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Ausgabe 1/2019

Ein ganz besonderes Vogelbuch

Oskar von Riesenthals Werk über die Raubvögel

Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte sich die Chromolithographie als Drucktechnik etabliert, vor allem naturwissenschaftliche Werke profitierten von ihr. Für Furore sorgte ein exklusiv illustriertes Werk Oskar von Riesenthals (1830–1898): „Die Raubvögel Deutschlands und des angrenzenden Mittel-Europas“.

Nach einer Forstlehre und einem Studium an der Höheren Forstlehranstalt in Eberswalde ging Oskar von Riesenthal 1863 als Oberförsterkandidat nach Bechsteinwalde in die Tucheler Heide. Dort kämpfte er mit vielen Schwierigkeiten. Als sich die Lage durch Schüsse in sein Dienstzimmer zuspitzte, verließ er den „ungastlichen Boden“ und quittierte den Staatsforstdienst. Als Leiter einer größeren Gemeindeoberförsterei im Westerwald widmete er sich der publizistischen Tätigkeit, in dessen Ergebnis auch sein großes ornithologisches Werk zwischen 1876 und 1878 erschien. Es war „allen Naturfreunden, besonders aber der deutschen Jägerei“ gewidmet. Riesenthal hatte nicht nur den Text verfasst, sondern auch sämtliche Abbildungen geliefert.

Der Förster kannte die reichhaltige ornithologische Literatur, dennoch schien es ihm wichtig, die Greifvögel gesondert zu betrachten, da „selbst gebildete Jäger diese nicht mit Sicherheit zu unterscheiden“ wüssten. „Forscht man den Gründen solcher Unkenntnis nach, so liegen sie weniger in dem mangelnden Bestreben sich zu unterrichten, als in dem Fehlen geeigneter Lehrmittel.“ Mit den Illustrationen anderer Vogelbücher konnte Riesenthal sich nicht anfreunden: „Hier fehlt mithin die lebendige, naturgetreue Anschauung.“ Die vortrefflichen Werke der Altmeister Naumann und Brehm seien hervorragende und gut illustrierte Bücher, aber sie enthielten sämtliche Vögel Deutschlands und lägen deshalb nicht im speziellen Interesse der Jäger.

Die ausführliche, ja fast umständliche Begründung für sein Spezialwerk war gar nicht nötig, denn schon nach Erscheinen der ersten Lieferungen überschlugen sich die positiven Stimmen: „Was namentlich die Abbildungen betrifft, so haben Verfasser und Verleger gewetteifert, dieselben in chromolithographischer Manier zu Kunstprodukten zu erheben, welche auch ohne Text für sich stehen könnten“, resümierte 1877 der Rezensent in der naturwissenschaftlichen Zeitschrift „Die Natur“. Riesenthals meisterhafte Darstellungen fanden dort uneingeschränkte Bewunderung: „Hier weiß man in der That nicht mehr, was man höher schätzen soll: den echt wissenschaftlichen Geist oder die künstlerische Ausführung. Beide vereinen sich in einer Genauigkeit und Sorgfalt, welche dem Werke einen bleibenden Werth geben werden.“ Auf die Farbdrucke Bezug nehmend schrieb Karl Müller (1818–1899) aus Halle weiter: „Wahrscheinlich ist es auch dasjenige, welches in chromolithographischer Beziehung bisher das hervorragendste sein dürfte […]. Die landschaftliche Ausstattung, welche die betreffenden Vogelarten beleben, begünstigt aber auch diese künstlerische Ausführung in hohem Grade, indem sie lebendig und farbenreich genug ist, um wirkliche Charakterbilder, nicht etwa ausgestopfte Vogelbälge hervorzubringen.“ Im Vorwort schreibt Riesenthal: „Sämtliche Raubvögel sind ausschließlich vom Verfasser nach der Natur gemalt; viele nach dem Leben, andere nach Bälgen, wenige nach ausgestopften Exemplaren […].“ Die Abbildungen wurden getrennt im Folio-Format gedruckt, weshalb sie nicht zusammen mit den Texten gebunden werden konnten.

Karl Müller erkannte die künftige Bedeutung Riesenthals konsequenter Integration der Landschaft ins Bild: „Mit einer solchen Auffassung, welche schon der berühmte Thiermaler Kretschmer in Brehm’s Illustrirtem Thierleben mit Bewusstsein vertrat, ist überhaupt der Weg vorgezeichnet, welchen künftig naturwissenschaftliche Porträtbilder einzuschlagen haben; sie werden bestrebt sein müssen, auch künstlerische Wirkungen durch künstlerische Gruppierung in entsprechender Landschaft hervorzurufen, während bisher nur der Standpunkt zoologischer Museen mit den Karrikaturgebilden der Ausstopfer festgehalten wurde.“ Müller sah Riesenthals großformatige Raubvogel-Illustrationen als Weiterführung der Abbildungen im „Illustrirten Thierleben“ (1864–1869) von Alfred Edmund Brehm (1829–1884). Mit der Einbeziehung eines „vortrefflich erdachten und sinnig ausgeführten Landschaftsbildes“ habe er neue Maßstäbe für die Vogelillustration in Deutschland gesetzt.

Ein wenig enttäuscht zeigte sich Riesenthal nach Abschluss seines Werkes über die geringe Resonanz auf seinen Aufruf zur Mitarbeit: „Die gehoffte Unterstützung von Seiten der Waidgenossen hat nun – wir müssen es leider bekennen – auch den bescheidensten, schüchternsten Erwartungen nicht im Entferntesten entsprochen.“ Lediglich der pommersche Ornithologe Eugen Ferdinand von Homeyer (1809–1889) und der Baumeister Carl Sachse aus Altenkirchen (Reg.-Bez. Koblenz) sammelten „mit unermüdlichem Fleiss Material“. Trotzdem wünschte sich Riesenthal, dass sein Werk dazu beitragen möge, „dem unbesonnenen und zwecklosen Tödten der Vögel und Zerstören der Bruten ein Ziel zu setzen und die Erhaltung dieser gefiederten Freibeuter, soweit sie es verdienen, [zu] fördern, in der Erwägung, dass sie zu den schönsten und stolzesten Gliedern unserer Fauna gehören!“

Zumindest seine großformatigen, farbigen Greifvogelbilder, für die in Deutschland nichts Gleichwertiges existierte, gaben dazu Anlass. Das Prachtwerk konnte sich den englischen in künstlerischer Hinsicht an die Seite stellen. Für die 60 Tafeln ließ der Verleger eine „eigene, elegant geprägte Mappe mit Golddruck (à 5 Mark, für die Prachtausgabe à 10 Mark) herstellen. Die den Texten beigegebenen Tafeln kosteten pro Stück eine Mark. Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) genehmigte gern die Widmung, und auch die ornithologische Ausstellung zu Wien hat dasselbe mit der größten Auszeichnung ‚für vorzügliche Leistungen in der Ornithologie‘ bedacht. 1894 erlebte das Werk eine Neuauflage – Tafeln und Text erschienen nun gemeinsam im großen Format.

 

Dr. Hans-Jörg Wilke

 

Mehr zum Thema: „Die Geschichte der Tierillustration in Deutschland 1850–1950, Hans-Jörg Wilke, Rangsdorf, Basilisken-Presse, Natur & Text GmbH, 2018.

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