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Ausgabe 1/2019

Naturnahe Moore

Verlierer im Klimawandel?

Längst sind sie aus unserem täglichen Leben verschwunden, vergessen beinahe die Geschichten vom schaurigen Moor. Doch wie sollte es auch anders sein, sind die allermeisten unserer Moore doch seit Jahrzehnten gezähmt, entwässert und zu Grünland degradiert. Das Vergessen fand jedoch ein jähes Ende, als die Diskussion um den Klimawandel entfachte.

Wenn über Klimawandel diskutiert wird, werden zum Thema „Moore“ nicht selten scheinbar entgegengesetzte Meinungen laut. Moore seien „Klima-Killer“ sagen die einen, andere behaupten, sie seien wichtige Elemente bei der Anpassung an den Klimawandel. Wieder andere geben Mooren ohnehin keine Zukunft, da sie vom Klimawandel besonders stark betroffen seien. Wer hat recht, wie passen die Aussagen zusammen?
In die „Klima-Killer“-Kategorie fallen all jene entwässerten Moorstandorte, die die meisten Eigenschaften naturnaher Moore bereits verloren haben. Der in ihnen über lange Zeit akkumulierte Torf wird nach bereits erfolgter Entwässerung und der sich daraus ergebenden Anwesenheit von Luft mit rasanter Geschwindigkeit umgesetzt: CO2 und Lachgas werden dabei in erheblichen Mengen in die Atmosphäre entlassen. Mehr als 35 Prozent der landwirtschaftlich produzierten Treibhausgase entstammen diesen Böden. Jedoch muss man klar konstatieren: Moore sind auch im wachsenden Zustand nicht klimaneutral, aber naturnahe Moore geben nur rund zehn Prozent der Treibhausgasmenge ab, die intensiv genutztes Moorgrasland emittiert. Zudem binden naturnahe Moore stetig Kohlenstoff aus der Atmosphäre und legen ihn als Torf fest – ein wichtiger Aspekt beim Blick auf den Klimaschutz.
Naturnahe Moore nehmen Wasser in Zeiten des Überflusses auf und speichern es. In Zeiten des Mangels stellen sie es über die Verdunstung der angrenzenden Landschaft zur Verfügung bzw. tragen zur Wolkenbildung bei. Tiere – vom Reh bis zum Schmetterling – suchen diese Kühlungsräume auf, um in Hitzeperioden eine Tränke oder den Tautropfen zu finden. Nasse Moore können – je nach Lage – auch Kaltluftschneisen für Siedlungsräume und wichtig für wandernde Arten sein, die an Feuchtlebensräume gebunden sind. Damit besitzen sie wichtige Funktionen im Rahmen der Klimawandelanpassung.
Moore beherbergen einen erheblichen Fundus an einheimischen Pflanzen-, Pilz- und Tierarten und sind damit ein bedeutender Teil der biologischen Vielfalt. Unter der Voraussage, dass Brandenburg durch die bevorstehenden klimatischen Änderungen vor allem einem Trockenheitsrisiko ausgesetzt ist, wird oft vermutet, dass unsere Moore ohnehin nicht zu retten sind. Das ist grundsätzlich falsch. Moore sind azonale Ökosysteme, sie sind also in sehr gleichartiger Weise von Skandinavien bis nach Slowenien über verschiedene Klimabereiche des gemäßigten Klimas anzutreffen. Das ist dadurch bedingt, dass sie im Dreiklang von Wasser, Torf und Vegetation über ein hohes Selbstregulationsvermögen verfügen. Sie schaffen sich dadurch ihr eigenes Mikroklima und verfügen über erhebliche Wasserspeicher. Über Jahrtausende hinweg konnten sie auf diese Weise in gleichartiger Form überdauern, wie den abgelagerten Torfen zu entnehmen ist.
Ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung von Mooren ist das sie ernährende Wasser und dessen Herkunft. Versumpfungsmoore, die ihre Wasserernährung durch oberflächennah zufließendes Schichtenwasser oder direkte Anbindung an einen Grundwasserleiter beziehen, sind von sinkenden oder auch ansteigenden Grundwasserständen direkt betroffen. 73 Prozent der Moore Brandenburgs sind Versumpfungsmoore. Handelt es sich jedoch um ein kleineres Kessel- oder ein Verlandungsmoor mit eigenem geschlossenem Einzugsgebiet, könnte man bei höheren Temperaturen und stärkerer Verdunstung in der Zukunft Defizite vermuten – doch durch Starkregenereignisse erfolgt andererseits auch eine direkte Auffüllung dieser kleinen Speicher. Moore an schneller verlandenden Seen könnten davon sogar profitieren und ihre Fläche ausdehnen. Auch an Fließgewässern gelegene Moore könnten von zunehmenden Hochwasserereignissen gewinnen… Die Sensitivität gegenüber Veränderungen in der klimatischen Wasserbilanz und dem Verhalten der Grundwasserhöhen ist also zu differenzieren. Jedoch kann ganz klar festgestellt werden: Desto ungestörter ein Moor heute ist, desto höher ist sein Puffervermögen gegenüber klimatischen Änderungen. Faktoren, die bei einer Risikobewertung von naturnahen Mooren zu berücksichtigen sind, wären beispielsweise das Noch-Vorhandensein früherer künstlicher Entwässerungen, Gehölzbesiedlung, Kontakt zu Gewässern, Geomorphologie und Nutzungstypen im Einzugsgebiet oder das Verhältnis von Länge zu Breite der Moorfläche. Eine wesentliche Einflussgröße ist auch der Mooraufbau: ob in den oberen Schichten noch gering zersetzte Torfe vorkommen, die gut Wasser speichern können. Über die Bewertung dieser Parameter kann eine ungefähre Risikoabschätzung der Klimawandelbetroffenheit einzelner Moore erfolgen. Eine Vorhersage der Entwicklung wird aber immer von vielen Unsicherheiten begleitet sein.

Vera Luthardt

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