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Storchendorf für Insider

Die Störche von Falkenthal

Die Sonnenstrahlen wärmen, das zarte Grün der Linden steht im Kontrast zum blauen Himmel darüber. Unter den Schuhsohlen knirscht Sand beim Spazieren über die gepflasterten Wege. In den Vorgärten sind bunte Blumen zu entdecken. Plötzlich zeichnet sich auf dem Gehweg ein dunkler Schatten ab. Er kommt rasch näher und wird größer. Noch bevor er über uns hinüberstreicht, ändert der Schatten seine Richtung. Jetzt hören wir Klappern – und sehen einen Weißstorch im Nest stehen, der den Kopf weit zurückgenommen hat und dabei klappert. Nun ist auch wieder der Schatten zu sehen, er streicht über die Dächer der Häuser zum klappernden Storch hin. Mit drei kräftigen Ruderschlägen landet er auf dem großen Nest und beginnt ebenfalls sofort mit dem Klappern – Begrüßung unter Weißstörchen.

In keinem Bundesland Deutschlands gibt es mehr Störche als in Brandenburg. Nicht nur in vielen Dörfern, sogar in einigen Städten zieht Adebar seinen Nachwuchs auf. So gehören die gefiederten Frühlingsboten untrennbar zum Bild Brandenburgs und sind zugleich ein Beleg für die intakte Natur. Wo Störche heimisch sind, ist die Natur im Gleichgewicht. Zwischen rund 1.200 und 1.400 Paaren brüteten in den vergangenen Jahren im Land zwischen Oder und Elbe, an Havel und Spree.
Störche haben eine Vorliebe für feuchte Gebiete, und so konzentrieren sich die Brutplätze des Weißstorchs auf die märkischen Flussniederungen von Elbe, Oder, Neiße, Schwarzer Elster, Spree und Havel. Feuchtes Grünland, also Wiesen- und Weidenflächen, spielt für den Nahrungserwerb der Störche die entscheidende Rolle.
Der Weißstorch ist, wie es im Fachjargon heißt, ein Kulturfolger. Der große Vogel folgte einstmals den Menschen und seinen Anstrengungen, das Land urbar zu machen und zu kultivieren. Das Roden von Wäldern und ihre Umwandlung in Wiesen und Äcker schufen ihm Nahrungsgrundlagen. Ihre Nester bauten die Störche früher in Bäumen – dort nisten die Tiere von Natur aus –, später auch auf den Häusern der Menschen, sofern die Menschen es zuließen. In einigen Gegenden des Landes waren die Bedingungen sogar so gut, dass sich nicht nur ein Storchenpaar niederließ, sondern gleich mehrere. Dabei spielt nicht nur das ausreichende Nahrungsangebot eine Rolle; auch müssen die Störche es gewohnt sein, in enger Nachbarschaft die Nistplätze von Artgenossen zu haben. Befinden sich bereits mehrere Horste in einem Ort, ist es gut möglich, dass weitere hinzukommen. Die Schwelle liegt beim Übergang von einem Horst zum Zweiten.
In der Havelaue, zwischen Zehdenick und Oranienburg, hat der Ort Falkenthal vor einigen Jahren diese Schwelle genommen und sich seitdem zum Storchendorf gemausert. Ab Anfang der 1990er Jahre sorgten Storchenfreunde dafür, dass das Angebot an Nisthilfen stetig wuchs – mit großem Erfolg. Auf sechs bis neun Brutpaare hat sich der Bestand in den vergangenen Jahren eingepegelt, und es ist ein besonderer Genuss, von Norden her auf der Dorfstraße zur Kirche zu gehen. Links und rechts der von Linden eingerahmten Straße sind immer wieder Nester zu entdecken. Ein Nest steht schließlich reizvoll mitten auf der angerartigen Erweiterung, auf der auch die Kirche aufragt.
Die Falkenthaler schätzen die Vorliebe der Störche für ihren Ort und bieten ihren Gästen immer wieder neue Nistmöglichkeiten an. Vor einigen Jahren wurden die Störche und die mit der Pflege und Unterstützung der Tiere besonders vertrauten Falkenthaler sogar in einem Dokumentarfilm verewigt.
Der sich ändernde Brutvogelbestand in Falkenthal ist nicht ungewöhnlich. In vielen Orten ist ein Auf und Ab zu verzeichnen. Motor dieser Veränderungen ist im Wesentlichen das Nahrungsangebot. Wo Frösche, Mäuse, Schlangen und Insekten keinen Platz mehr haben, weil etwa der Grundwasserstand abgesenkt, der Niedermoorboden entwässert oder tief umgepflügt wird, bleiben schließlich auch die Störche aus. Steigt umgekehrt das Nahrungsangebot, kann auch die Zahl der Horste anwachsen.

 

Weißstorch (Ciconia ciconia)

Das Gefieder des Weißstorchs ist überwiegend weiß, lediglich die Schwungfedern und der hintere Teil der Flügeldeckfedern sind schwarz. Die Beine und der zwischen 14 und 19 Zentimeter lange Schnabel sind rot gefärbt, wobei die Beine in heißen Sommern zur Kühlung gezielt mit Kot bedeckt werden und dann weiß erscheinen.
Ausgewachsene Tiere sind etwa 80 Zentimeter groß, ihre Flügelspannweite kann bis zu zwei Meter betragen. Das Gewicht der Weißstörche variiert um die drei bis vier Kilogramm. Zur Nahrungspalette gehören nicht nur Frösche, sondern auch Mäuse, Spinnen, Insekten wie Heuschrecken, Schlangen und andere Reptilien und bei Gelegenheit auch Fische. Wenn die großen Vögel im Frühjahr auf frisch bestellten Äckern unterwegs sind, decken Regenwürmer einen großen Teil ihres Nahrungsbedarfs. Normalerweise benötigen die Tiere pro Tag etwa 500 bis 600 Gramm Nahrung. Doch während der Jungenaufzucht – wenn die Jungstörche zwischen drei und vier Wochen alt sind – reicht das bei weitem nicht, dann müssen sie rund anderthalb Kilogramm heranschaffen.
Das Weibchen legt ab April meist zwischen drei und fünf Eier, die gut einen Monat lang von beiden Eltern ausgebrütet werden. Auch die Aufzucht der Jungen teilen sich beide – angesichts der enormen benötigten Futtermengen wäre das anders auch kaum zu schaffen. Etwa zwei Monate nach dem Schlupf verlassen die Jungstörche das Nest und treten den Weg in die Überwinterungsgebiete ein paar Tage vor den Eltern allein an. Störche kommunizieren mithilfe des weithin hörbaren, charakteristischen Schnabelklapperns. Es stärkt die Bindung zum Partner und zu den Jungen und signalisiert vorbeikommenden Artgenossen: Hier ist mein Platz!


Beringung und Besenderung

Wer Störche mit einem Fernglas beobachtet, wird manchmal einen Ring am Bein eines Tieres entdecken. Die Beringung der Störche wird seit vielen Jahrzehnten von ehrenamtlichen Helfern – den Horstbetreuern – durchgeführt. Damit werden die sich zum Verwechseln ähnlich aussehenden Tiere unterscheidbar. Zugwege konnten auf diese Art ermittelt werden, Zugzeiten ebenfalls. Auch andere wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse konnten gesammelt werden, so das Alter des vermeintlich ältesten Storchs Deutschlands: Ein Weibchen, das unweit des an der Elbe gelegenen Dorfs Rühstädt gebrütet hat und bei seiner letzten Sichtung 29 Jahre alt war.
Die genauen Untersuchungen haben auch in Sachen Partnerschaft ein anderes Bild vom Storch gezeichnet, als traditionell angenommen wurde. So leben die Tiere nicht in lebenslanger Ehe. Eine enge Bindung besteht vielmehr zum Nest, sowohl beim Weibchen als auch beim Männchen. Da beide jedoch getrennt ziehen, kommen sie im Frühling meist zeitlich versetzt zurück. Das führt häufig dazu, dass frühere Paare wieder zueinander finden. Gleichzeitig ist jedoch Streit vorprogrammiert, wenn ein gerade erst geschlechtsreif gewordener Storch vorbeizieht und vom Nest angezogen wird. Die Kämpfe, die sich dann oft mit den Artgenossen ereignen, können blutig enden. In Extremfällen passiert es, das bereits im Nest liegende Eier hinausgestoßen werden.
Seit einigen Jahren erhalten manche Störche GPS-Sender auf ihre Rücken montiert, was lückenlose Daten über ihr Zugverhalten erlaubt. Einmal gelang es sogar, den Zeitpunkt der Rückkehr eines dieser Frühlingsboten aus seinem Winterquartier ziemlich exakt vorherzusagen – pünktlich segelte der Weißstorch zu seinem Vorjahreshorst und begrüßte dort die den Himmel absuchenden und nun etwas verdutzt dreinschauenden Wissenschaftler mit lautem Klappern.

Anreise nach Falkenthal

Falkenthal ist nicht nur mit dem Auto auf der B167 (Neuruppin – Eberswalde) oder der B109 (Berlin – Zehdenick) gut zu erreichen, sondern auch in der Kombination aus Fahrrad und Bahn. So kann etwa ab Oranienburg auf dem Radfernweg Berlin – Kopenhagen bis Friedrichsthal und weiter über Freienhagen und Hertefeld bis Falkenthal auf dem Löwenberger Land-Radweg geradelt werden. Gut zu fahrende Radverbindungen bestehen auch nach Zehdenick, Grüneberg und Löwenberg (alle mit Bahnanschluss). In der Umgebung von Falkenthal lockt nicht nur die Havelaue, an deren Rand der Kopenhagen-Radweg entlangführt, sondern auch der Nachbarort Liebenberg mit einer großartigen, zugänglichen Schlossanlage und angrenzendem Park – samt Storchennest.


Carsten Rasmus
Buchautor und Verleger

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