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Der Winter an der Elbe

Der November bleibt sich treu und geht sonnenscheu durch seine Zeit. So sagt man jedenfalls. Kein farbenfroher Blättertanz im Rampenlicht, dafür graue Nebelschleier. Und doch zeigt er dann und wann, was er wirklich kann und lässt sein Finale ein Goldenes sein. Vielleicht werden wir belohnt mit einem grandiosen Supermond. Längst haben gelborange Laubteppiche ihr Antlitz in Ockerfarben getaucht und am Fuße alter Buchen leuchtet es kupferrot. Vielleicht verzaubert schon bald ein Winterwald und über die Landschaft legt sich ein wärmendes weißes Band. Zeit für Besonnenheit. Wer der Natur behutsam über die Schulter schaut und nicht laut sondern leise durch die Ruhezeit geht, wird in seiner Besinnlichkeit einen Kraftquell finden. Direkt vor der Haustür, in unseren Brandenburger Naturlandschaften.

Dezembermorgen


Dampfender Atem verrät die frostklare Nacht und gefrorene Grashalme brechen wie Glas unter den Füßen. Mit jedem Schritt zum Wasser wird es ein wenig lauter. Spannung liegt in der Luft. Wie viele werden es heute sein? Auf dem Beobachtungsturm bietet sich ein fantastisches Bild. Im rosaroten Morgenlicht zeigen sich die Silhouetten unzähliger Gänse, dazwischen leuchten Schwäne in strahlendem Weiß. Wintergäste aus dem hohen Norden, die hier ihren Süden finden. Plötzlich ein Donnergroll, ein Geräusch, das kaum zu beschreiben ist. Tausende Gänse erheben sich zugleich, kreisen, rufen, fliegen von links nach rechts und umgekehrt, ein Spektakel ohne Gleichen. Wer da wohl das Kommando hat? Manche ziehen ab, andere setzen sich wieder. Zwischenruhe. Am Horizont taucht ein Seeadler auf. Wieder ist der Luftraum von schnatternden Gänsen erfüllt. So geht es eine Weile, dann wird es still. Der junge Adler sitzt entspannt auf dem Eis, dreihundert Singschwäne in offenen Wasserstreifen dahinter. Gemächlich Flügel schlagend beim Morgenbad oder bei der Gefiederpflege. Hier droht heute keine Gefahr. 

Einer wie der andere?


Ihre melodischen Rufe machen Singschwäne zur stimmungsvollen Winterkulisse an Flüssen und Seen. Heute hält es sie lange am Moor, erst spät brechen die anmutigen Vögel zur Tagesrast auf. Wer genau hinsieht, entdeckt vielleicht einige Zwergschwäne, die nur schwer von ihren größeren Verwandten zu unterscheiden sind. Das Schnabelgelb ist beiden eigen, bei Singschwänen ist mehr Farbe im Spiel. Wussten Sie, dass nordische Schwäne an ihrem individuellen Schnabelmuster zu erkennen sind? Die schwarz-gelbe Verteilung macht jeden Vogel einzigartig, ähnlich einem Fingerabdruck. Die Sonne steht am königsblauen Himmel als die letzten Vögel den Schlafplatz verlassen. Mit der Dämmerung werden sie wiederkehren, und es beginnt eine melancholisch singend klingende Nacht.

Kalte Füße


Wer nicht warm eingepackt ist, zu dünne Socken trägt und keinen heißen Tee im Rucksack hat, wird schnell vor Kälte zittern. Und bibbernd fragt man sich, wie es Vögel eigentlich aushalten, nächtelang in eisigem Wasser zu schwimmen, stundenlang auf dem Eis zu stehen und sich dennoch wohlzufühlen. Ihre nackten Füße sind kaum vor Kälte geschützt. Wie also machen sie das? Wintervögel verfügen über einen körpereigenen Wärmetauscher, der bestens funktioniert. Warmes und kaltes Blut laufen so dicht nebeneinander, dass ein Energieaustausch problemlos möglich ist. Das warme Blut zu den Füßen gibt dem kalten in Richtung Körper seine Energie. Außerdem haben Bläss- und Saatgänse, Sing- und Zwergschwäne ziemlich kurze Beine. Achten Sie einmal darauf.

Schöne Schwärmerei


Mit der kargen Jahreszeit halten Vogelschwärme Einzug in unsere Dörfer und Städte. Putzmunter beleben sie winterliche Ruheräume. Eben noch in der Krone einer Birke, stieben sie zwitschernd auseinander, um sogleich in der Pappel gegenüber zu landen. Kaum hat das Auge den neuen Rastplatz erfasst, geht es zurück in die Birke. Dort gibt es Nahrung. Wer jetzt zusammenrückt hat`s leichter. In der Abwehr von Feinden, bei der Futtersuche, im Schutz vor Kälte. Sperlinge und Meisen turnen in Gartenhecken, Wacholderdrosseln landen in Parkanlagen und weit gereiste Wintergäste tummeln sich in hohen Bäumen. Zweckgemeinschaften, die das Überleben sichern.

Winterabend


Feuerrote Wolkenschleier bilden die Kulisse ziehender Gänseketten auf ihrem Weg an die Schlafgewässer. Pausenlos, ein Trupp nach dem anderen. Bis in die Dunkelheit sind die Nordischen auf dem Flug und erfüllen den Luftraum mit nasalen Rufen. Aus Osten erklingt Schwanengesang. Langsam kommen sie näher und überfliegen ihre Beobachter mit melancholischen Rufen. Dann ein weiterer Trupp. Ohne Gesang mit lautem Flügelschlag. Höckerschwäne im Anflug. Allmählich verschwindet die Sonne hinter dem Horizont und der Mond klettert an ihre Stelle. Zeit für den Biber. Erst am Nachmittag habe ich das Resultat seiner Nachtschicht betrachtet, gleich wird Meister „Bockert“ es fortsetzen. Eine Pappel zur Sanduhr geformt und ich bin gespannt, wann sie fallen wird. Familie Nutria labt sich an Uferpflanzen. Schwimmend sehen die gleichgroßen Tiere Bibern zum Verwechseln ähnlich. Ein Ententrupp zieht zügig vorbei, im Schilf verrät sich die Wasserralle mit lautem Quieken. Ein Zaunkönig präsentiert beim Abendkonzert eine Strophe seines Könnens. Dann wird es still. Nur die Schwäne singen die ganze Nacht und wachen über unseren Schlaf.     


Ricarda Rath
Rangerin und Gebietsleiterin im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg

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