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Akademiker mit Sinn für Naturkreisläufe und Kühe

Im „Speckgürtel“ fanden Berliner noch Platz für ökologische Landwirtschaft

Die beiden Männer im Stall schauen erfreut auf das kleine, wuschelige Etwas inmitten der Stroh- und Heuflut. Ihre Schwarzbunte „Gala“ hat gerade das siebente Kalb zur Welt gebracht, einen gesunden Bullen, der in den kommenden Wochen bei der Mutter sein und von ihr gesäugt werden wird. Solche „Muttergebundene Aufzucht“ wird von Volker Woltersdorff (47) und Udo Pursche (50) praktiziert. Sie sind Quereinsteiger in der Land- und Viehwirtschaft. Das ahnt bereits, wer die Website ihres Hofes anklickt und Sätze wie „Anmut sparet nicht noch Mühe…“ oder „Ein Viech ist ein Viech wie der Mensch auch“ als Banner über Fotos vom Bauernhof-Leben laufen sieht.

Die „Jung-Bauern“ besitzen jahrzehntelange Erfahrung: akademische, geballtes Wissen von Elementarteilchen, Hochfrequenz- und Mikrowellentechnik, Kulturwissenschaft und gendergerechter Literatur. Der Promovierte aus dem Allgäu und der Professor mit Lausitzer Wurzeln leben auf dem Dorfanger in Blankenfelde, einer Großgemeinde am südlichen Berliner Stadtrand. Dort bestimmen selbstgesteckte Ziele und neue Erfahrungen ihren Alltag, ebenso der Biorhythmus ihrer Tiere sowie Anbau- und Erntezyklen. Vor Jahren hatten die Zwei ihr Schlüsselerlebnis beim Besuch einer Hofgemeinschaft in Thüringen: Sie waren von der Art, im Einklang mit der Natur zu leben, von der Tierhaltung, so angetan, dass sie sich eine Veränderung in ihrem Leben wünschten. Am liebsten gleich an Ort und Stelle. „Doch wir waren beruflich und mit unseren Freunden in Berlin verankert, dass wir uns nur hier eine nebenberufliche Tätigkeit vorstellen konnten“, erinnert sich Volker Woltersdorff. Das Paar suchte einen Hof nahe der Hauptstadt und fand 2010 den heruntergewirtschafteten auf dem Blankenfelder Dorfanger, einen Steinwurf von der wiederbelebten Schmiede entfernt. Das war ideal: Der Arbeitsweg an die Berliner Universitäten und Hochschulen war mit Nahverkehr und Auto gut machbar, die Gebäude auf dem Vierseithof samt kleinen Nutzflächen waren ausbaubar, sodass ihre Vorstellungen von einem Selbstversorgerhof umsetzbar waren. Eine nachhaltige, ökologische und enkeltaugliche, im besten Sinne bäuerliche Landwirtschaft sollte wachsen.
Das erwies sich als Quadratur des Kreises. „Wir hatten zu wenig Land, um uns und die Tiere zu ernähren“, so Volker Woltersdorff. Eine Mischung der Tierrassen, wie sie seit alters her auf den Höfen vorkommen, war eingezogen: Kühe – die lieben sie besonders – in die Ställe und auf Weiden, aber auch Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner, Gänse, Bienen, Katzen und „Ajax“, der französische Hütehund. Manche Tiere kamen oder kommen „in Pension“, wie zurzeit die Bienen, andere – wie die Kühe – gehören zu den ständigen Bewohnern. Weil der Hofaufbau langwierig und kostspielig ist, musste regelmäßig Geld reinkommen. Als sich Udo Pursche eine gute, langfristige Beschäftigung bot, griff er zu. Die Idee, dass Volker Woltersdorff eine Teilzeitstelle annahm, musste er wegen der Tiere, die er betreut, verwerfen.
Das Problem des fehlenden Acker- und Weidelandes in einer Region, in der Boden „Goldstaub“ ist, entspannte sich unerwartet vor zwei Jahren. Pachtverträge der Kirche liefen aus, und da der Pfarrer, Steffen Wegener, dem Projekt der Berliner zugetan war, konnten sie hier pachten. Mit 5,5 Hektar Weide- und 22 Hektar Ackerland steigt die Chance, Kreisläufe für eine ökologische Landwirtschaft zu installieren. In den Stallungen atmet vom Boden bis zur Decke alles den Geist unzähliger Bauerngenerationen. Heu und Stroh gibt es wie im Überfluss und es empfängt einen leise Musik. Volker Woltersdorff glaubt, sie wirke auf die Kühe milchfördernd und auch sonst günstig auf die kleinen Wiederkäuer. Schafe und Kühe sind unter den Futterbergen in den Raufen kaum zu sehen und machen einen entspannten, zufriedenen und neugierigen Eindruck. Zweimal am Tag bietet der Hof Gelegenheit, Produkte frisch zu kaufen. Dieses Einnahme-Standbein soll wachsen. Volker Woltersdorff führt die Bücher penibel. Seit 2016 läuft die Umstellung auf Ökobetrieb. Jetzt gibt es erste Zertifizierungen: Die Rohmilch ist Bio, die Eier auch. Honig, Gemüse und Kartoffeln werden nach Verfügbarkeit verkauft, ab und an Bio-Hähnchen und Bio-Suppenhühner und Weihnachten Gänse.
Den Feldanbau stemmen die Männer gemeinsam, Udo Pursche ist für die Technik verantwortlich. Auf den Feldern, die mit dem Mist der Hof-Tiere gedüngt werden, wächst Futter für Tiere und Menschen. Wie zerbrechlich das kleine System noch ist, zeigte der heiße, trockene Sommer 2018. Die Felderträge waren klein, Bio-Futter musste zugekauft werden. Um alle wichtigen Informationen, Vernetzung und Beratung zu haben, ist der Hof bei „Naturland“ organisiert. Die Molkerei, bei der ohne Umwege in die Kanne gemolken wird, gehört zum Verbund „Brandenburger Milch- und Käsestraße“. Ideen, wie ein solides Fundament bei hoher Qualität entstehen kann, haben die Blankenfelder. Kleine Restaurants in der Stadt beliefern beispielsweise. Dass die Berlinerin Sabina Lischka (37) kürzlich an ihre Tür klopfte, weil sie einen Hof „mit guten Tieren und netten Menschen“ suchte, um eine Käserei aufzubauen, gab zusätzlich Auftrieb. Die Diplomingenieurin für Architektur mit Zweitstudium Ressourcenmanagement und der Liebe für Käse hat sich in der Scheune Räume ausgebaut und kooperiert mit dem Bauernhof. Nicht nur die Jersey-Kühe, deren Milch den höchsten Fettgehalt haben und aus der sich bester Käse machen lässt, hatte sie sofort ins Herz geschlossen. Die Bauern werden 2019 weitere Kühe kaufen, um die Käserei zuverlässig mit Milch zu versorgen.
Auch eine andere Schweinerasse soll auf den Hof kommen. Ein Hofladen ist im Bau. Ende April, wenn Sabinas erster Käse gereift und amtlich geprüft ist, soll er an den Start gehen. Schon jetzt gibt es Tage, da sind Milch und Eier „aus“, weil sich gute Qualität rumspricht und Kunden immer öfter am Tor klingeln. 

Andrea von Fournier
Weitere Informationen unter: www.bauernhof-blankenfelde.de

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