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Ausgabe 1/2019

Zwischen Fergitz und Wriezensee

Intakte Landschaften – ein schwieriger und wenig bildhafter Begriff, der heute oft benutzt wird, wenn es um die nachhaltige Nutzung des Landes geht. Intakte Landschaften bieten Lebensräume für eine Vielzahl an Lebewesen – Pflanze, Tiere, Pilze –, sind stabil und reich an Strukturen wie Hecken, Baumreihen, Gebüschen, Wäldchen und Wäldern, Still- und Fließgewässern und natürlich auch Äckern und Wiesen, die vom Menschen landwirtschaftlich genutzt werden. Nach der politischen Wende von 1989 hat sich in Brandenburg die Gelegenheit ergeben, intakt gebliebene Landschaften mit einem besonderen Schutzstatus zu versehen und so für künftige Generationen zu bewahren. Eines dieser 15 Großschutzgebiete ist das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Es trägt gleichzeitig noch das exklusive Gütesiegel der UNESCO; Biosphärenreservate sind einzigartige Landschaften, und der Schutzstatus fordert die Menschen auf, weiterhin im Sinne der Natur zu agieren – um die intakten Landschaften zu bewahren und Interessierten sichtbar und zugänglich zu machen.

Chorin, Werbellinsee, Brodowin, die Schorfheide, die Uckerseen, seit einigen Jahren auch das UNESCO-Weltnaturerbe Buchenwald Grumsin – das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ist voller weithin bekannter Orte und Gebiete. Daneben gibt es aber viele weitere sehr lohnenswerte Ziele, die zwar weniger bekannt sind, Besucher aber ebenfalls mit einmaligen Eindrücken überraschen. Dazu gehört auch die Gegend um den Oberuckersee. Mehrere Orte säumen den See, an dessen Ufer Siedlungsspuren aus vielen Jahrhunderten entdeckt wurden. Während am Ostufer ein langer, bewaldeter Höhenzug den See einrahmt, ist der Bereich westlich des Sees offener, so dass die Hügel der Uckermark besonders deutlich zutage treten. Die Hügel sind durchsetzt von kleinen Niederungen, in denen hier und da Seen liegen und schmale Fließgewässer dem Oberuckersee zustreben. Kleine Wege erschließen das Gebiet zwischen Suckow und Potzlow mit dem Dorf Fergitz mittendrin.

Tourenvorschlag

Das Dorf Fergitz am Westufer des Oberuckersees ist Ausgangspunkt der Wanderung. Mitten im Ort steht die „offene Kirche“, und es lohnt sich, in das backsteinerne Gebäude zu gehen, nicht nur, um die Ausstattung in Augenschein zu nehmen, sondern auch die Informationstafeln anzusehen, die über den Ort, seine Geschichte und die vielen kulturhistorischen Zeugnisse berichten. Obendrein ist der bei der umfassenden Restaurierung der Kirche zugänglich gemachte Turm zu besteigen. Er ermöglicht reizvolle Ausblicke auf den Ort und die Umgebung und ist damit sowohl als Einstimmung und als Ausklang zugleich geeignet.
Vom Ort aus geht es in die zunächst sanft, später stärker ansteigende Hügellandschaft, vorbei an knorrigen Kopfweiden und Obstbäumen. Am Rand des streckenweise sehr sandigen Wegs sind hier und da Spuren von Tieren zu entdecken. Sollte es geschneit haben, sind im frischen Schnee besonders gut erkennbare Spuren zu entdecken. Fuchs, Marderhund, Waschbär, Reh- und Dammwild sowie Wildschwein – die Liste an Säugetieren, die in der Gegend regelmäßig vorkommen, ist groß. Auf einer nahegelegenen Wildbrücke über die A11 tappte vor einiger Zeit ein Wolf in eine Fotofalle, und auch aus anderen Teilen des Biosphärenreservats werden Spuren oder Beobachtungen des Tieres gemeldet.
Der ansteigende Weg führt an einer Handvoll Apfelbäumen vorbei, die bis in den Herbst hinein mit einer leckeren Vitaminportion locken. Mehrere Mostereien bieten in der Region ihre Dienste an, und die Verwendung des Obstes trägt mit zum Erhalt der vielen Obstbäume bei, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten entlang von Wegen und rund um die Dörfer gepflanzt wurden.
Im Anstieg treffen wir auf ein Wegkreuz, an dem wir links abbiegen und damit eine Zeitlang am Hang entlanglaufen. Dabei bieten sich reizvolle Blicke gen Oberuckersee. Im Geäst der Bäume und Sträucher, die den Weg säumen, sind Kohl- und Schwanzmeisen auszumachen, auch Grünfinken und Feldsperlinge sind zu entdecken. Sie werden angelockt von den Früchten der Gräser, Kräuter und Sträucher. So sind Schlehen oder Hagebutten zu sehen, die auch den Winter über an den Sträuchern hängen und damit gefressen werden können – die kugeligen, roten Früchte des Weißdorns und die eigentümlich geformten rosa-roten Früchte des Pfaffenhütchens ebenso. Auch bei den Kletten verbleiben die Früchte an den vertrockneten Pflanzen und bieten etwa Stieglitzen eine Mahlzeit. Bald beginnt der Weg sanft abzufallen. Dabei fällt unser Blick durch eine kleine Schlucht auf eine alte Rotbuche. Sie hat eine breite Krone – Indiz dafür, dass sie einst ohne Nachbarbäume aufwuchs und sich daher breitmachen konnte. Weitere einstmals einzeln stehende Buchen und Eichen sind inmitten der umgebenden Kiefern auszumachen.
Am Ende des Abstiegs ist eine Kreuzung erreicht, über die wir gerade hinweggehen. Nun umgibt uns ein Kiefernforst, unter deren Kronen Laubhölzer wie Ahorne und Birke aufwachsen. Die vielen Schwarzen Holunder und Himbeeren, die unter den Bäumen gedeihen, zeigen an, dass der Boden reich an Nährstoffen ist – und dass die Kiefern vom Menschen gepflanzt wurden, denn für sie ist der Boden zu nährstoffreich.
Nach einiger Zeit tritt der Wald zurück. Direkt am Waldrand zweigt ein kleiner Stichweg zum Wriezensee ab – wir haben später allerdings eine weitere Gelegenheit, bis ans Wasser heranzugehen. Mitten auf der Lichtung steht eine breitkronige Eiche, die ihre Äste reizvoll über den Weg hält und ein einmaliger Blickfang ist. Wieder im Wald und zweimal links gehalten, haben wir einen breiteren Bruchwald mit Schwarzerlen zur Seite. Hier ist der Lebensraum der Erlenzeisige, die im Winter in den Kronen der Bäume reichlich Nahrung finden. Wie alle heimischen Vögel fressen sie immer nur kleine Portionen, um nicht zu schwer zu werden – die Tiere sind daher den ganzen Tag über zu sehen und stets gemeinsam unterwegs. Wer ein Fernglas dabei hat und im Umgang geübt ist, wird die Tiere beobachten können.
Am Ende bietet sich nun die Möglichkeit, einen Blick durch eine kleine Lücke im Schilfgürtel auf die Wasserfläche des Wriezensees zu blicken. Wir halten uns nun rechts und gehen bergan an mehreren sehr alten Kiefern entlang. Einige sind den jüngsten Stürmen zum Opfer gefallen. An den Stämmen der Nadelbäume und an weiteren Gehölzen gehen Spechte gern auf Nahrungssuche. Bunt- und Schwarzspecht sind rund um den Wriezensee heimisch.
Bergan treffen wir auf einen sandigen Fahrweg, der uns links herum mitnimmt. Bald tun sich schöne Blicke über Pferdeweiden auf Reihen von Erlen und Kopfweiden auf; solange kein Schnee liegt, halten sich hier hin und wieder Kraniche auf, deren Rufe dann die karge Landschaft durchdringen. Nach einer langen Kurve taucht zunächst der Kirchturm von Fergitz auf. Am Ende ist die von Suckow kommende Landstraße erreicht – nur wenige Schritte sind es noch zur Dorfkirche.
Wer nun noch Zeit hat, kann den Beobachtungsturm am Oberuckersee besteigen. Er ist ab der Kirche ausgeschildert. Sommers sind hier – Geduld und Glück vorausgesetzt – die dumpfen Rufe von Rohrdommeln zu hören. Wir können von oben in Gedanken der Verlauf der beiden Holzbrücken nachzeichnen, die in slawischer Zeit Fergitz mit der Burgwallinsel und die Insel mit dem nördlichen Seeufer verbanden.
Unweit des Turms befindet sich die Badestelle, die in der kalten Jahreszeit verwaist ist. Ganz anders im Sommer. Der Oberuckersee lockt zum Abkühlen – und die Gegend um Fergitz zu weiteren großartigen Entdeckungen in der Natur.

Natur

Die jungen Zweige von Weiden sind besonders biegsam und werden daher seit langer Zeit zum Flechten verwendet. Der Baum zeigt eine ungewöhnliche Reaktion auf den Schnitt: Um die Schnittstelle sprießen nach einiger Zeit zahlreiche neue Triebe. Im ersten Jahr sind sie besonders weich und biegsam und eignen sich damit bestens zum Flechten. Durch das wiederholte Schneiden wird der Baum zur Kopfweide mit dicken Stamm und zahllosen schmalen Trieben.

Viele heimische Pflanzen stellen für Pflanzenfresser mit ihren Früchten im Winter die einzige Nahrungsquelle dar. Während die Früchte der Eichen und Rotbuchen schon im Spätsommer reifen und zu Boden fallen, bleiben etwa bei der Hagebutte, dem Schleh- und Weißdorn oder dem Pfaffenhütchen die reifen Früchte an der Pflanze und werden dort von den Tieren gefressen – in der Ökologie werden diese Pflanzen als „Wintersteher“ bezeichnet. Im zeitigen Frühjahr sind daher auch Scharen von Erlenzeisigen und Stieglitzen zu sehen, die in den Schwarzerlenbeständen umherfliegen und die reifen Erlenfrüchte fressen. Die kleinen Früchte der Birke stehen bei den Vögeln ebenfalls hoch oben auf dem Speiszettel.

Misteln sind immergrüne Pflanzen, die Bäume besiedeln. Sie entziehen ihnen zwar nur Wasser, konkurrieren ab einer bestimmten Größe mit ihren Mutterpflanzen allerdings auch um das Licht. Bei Laubhölzern sind die Misteln im Winter gut zu sehen; sie hängen wie grüne Kugeln in den kahlen Ästen. Ihre Früchte, weiße Beeren, stehen bei Vögeln ebenfalls auf dem herbst- und winterlichen Speisezettel.

Schutzstatus
NSG und FFH-Gebiet Eulenberge

Links
www.naturschutzfonds.de/natur-schuetzen/stiftungsflaechen/nach-landkreisen/uckermark/naturerbeflaechen-im-ffh-gebiet-eulenberge/

Anreise

Bus + Bahn: Regionalbahn (RE3) bis Warnitz und auf dem Radfernweg Berlin – Usedom zur Südspitze des Oberuckersees, dort auf Radweg nach Suckow abbiegen, hier Abzweig auf kleine Landstraße nach Fergitz.
Auto: A11 (Berlin – Pomellen) bis ASt Pfingstbergund über Suckow nach Fergitz.
Parken: an der Dorfkirche Fergitz

 

Carsten Rasmus
Buchautor und Verleger

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