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Am Puls des weißen Riesen

Winterliche Naturbeobachtungen

Was in der kalten Jahreszeit zu sehen ist, entscheidet der Winter. Legt er seine weiße Decke übers Land, können Spurensucher die Geschichten der letzten Nacht oder gar der vergangenen Tage lesen. Dachse, Rehe, Baummarder, Hermelin oder in den Schnee eingedrückte Flügelspitzen von Krähen oder Amseln, vielleicht sogar der schneestiebende Krallengriff eines Waldkautzes in eine Maus, haben sich vergänglich in Weiß geprägt.

Regiert mit eisigem Atem der Frost, werden offene Wasserflächen zu Magneten für überwinternde Gänse- und Entenarten wie Saat- und Blessgans, Zwergsäger oder Krickente. Gut möglich, dass Gevatter Seeadler dort seine nächste Mahlzeit plant und Tauchenten vor seinen Sturzflügen solange unter Wasser flüchten, bis die erste atemlos in seinen Fängen stirbt. Wo Weidenäste tief über das Wasser hängen, finden Eisvögel ihren Ansitz. An solchen Stellen lohnt sich die Suche mit dem Fernglas nach den im Wintergrau leuchtend blauorangen Speerfischern.
Beachtung verdient auch der Boden entlang offener Gewässer – gut möglich, dass dort Fußspuren von Fischottern den Weg weisen. Sie können leicht an fünf nebeneinander liegenden Zehenballen, der runden Pfotenform und ihrem auf dem Schnee immer wieder nachschleifenden Schwanz erkannt werden. Liegt am Gewässerrand ein Hang, eine Böschung, lohnt sich in jedem Fall ein genauerer Blick. Jede Wette, die verspielten Wassermarder haben ihn entdeckt und durch mehrmaliges Rutschen zu einer Schneerinne geformt. Wer unverschämtes Glück hat, kann tagsüber einen in seltsam wellenförmigem Gang über Schnee laufenden Otter schon von weitem erkennen. Er ist dann auf der Suche nach einer offenen Wasserstelle, wo er zu klammen Fischmahlzeiten tauchen kann. Ist weit und breit alles stein und bein gefroren, verhungern Fischotter und Eisvogel.
Wer Rutschen auf ebenen oder nur leicht abschüssigen Strecken findet, wird sich an den Otter erinnern. Stimmt auch – fast. Grobe Holzspäne, so groß wie eine Zweieuromünze oder auch deutlich größer, verraten den heimischen Wasserbaumeister: den Biber. Wer genau im Schlamm oder Schnee hinsieht, findet kleine Abdrücke seiner Vorderpfoten und quadratlatschengroße Abdrücke der hinteren Pendants.
Offenes Wasser ist die Bühne für Wintersymphonien. Wer noch nie dem nächtlichen Geplapper von Singschwänen unter frostig klarem Sternenhimmel lauschen durfte, darf auf diesen Winter hoffen. Im Nationalpark Unteres Odertal, im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe, am Gülper See. Für mich eine der berührendsten Vorstellungen, die ein Winter weltweit bieten kann.
Ein letztes Mal die Oder: Ihr Pfannkucheneis entsteht am Grunde des Stromes und steigt in Schollen an dessen Oberfläche. Dort drehen sie sich, schleifen sich an Nachbarschollen rund, kleine Eisschneesäume rund herum. Die Sonne glitzernd brechend treiben sie Richtung Ostsee – manchmal mit einem Kormoran oder einer Ente als blindem Passagier. Ruhige mehrfach bewegte Meditation, die Menschen warm berühren mag. Meditation, eine Weile am Ufer sitzen, in den Bewegungen versinken – das geht. Frieren würde den Genuss aber verhindern. Deshalb Mütze, dicke Jacke, lange Unterhose, warme Schuhe anziehen und dampfenden Tee und Fernglas einpacken.

Kronenkunde

Der Wald dient Tieren als Schlafquartier. Er bricht den Wind und damit ein Stückweit die Kälte. Dort lohnen sich Blicke in die leergefegten Baumkronen. Lebende Holzschnitte gegen den Himmel. Still und starr, vom Wind berührt bis schwankend im Sturm. Jede Art hat ihre eigene Form. Die knorrigen verdrehten Äste der Eichen. Die silbernen Stämme und sich zum Licht nach oben reckenden Äste der Rotbuchen. Die Eschen mit ihren wie Kandelaber sich zum Himmel reckenden Zweigen an den Enden stärkerer Äste. Jede Baumart folgt einem Bauplan, und wer Augen hat, wird sehen, wie vielfältig die Bäume einer Art diesen Plan auslegen und dehnen.
Eine weitere Eigenart in den Kronen bringt das Fernglas nah: Zahlreiche Äste sind seltsam bizarr miteinander verwachsen. Manchmal sogar starke Äste zweier unterschiedlicher Arten, Hainbuche und Kiefer etwa. Was wie gewollte Nähe oder Zuneigung aussehen mag, ist die Folge schwerer Verletzungen. Der Wind hatte die Äste so lange aneinander gerieben, bis deren schützende Borke und Rinde vollständig weggefegt war. Die nun aufeinanderliegenden Wachstumsschichten beider Äste, das Kambium, verwuchsen fest miteinander.
Den Waldvögeln hat der Winter weitgehend die Sprache verschlagen. Nur Kleiber schimpfen auf Eindringlinge, ein Trupp Eichelhäher mag einstimmen. Wer schleichen und sich langsam bewegen kann, immer wieder Pausen einlegt, am besten im Schatten eines Baumstammes, der darf auf holzdurchdringenden Trommelwirbel hoffen. Einen rhythmisch vertieften Specht anpeilen, den Trommelbaum ausmachen, in dem er emsig nach Futter sucht, sich anschleichen und das Ohr an den Stamm schmiegen, im Wohlklang versinken!
Buntspechte verraten ihren Arbeitsplatz noch, wenn sie ihn längst verlassen haben. In die grobe Borke einer Kiefer, Eiche oder Douglasie zwängen sie Fichtenzapfen, die sie so fixiert gut bearbeiten können und an die Samen zwischen den Zapfenschuppen gelangen. Spechtschmiede, der Fachbegriff. Scharfe Ohren und fallende Erlensamen verraten große Trupps von Zeisigen, zierlichen Finken, die in Erlenkronen aus feinen schwarzen Zäpfchen eiweißreiche Samen ziehen. Mächtige Ameisenhaufen sind im Winter häufig mit Kratern übersät. Ein andermal wirken sie komplett verwühlt. Auf ihrer Suche nach starrer proteinreicher Nahrung schmieden sich Grünspechte in die Haufen oder graben sich Wildschweine grob hinein. Ärgerlich, verlustreich, aber keine Bedrohung für das ruhende Volk. Ameisenhaufen sind wie Eisberge, ihr größerer Teil ist tief im Boden geborgen. Beim ersten Frühlingsschein geht es wieder an die Arbeit, werden die Winterschäden begutachtet und ausgebessert.

Kernige Imbissecken auf dem Land

Zurück in Siedlung und Flur. Wohl dem, der Brennnesseln, Disteln, Nachtkerzen oder Wegwarten in seinem Garten weiß oder ungemähte Wegraine, Böschungen und Ackersäume in naher Feldmark. An kältestarr windgewiegten Hochstauden turnen Scharen buntgekleckster Stieglitze beim Finden von Sämereien. Was für eine flatternde Augenweide in der winterlichen Farbenknauserei.
Hecken sind Anziehungspunkte für Vögel aller Art. Ebenso wie Futterhäuschen hinter Fensterglas. Aus den Hecken leuchten blau bereift Beeren der Schlehen, rot die Hagebutte, Weißdorn- und Vogelbeeren, vielfach spiegelnd schwarzrote Holundertrauben, orangerosa Pfaffenhütchen, elfenbeinstrahlende Mistelbeeren und so viele mehr. Filigrane Augenweide für Menschen und kalorienreiche Lebensversicherung für Vogelarten. Das wissen natürlich auch Habicht und Sperber genau. Aus der Deckung eines Obstbaumes oder einer Scheune stoßen sie jedes mal von neuem unerwartet auf breiten Schwingen hervor. Sekunden später halten sie einen kleinen grauen, braunen oder bunten Federball unentrinnbar in ihren Krallen. Leben für Leben, das eiserne Gesetz der Natur.
Gelegentlich bringt die kalte Jahreszeit rosafarbene Überraschungen auf sanften Schwingen. Wenn leise in hohen Tönen sirrende Schwärme von Seidenschwänzen in Osteuropa oder Skandinavien keine Vogelbeeren mehr finden, ziehen sie auf Nahrungssuche bis zu uns. Ihr erlesenes rosa Gefieder, so fein wie nur wenig andere, ihr keckes Federhäubchen, dazu eine Spur Gelb in den Handschwingen, machen diese starengroßen Flugreisenden unverwechselbar. Und doch, es bedarf wacher Sinne und gespitzer Ohren, um nicht unbedacht an Wintergästen wie diesen vorüber zu gehen.

Die Schlagkraft von Tänzern

Wenig bleibt, wie es war. Einzelne Kranichtrupps bleiben bereits ganzjährig im Land. Die in Spanien überwinternden Vögel kehren Jahr für Jahr früher zurück, um möglichst attraktive Brutplätze zu besetzen. Mitte Februar erreichen die ersten mit günstigen West- und Südwestwinden heimatliche Gefilde. Trupps von 20, 30, 100 und mehr dieser großen Grauen stehen auf den Äckern. Tanzen, springen in die Höhe, breiten die großen Schwingen aus, senken ihre langen Hälse Richtung Boden, springen ein nächstes Mal übermütig in die Höhe, trennen sich von den Reisegesellschaften, finden ein Revier und trompeten ihre Besitzansprüche weit übers Land. Und wehe, ein anderes, spät angekommenes Paar ignoriert diesen Besitzanspruch, landet sogar in wenigen Metern Abstand. Dann sehen die großen Vögel des Glücks rot und kämpfen mit ihren Schnäbeln, ihren hornspitzen Krallen, bis Blut fließt. Mindestens. Gut, wenn das unterlegene Paar dann wenigstens halbwegs ungerupft gerade noch das Weite finden kann. Das Recht der Sieger: Sie posaunen ihre Überlegenheit in die weiße Welt.
Zuletzt das vielleicht wunderbarste. Für jeden erlebbar. Im Stadtpark, auf weiter Feldflur. Ganz gleich. Nur drei Dinge müssen sich treffen. Drei Tage um den Vollmond, eine Schneedecke und Lust, in die weiße Nacht zu wandern.
Zu guter Letzt die dringende Bitte, den Winter zu entdecken, zu genießen und dabei immer die Tiere, die in der kalten Jahreszeit um ihr Überleben ringen, zu berücksichtigen. Nie zu nah herangehen, wofür gibt es Ferngläser. Keine Waldwege verlassen, den Wasservögeln ihre Ruhe lassen. Beobachten kann nur, wer Tiere respektiert und sie nicht zur Flucht treibt. Sie brauchen jetzt jede Kalorie.

Roland Schulz
Naturjournalist, freut sich, dass er mit den Jahreszeiten leben darf.

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