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Das andere Gesicht

Die politische Vordenkerin Rosa Luxemburg liebte die Natur über alles

„Jetzt besitze ich zwölf vollbepackte Pflanzenhefte und orientiere mich sehr gut in der ‚heimischen Flora‘, zum Beispiel im hiesigen Lazaretthof, wo ein paar Sträucher und üppiges Unkraut zur Freude der Hühner und zu meiner gedeihen.“ Der Auszug stammt aus einem Brief, den Rosa Luxemburg am 18. September 1915 an Luise Kautsky geschrieben hat. Sie verfasste ihn im „Weibergefängnis Berlin“ (Barnimstraße) an die Freundin und politische Weggefährtin.

Die Zeilen werfen ein unbekanntes, doch bezeichnendes Licht auf eine Frau, die zuallererst als politische Aktivistin in die Geschichte einging. Rozalia Luksenburg, am 5. März 1871 in Zamość im heutigen Polen geboren, war eine wichtige Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung, Marxistin, forderte Frauenrechte und war Mitgründerin der KPD. 1919 wurden sie und Karl Liebknecht von Soldaten der preußischen Armee ermordet. Über die „Innenansichten“ dieser starken, emotionalen Frau, die Privatperson, ist hingegen weniger bekannt. Dabei sind viele ihrer politischen Überzeugungen und Entscheidungen mit ihrer großen Naturverbundenheit zu erklären. Die Aussage: „Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den ‚Genossen‘…“ stammt auch aus einem Gefängnisbrief, 1917 an Sophie Liebknecht verfasst.
Ein politischer Weg war Rosa Luxemburg nicht in die Wiege gelegt, das Kämpferische und der Charakterzug, sich einer Sache, von der sie überzeugt war, mit ganzer Kraft hinzugeben, schon. Als 17jährige geht sie nach Zürich. An der dortigen Universität sind schon damals Frauen zum Studium zugelassen. Die humanistisch gebildete, sprachbegabte und politisch interessierte Tochter jüdischer Eltern mit dem Faible für Literatur, Biologie und Geologie belegt ab Oktober 1889 die Fächer Zoologie und Botanik sowie einen Kurs in Mikroskopieren. In der Schweiz lernt sie den jungen russischen Emigranten Leo Jogiches kennen und lieben, der ihren Weg stringent in die Politik lenkt. Sie bricht die naturwissenschaftlichen Studien ab und belegt stattdessen wirtschaftliche und geisteswissenschaftliche Fächer. Später schreibt sie ihm einmal, dass er ihr verhasst wurde als derjenige, der sie für immer an „diese verfluchte Politik“ geschmiedet habe. Das zeigt deutlich, dass Rosa Luxemburg auch andere Neigungen und Prioritäten als den politischen Kampf hatte. 1913, in einer persönlichen Krise, entdeckt sie ihre Leidenschaft zu Pflanzen neu. Erst vor wenigen Jahren fand man ihre 18 Hefte umfassende botanische Sammlung in einem Warschauer Archiv. Dieses Herbarium, angelegt in dunkelblauen Schulheften, eröffnet sie im Mai 1913. Das Botanisieren macht ihr so viel Spaß und erfüllt sie mit tiefer, ehrlicher Lebensfreude, dass sie nach einem Vierteljahr bereits zehn solcher Hefte angelegt hat. Sie sammelt mit der ihr eigenen Hingabe und Leidenschaft, was ihr über den Weg läuft: Vom „Unkraut“ bis zur gekauften Blume, Blätter, Exotisches. Alles wird sorgfältig gepresst, eingeklebt, betrachtet, verglichen und beschrieben. In Briefen an Freunde und Wegbegleiter spielt die neue Beschäftigung eine ganz wichtige Rolle: Das Pflanzensammeln ordnet sich nicht unter andere Tätigkeiten, es wird ein ganz eigenständiges Feld. Wieviel Erkenntnis aus der Natur, vom Wachsen, Werden, Kämpfen und Vergehen, vom Neben- und Miteinander der Pflanzen- und Tiergemeinschaften wird sie daraus für ihr Leben geschöpft haben? Sicher ist, dass Geschenke wie Anemone und Märzbecher von Marta Rosenbaum zu Ostern 1915 ihr die Gefängniszelle erhellt und sie sogleich zum freudigen Einkleben und Beschriften veranlasst haben. Sie benennt die Fundstücke mit ihren deutschen und lateinischen Namen sowie bekannten Entsprechungen des Volksmunds. Akribisch vergleicht sie Größen und Farben, beschreibt Blatt- und Blütenformen, Farbe oder Aussehen sogar der Staubgefäße bis ins Detail. Die Sammlerin schreibt auf, wann und wo sie das Stück fand oder geschenkt bekam, ob es gesammelt oder gekauft wurde.
Eine zentrale Rolle für Rosa Luxemburgs Beschäftigung mit der Pflanzenwelt spielt während der Zeiten ihrer Inhaftierung ihre Sekretärin Mathilde Jacob: Sie sollte an ihrer statt „die Wiesen plündern“. Gefundene Pflanzen werden ins Gefängnis geschickt, wo sie der Inhaftierten die Weiterarbeit am Herbarium ermöglichen. Mathilde Jacob war eine der Bezugspersonen, die sich um das Zusammenhalten und die sichere Verwahrung des gesamten Luxemburg`schen Nachlasses kümmerte, einschließlich des Herbariums. Letzteres wurde 2009 unversehrt in Warschau wiederentdeckt und liegt inzwischen als Buch vor. Darin zeigt sich uns eine andere, sensible Rosa Luxemburg.
Kürzlich bot eine Ausstellung der „Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstförderer“ (GEDOK) Brandenburg in Rangsdorf Gelegenheit, sich auf unerwartete und charmante Art der naturverbundenen Seite Luxemburgs zu nähern: Die in Kanada lebende deutsche Künstlerin Brigitte Potter-Mael stieß vor Jahren in einer Vancouver Bibliothek auf Luxemburgs Briefwechsel und Herbarium. Sie war von dieser Seite der starken Politikerin tief beeindruckt und startete mit Freundinnen, später mit Künstlern und Stiftungen, ein länderübergreifendes Kunstprojekt anlässlich des hundertsten Todestages von Luxemburg. Die Ausstellung „Plants for Rosa“ mit Bildern und Installationen entstand. Unter anderem zeigt sie Pflanzen, die Brigitte Potter-Mael gesammelt und meisterhaft auf speziellem Papier gemalt hat, manchmal sind sie mit Auszügen aus Rosa Luxemburgs Briefen unterlegt – filigrane Gesamtkunstwerke. Es sind solche Pflanzen, die sich auch in Rosa Luxemburgs Herbarium finden. Die Arbeit der internationalen Künstler geht weiter. In einer späteren Schau soll noch einmal Luxemburgs überragendes botanisches Vermächtnis gewürdigt werden. Als Grabinschrift hatte sich die Revolutionärin übrigens nur zwei Silben gewünscht: „Zwi-Zwi“ – den Ruf der geliebten Kohlmeise, den sie so gut nachahmen konnte. Das blieb ihr bis heute verwehrt…

Andrea von Fournier

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