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Winterliche Spuren

Mehr als ein Fußabdruck

Der Winter ist für viele Tiere auch Zeit des Mangels. Andere wiederum finden ausreichend oder sogar reichlich Nahrung. Die Überreste dieser Nahrungssuche, aber auch vielerlei andere Tierspuren lassen sich im Winter besonders gut entdecken.

Der Begriff „Tierspur“ ist hier weit gefasst zu betrachten. Es sind nicht nur Abdrücke von Füßen gemeint, sondern es geht um alles, was auf die Tätigkeit oder auch nur die Anwesenheit von Tieren hinweist. Dazu gehören auch Fraßspuren. Da alle Tiere eine für sie typische Ernährungsweise haben, hinterlassen sie auch typische Spuren, die in der Regel sehr genau zuzuordnen sind. Die Spuren lassen erkennen, wie das jeweilige Tier seine Zähne, Krallen, Schnabel oder sonstige Hilfsmittel eingesetzt hat. Wer diese Spuren lesen und verstehen kann, dem erschließt sich auch in einer vermeintlich „ausgestorbenen“ Winterlandschaft eine Fülle von Leben und tierischer Aktivität.
Im Folgenden können nur ein paar Anregungen gegeben werden, aus dem reichen Spurenschatz, den uns die Natur offenbart. Sehr hilfreich beim Erkennen und Deuten der Spuren ist ein gutes Buch (oder auch mehrere). Im Buchhandel sind verschiedene Spurenführer erhältlich, die einzelne Bereiche unterschiedlich vertiefen.

Tierspuren in der Hecke

Beginnen wir an einer Hecke, vielleicht zwischen Dorf und Wald. Dort finden wir, wenn das Laub der Büsche gefallen ist, verschiedene Vogelnester, die den Sommer über gut versteckt waren: Relativ bodennah sind die kleinen, aus Grashalmen zusammengesteckten Nester verschiedener Grasmücken-Arten angelegt. Diese kleinen Singvögel sind allesamt Zugvögel, die den Winter im Süden verbringen.
Meistens etwas höher gebaut sind die größeren Napfnester der Drosseln. Das der Amsel ist weich mit feinen Würzelchen und Pflanzenfasern gepolstert. Das Nest der Singdrossel hingegen hat keine Polsterung. Dafür ist es innen mit einer festen Lage aus verklebten Pflanzenfasern, Holzresten etc. ausgekleidet. Diese Schicht fühlt sich an wie ein derber Eierkarton und ist so beständig, dass sie oft noch gut zu erkennen ist, wenn der Rest des Nestes schon zerfällt. Wo solche Nester in Rosensträuchern angelegt sind, die Hagebutten tragen, werden die Bauten gern von Nachmietern genutzt.

Nachmieter im Vogelnest

Manche Mäuse, wie etwa Gelbhalsmäuse, können besonders gut klettern. Sie nutzen die alten Nester, um dort die geernteten Hagebutten gut geschützt zu fressen. Doch sie fressen nicht die ganzen Butten: Zuerst nagen sie die rote Schale (die wir Menschen wegen des hohen Vitamin C-Gehaltes nutzen) ab, um an die Samen zu kommen. Auf diese kleinen Nüsschen haben sie es abgesehen. Jedes Nüsschen wird einzeln aufgenagt, und geleert. Die Reste dieser Mahlzeiten sammeln sich im Drosselnest an. Häufiger findet man zernagte Hagebutten am Boden im Schutze der stacheligen Büsche. Nicht selten bilden sie einen Ring um ein Mauseloch herum, wo die kleinen Nager – ständig fluchtbereit – gefressen haben. Schon ab Spätsommer haben auch verschiedene Vögel die Hagebutten genutzt. Nicht nur die heimischen Wildrosen, auch die dicken Butten der aus Asien stammenden Kartoffelrose werden regelmäßig von Grünfinken geöffnet. Auch Spatzen sind daran oft zu beobachten.

Auf Fraßspuren achten

Während manche Früchte schnell abgeerntet werden, hängen andere länger am Busch. Die leuchtend roten (und für uns giftigen) Schneeballfrüchte bleiben meistens den ganzen Winter über hängen und werden sehr spät oder gar nicht gefressen. Sollte unsere Hecke noch einen Apfelbaum enthalten, so ziehen die Äpfel im Winter verschiedenste Tiere an, die alle ihre Spuren hinterlassen. Vögel hinterlassen ihre Pickspuren in den mehr oder weniger gefrorenen Äpfeln. Besonders im Schnee sind dann auch die vielfältigen Fußspuren von Vögeln und Säugetieren zu sehen, die oft sternförmig um solche ergiebigen Futterplätze hinterlassen werden. Die Nagespuren verschiedener Nagetiere können der jeweiligen Art anhand der Größe (Breite der Zähen) zugeordnet werden, zusätzlich hilft dabei aber auch der von den Tieren hinterlassene Kot. Dieser ist bei Mäusen sehr klein und länglich, bei Kaninchen rundlich und sehr dunkel und beim Hasen ebenfalls rundlich, aber deutlich größer und meistens graugrün oder bräunlich gefärbt. Regelmäßig sind aber auch Kotspuren von Räubern wie Fuchs oder Marder zu finden. Besonders bei hoher Schneelage nagen Hasen und Kaninchen, aber auch Mäuse, die nahrhafte Rinde von Zweigen und Stämmen ab. Lage und Größe der Fraßstellen oder Zahnspuren können helfen, sie zuzuordnen.
In größeren Feldgehölzen oder am Waldrand wachsen Haselnusssträucher. Auch sie ziehen viele Tiere an, denn diese haben es auf die sehr energiereichen Nüsse abgesehen. Kleiber und Buntspecht klemmen die Nüsse am Holz ein und brechen sie mit dem Schnabel auf. Wo saubere Schnabeleinschläge zu sehen sind, kann man erkennen, dass sie beim Kleiber queroval sind und beim Specht hochformatig – eben so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Beide haben aber noch einen grundsätzlichen Unterschied in ihrer Vorgehensweise: Der Specht fertigt sich ein Loch, das er immer wieder nutzt. Unter einer solchen Spechtschmiede können sich große Mengen an Nussschalen (oder auch Zapfen) ansammeln. Der Kleiber hingegen sucht sich für jedes Stück eine neue Stelle zum Bearbeiten.
Rötel- oder Gelbhalsmaus?
Eichhörnchen öffnen Haselnüsse mit ihren kräftigen Nagezähnen, indem sie jede Nuss von der Spitze bis zur Basis aufspalten. Das kann bei unerfahrenen Jungtieren noch etwas unsauber aussehen, aber routinierte Nussknacker machen das sehr schnell und sauber. Sehr häufig findet man Nüsse, die von Mäusen ausgefressen sind. Auch hier gibt es ganz verschiedene Methoden: Wald- und Gelbhalsmäuse nagen ein Loch, das am Außenrand viele Zahnspuren aufweist, während Rötelmäuse so nagen, dass das Loch außen am Rand glatt ist. Mäuse legen im Herbst Vorräte an. Dabei können sie große Mengen an Haselnüssen, Eicheln, etc. horten. Manchmal stopfen sie Vogelnistkästen bis unter das Dach voll, so dass diese für Vögel, aber auch Fledermäuse unbenutzbar werden.
Solange noch kein Schnee liegt, sind unter den Büschen auch immer Nüsse zu finden, die nur ein sehr kleines rundes Loch aufweisen. Dort hat sich die Larve eines kleinen hochspezialisierten Rüsselkäfers entwickelt. Es ist der Haselnussbohrer. Das Weibchen legt im Frühjahr ein Ei in die gerade erst entstehende Nuss, von der sich die Larve später ernährt. Wenn sie ausgewachsen ist, knabbert sie sich durch die Schale, um sich an einer geschützten Stelle zu verpuppen.
So haben wir auf unserer kurzen Wanderung entlang der Hecke schon viele Spuren gefunden und der Winter hält noch weitere Entdeckungen bereit.

Walter Wimmer

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