sie noch immer enthalten. Umfassende Veränderungen bringen aber auch der Klimawandel, demografische Entwicklungen, Landnutzungsänderungen, technologische Neuerungen und verändertes Konsumverhalten mit sich. Deren Folgen werden sich aber nicht allein durch branchenspezifische oder lokale Maßnahmen bewältigen lassen. Auch führen neue politische Rahmenbedingungen, wie beispielsweise der EU-Haushalt oder Änderungen in der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2020, dazu, dass Schwerpunkte neu gesetzt werden und damit zu neuen Herausforderungen für die Wasserwirtschaft.
Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die Nachhaltigkeitsziele der 2030-Agenda für eine nachhaltige Entwicklung („Sustainable Development Goals“, SDGs), die auch für Deutschland verbindlich sind. Um diese in Deutschland und den Bundesländern umzusetzen, hat die Bundesregierung in der Neuauflage der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie die 17 SDGs aufgegriffen und unter Einbeziehung der breiten Öffentlichkeit in einem Dialogverfahren im Januar 2017 die fortentwickelte deutsche Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Darin wurden zum „Ziel 6“ (Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle gewährleisten) wesentliche Inhalte und politische Prioritäten aus Sicht der Bundesregierung festgelegt.
Neben der Nachhaltigkeitsstrategie haben aber auch andere sektorübergreifende nationale Strategien Bezüge zur Wasserwirtschaft, beispielsweise die Biodiversitätsstrategie oder die deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel. In der 6. UN-Vollversammlung wurde am 21. Dezember 2016 die Ausrufung der UN-Wasserdekade vom 22. März 2018 bis zum März 2028 beschlossen, die folgende Ziele verfolgen soll:
1) Förderung einer nachhaltigen Entwicklung und die integrierte Bewirtschaftung der Wasserressourcen,
2) die Umsetzung bestehender Programme wie die EU-WRRL und Projekte vorantreiben
3) Mobilisierung von Maßnahmen zur Erreichung der 2030-Agenda. Im Aktionsplan zur Wasserdekade werden die Mitgliedstaaten um Unterstützung bei der Verwirklichung der Dekadenziele in u.a. folgenden Arbeitsbereichen gebeten:
• intensiver Austausch zu bewährten Verfahren und Lösungen,
• Verbesserung der Wissensbasis einschließlich neuer Informationen zu wasser-bezogenen SDGs;
• Stärkung der Kommunikationsmaßnahmen zur Umsetzung der wasserbezogenen Ziele.
Um viele Menschen an der Dekade teilnehmen lassen zu können, empfiehlt die UN die Durchführung von Dialogen, Konferenzen und Treffen. Solche Veranstaltungen werden als Schlüssel für die aktive Beteiligung aller relevanten Akteure – den Stakeholdern – bei der Umsetzung von Gewässerschutzmaßnahmen gesehen. Dabei sollten die Stakeholder aus allen Bereichen der Zivilgesellschaft sowie aus der öffentlichen Verwaltung und Privatwirtschaft stammen.

Wasserwirtschaft in Deutschland

Die deutsche Wasserinfrastruktur ist auf Versorgungssicherheit und Langfristigkeit ausgerichtet. Bei der Betrachtung ihrer Wirkung auf aquatische Ökosysteme ist zu berücksichtigen, dass diese oftmals nur sehr langsam auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren. Eingetragene chemisch-synthetischen Pestizide und deren Metabolite sowie „Kunstdünger“ mit ihren Stickstoff- und Phosphat-Frachten sind in diesen Systemen sehr langlebig. Zwar können Schadstoffe in Sedimentsenken vorerst festgelegt sein, doch oft ist dies nicht von Dauer. Die toxischen, früher aber vielfältig genutzten Polychlorierten Biphenyle (PCB) sind hierfür ein unsägliches Beispiel: Die Hoffnung, dass sie nach ihrem Verbot in den Sedimentsenken ein für alle Mal fixiert wären, wich inzwischen der Erkenntnis, dass sie durch kleinste wasserchemische Veränderungen – beispielsweise des pH-Wertes – wieder freigesetzt werden. In Verbindung mit Mikroplastik führen sie heute wieder zu massiven Bioakkumulationen in Fischen. Künftige Generationen werden sich daher noch langfristig mit den in Sedimenten „geparkten“ Schadstoffen beschäftigen müssen: Selbst dann, wenn es endlich gelingen sollte, sämtliche Stoffeinträge – allen Lobbyisten zum Trotz – deutlich zu verringern.
Gleiches gilt für Maßnahmen der Daseinsvorsorge zum Schutz von Leben und Gütern vor Hochwasserkatastrophen oder Dürren, die weit vorausschauender Planung bedürfen und mit erheblichen finanziellen Investitionen verbunden sind. Allein im Land Brandenburg wurden seit der großen Oderflut 1997 über 658 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert. Daher sollen und müssen die erforderlichen Handlungsoptionen bereits heute mit den beteiligten Akteuren diskutiert werden. Nur so können notwendige Entwicklungen im Zeithorizont bis 2030 rechtzeitig identifiziert und eingeleitet sowie Maßnahmen umgesetzt werden, die ihre Wirksamkeit im Zeithorizont bis 2050 entfalten.
All diese Herausforderungen brauchen ein gemeinsames Reflektieren, Um- und Neudenken der bisherigen Strategien in der Wasserwirtschaft und der angrenzenden Wirtschaftsbereichen sowie eine darauf ausgerichtete Investitions- und Maßnahmenplanung.

PD Dr. Werner Kratz
Der Autor lehrt an der FU Berlin Ökologie und Ökotoxikologie. Er ist 2. Vorsitzender des NABU Brandenburg und Sprecher des Bundesfachausschusses Umweltchemie und Ökotoxikologie des NABU Deutschland. Am 16. Februar 2019 wurde er vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit für den Nationalen Wasserdialog, Bereich „Spurenstoffe“, berufen. Er wird in den Jahren 2019/2020 an diversen Veranstaltungen teilnehmen.

 


Info

Ziele des Wasserdialogs

Am Ende des Dialogprozesses wird ein Eckpunktepapier erarbeitet werden, das die in den nationalen Wasserforen diskutierten Zukunftsthemen und ihre Bewertung durch die Akteure abbildet. Ebenso sollen im Papier konsensuale Handlungsoptionen und nächste Schritte festgestellt, aber auch Dissense und mögliche Konflikte in den einzelnen Zukunftsthemen aufgezeigt werden. Diese Eckpunkte sollen sowohl in relevante andere Strategieprozesse eingespeist werden als auch als Baustein für die Erarbeitung einer nationalen Wasserstrategie „Zukunft Wasser“ durch das BMU dienen. Sie sind dann auch als Beitrag zur UN Wasserdekade zu verstehen.

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