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Ausgabe 4/2017

Leben im Großstadtdschungel

Ein Kooperationsprojekt des Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V. und der Stiftung am Grunewald

2016 startete das Projekt „Leben im Großstadtdschungel“ (LiG). Es richtet sich insbesondere an sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche der Klassenstufen 5 bis 10 und möchte ihnen einen Rahmen bieten, sich auf eine spannende Reise in den "Großstadtdschungel Berlin" zu begeben. Durch eindrückliche (Natur-)Erlebnisse soll der Naturentfremdung entgegengewirkt und eine positive Beziehung zur natürlichen Umwelt als Fundament einer nachhaltigen Entwicklung aufgebaut werden.

Mit „Großstadtdschungel“ verbinden wir dem Duden nach die empfundene Atmosphäre einer Großstadt, die bedrohlich sein kann, geheimnisvoll, undurchdringlich aber auch vielfältig und abwechslungsreich. Berlin spiegelt genau das wieder. Zudem ist Berlin eine Stadt mit viel Grün – mit ihren Wäldern, Parks, Gewässern und anderen Grün- und Freiflächen. Für die Lebensqualität der Großstädter ist das Stadtgrün von großer Bedeutung. Deshalb sind in der Strategie Stadtlandschaft des Berliner Senats (www.berlin.de/senuvk/) alle Berlinerinnen und Berliner aufgerufen, die wertvolle Stadtnatur zu schützen und mitzugestalten.
Jeder Mensch gestaltet sich seine Lebenswelt nach seinen eigenen Vorstellungen. Doch welche Rolle spielt in dieser subjektiven Lebenswelt die Natur und deren Schutz und Entwicklung, vor allem wenn der unmittelbare Bezug dazu fehlt? Studien wie der Jugendreport Natur (www.natursoziologie.de) und die Naturbewusstseinsstudie 2015 (www.bfn.de) belegen eine zunehmende Distanz zur Natur und ein Desinteresse gegenüber natürlichen Zusammenhängen bei Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen. Viele empfinden Natur häufig als langweilig, sofern der Aspekt des Abenteuerlichen fehlt. Einige fühlen sich sogar in der Natur nicht wohl und sehen diese als etwas Fremdes an. Die alltägliche Lebenswirklichkeit insbesondere vieler Kinder und Jugendlichen in der Stadt ist weitgehend von natürlichen Gegebenheiten abgekoppelt, das Wissen im Hinblick auf alltägliche Naturerscheinungen gering. Dass sie von der Natur abhängig und in diese eingebunden sind, ist vielen von ihnen einfach nicht mehr bewusst. So ist auch das Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung des städtischen Grüns – beispielsweise für das eigene Wohlbefinden, als Lebensraum für Tiere und Pflanzen oder für den Klimaschutz – bei der jüngeren Generation schwächer ausgeprägt. Zugleich erscheint Natur ihnen schützenswert, wobei das kindliche und jugendliche Naturbild weitgehend vom „Bambi-Syndrom“ geprägt ist. Demnach gilt Natur als schön und harmonisch, jedoch auch verletzlich, bedroht und hilfsbedürftig. Sämtliche Eingriffe des Menschen, wie beispielsweise das Fällen von Bäumen, schaden aus ihrer Sicht. Das zeigt auch das mangelnde Bewusstsein hinsichtlich der Nutzung natürlicher Ressourcen zur Sicherung unserer materiellen Lebensbedingungen. Eine derartige Naturverklärung und Verdrängung des Nutzungsgedankens blockiert letztendlich eine positive Einstellung gegenüber dem Nachhaltigkeitsverständnis und naturverträglichem Handeln.
Als Ursachen für das veränderte Naturschverständnis werden unter anderem die zunehmende Medialisierung und Verhäuslichung des Alltagslebens von Kindern und Jugendlichen angesehen. Direkte Naturkontakte treten in den Hintergrund. Bei Aktivitäten im Freien wird Natur meist nur als Kulisse wahrgenommen. Primäre Naturerfahrungen sind jedoch das elementare Fundament für den Aufbau einer ganzheitlichen Naturbeziehung und spielen eine unersetzliche Rolle für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ebenso bilden sie die Grundlage für ein Verständnis von Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung und die Motivation, sich an entsprechenden Gestaltungsprozessen zu beteiligen.
Vor diesem Hintergrund ist LiG ins Leben gerufen worden. Das Projekt fokussiert sich insbesondere auf sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, da vor allem bei ihnen eine starke Distanz zur Natur zu beobachten ist. Gleichzeitig zeigt sich im Rahmen von Untersuchungen zur Umweltgerechtigkeit (www.berlin.de/senuvk/ und www.bmub.bund.de/), dass etliche Stadtquartiere mit einer hohen sozialen Problematik gleichzeitig von erheblichen gesundheitlichen Umweltbelastungen betroffen sind (zum Beispiel durch eine unzureichende Ausstattung mit Grünflächen). Demnach besteht gerade dort hoher Handlungsbedarf.
LiG möchte Kinder und Jugendliche durch direkte Naturerfahrungen und eine handlungsorientierte Vermittlung von vielfältigem Natur- und Umweltwissen dahingehend unterstützen, eine positive Beziehung zur Natur aufbauen zu können und diese wertschätzen zu lernen. Gemeinsam lassen sich im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung individuelle Handlungsmöglichkeiten entwickeln. Grundvoraussetzung dafür ist eine längerfristige Begleitung der Klassen. Während ihrer zeitlich unbegrenzten Projektteilnahme durchläuft jede Klasse insgesamt fünf Module: Wald, Wasser, Boden, nachhaltiger Konsum und Geocaching. Pro Modul nimmt die Klasse an mindestens einer Veranstaltung teil. Die Themenvielfalt innerhalb eines Moduls ist oftmals sehr groß. Daher können auf Wunsch auch mehrere Termine in einem Modul vereinbart werden. Der Umfang einer Veranstaltung beträgt in der Regel vier Unterrichtsstunden. Termine und thematische Schwerpunkte werden individuell mit den Klassen vereinbart. Die einzelnen Veranstaltungen können themenabhängig teils im Ökowerk, teils aber auch in der Schule oder im schulischen Umfeld stattfinden.
Das Projekt ist erfolgreich gestartet mit einem insgesamt sehr positiven Feedback seitens der Lehrerinnen und Lehrer. Besonders erfreulich ist jedoch, dass die Kinder und Jugendlichen selbst die besuchten Veranstaltungen zumeist als gut bis sehr gut empfinden und an weiteren Veranstaltungen interessiert sind. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist bislang die praktische Umsetzbarkeit der Kontinuität an einigen Schulen: Aufgrund des fächerbezogenen Unterrichts insbesondere an den höheren Schulen sei diese organisatorisch teilweise nicht leicht umzusetzen. Die Veranstaltungen könnten daher häufig nur an langfristig geplanten Wandertagen stattfinden. Hoffnung bringt diesbezüglich der neue Rahmenlehrplan (www.berlin.de), der seit diesem Schuljahr im schulischen Alltag verankert werden muss. Demnach sollen auch fächerübergreifende Themen wie Nachhaltige Entwicklung/Lernen in globalen Zusammenhängen oder auch Verbraucherbildung stärkere Beachtung im Unterricht finden. Außerschulische Lernorte wie das Ökowerk bieten sich hierfür an – und Projekte wie „Leben im Großstadtdschungel“.

Cathrin Pempelfort

 

Ansprechpartnerin:
Cathrin Pempelfort
Diplom-Landschaftsplanerin und Umweltpädagogin M.A.
Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V.
Tel.: 030 300005-17, E-Mail: pempelfort@oekowerk.de

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