Hintergrundelement

Kästen von doppeltem Nutzen

In der vorigen Ausgabe des naturmagazin (3/2017) haben wir uns bereits ausführlich mit der Artengruppe der Fledermäuse beschäftigt. Schon bei der Themenauswahl war uns bewusst, dass es kaum möglich sein würde, sämtliche Aspekte des Fledermausschutzes darzustellen. Zuschriften mehrerer Leser nach Erscheinen der Ausgabe überzeugten uns jedoch, dass ein Thema hätte nicht fehlen dürfen: die Arbeit mit Fledermauskästen. Wir möchten dies an dieser Stelle nachholen und sprachen hierzu mit Dr. Günter Heise, der im nordbrandenburgischen Altkreis Prenzlau seit über vier Jahrzehnten erfolgreich mit Fledermauskästen arbeitet.

naturmagazin: Wenn man wie Sie über eine so lange Zeit hinweg an einer Methode festhält, muss man von ihr sehr überzeugt sein. Was begeistert Sie so sehr an Fledermauskästen?


Dr. Günter Heise: Da sich über 80 Prozent der heimischen Arten damit nachweisen lassen, sind sie ein sehr gutes Hilfsmittel der Fledermausfaunistik. Die Kästen ermöglichten es, wichtige Parameter der Reproduktionsbiologie (Ankunft, Beginn und Ende der Geburtsperiode, Reproduktionserfolg, postnatale Entwicklung, Sozialstruktur etc.) baumbewohnender und damit schwer zugänglicher Arten zu ermitteln. Der standardisierte langfristige Einsatz lässt für mehrere Arten Aussagen zu Koloniegröße und Bestandsentwicklung zu. Und wenn sich beispielsweise im Altkreis Prenzlau 2008 etwa 2.500 Abendseglerweibchen mit gutem Reproduktionserfolg in Fledermauskästen fortpflanzten, darf man sie wohl mit gutem Gewissen als geeignete Artenschutzmaßnahme bezeichnen, worum es ja vor allem geht.

Der Einsatz von Fledermauskästen wird in Fachkreisen mitunter nur als Zwischenlösung und nicht als Ersatz für natürlich vorkommende Höhlenbäume bewertet. Was halten Sie dem entgegen?


Die vielfach geäußerte Hoffnung auf eine Verbesserung des Angebots von Höhlenbäumen halten wir aufgrund der immer intensiveren Holznutzung (Energieholz!) für unrealistisch. Betonen möchte ich aber, dass der Kasteneinsatz immer mit Bemühungen um eine fledermausfreundliche Waldbewirtschaftung einhergehen sollte. Bei uns haben sich gerade dadurch fruchtbare Kontakte zu Förstern, Waldeigentümern und -bewirtschaftern ergeben. Abwertende und oft falsche Aussagen in der Fachliteratur über die „künstlichen“ Quartiere – eine Bezeichnung, die wohl der gegenwärtigen Wildnisideologie geschuldet ist – stammen meistens von Leuten, die nie damit gearbeitet haben. Im Gegensatz zum Menschen unterscheiden Fledermäuse auch gar nicht zwischen künstlichen und natürlichen Quartieren, sondern nur zwischen geeigneten und ungeeigneten. Jedem Praktiker ist bekannt, dass ein steter Wechsel zwischen Naturhöhlen und Kästen erfolgt, sofern die einen wie die anderen verfügbar sind. Dass die Bestandsentwicklung beim Abendsegler in mehreren untersuchten Wäldern trotz der Verringerung des Baumhöhlenangebots über einen langen Zeitraum positiv verlief, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Ergebnis des zusätzlichen Quartierangebots. Die Bedeutung der Ressource "Quartier" für Höhlenbewohner, die auf die Nachnutzung von Höhlen angewiesen sind, wird von vielen Fachleuten deutlich unterschätzt. Wir sehen den Kasteneinsatz nicht als ein alternatives, sondern als ein zusätzliches Quartierangebot, zumal er vor allem die Arten fördert, für die durch die Windkraftanlagen eine neue Mortalitätsquelle entstanden ist.

"Künstlich" oder "natürlich" ist also egal?


Im Altkreis Prenzlau gab es Anfang der 1970er Jahre im "Kiecker" größere Altbuchenbestände mit drei Höhlenzentren, die auch vom Abendsegler genutzt wurden. Diese Höhlenzentren sind inzwischen längst verschwunden. Zwar ist der etwa 270 Hektar große Wald auch heute noch höhlenreicher als manch anderer, aber bis zu 280 Abendseglerweibchen reproduzierten dort inzwischen in Fledermauskästen, die mindestens 17 Naturhöhlen ersetzen. Wer nun glaubt, dass es dort noch ebenso viele konkurrenzfreie Naturhöhlen gleicher Größe und Attraktivität gibt, sollte auch die Frage beantworten können, warum die Abendsegler nicht diese, sondern die Kästen bewohnen.
Naturhöhlen und Fledermauskästen werden immer wieder gegenübergestellt. Es wird dann stets vorausgesetzt, dass Naturhöhlen den Kästen überlegen sind – ohne je einen Beweis dafür anzutreten. Dass uckermärkische Abendsegler in Fledermauskästen im Durchschnitt knapp 1,5 Junge pro Weibchen aufziehen, ist über einen langen Zeitraum an mehreren Tausend Tieren belegt. Der Beweis, dass Abendsegler, denen ausschließlich eine limitierte Anzahl unterschiedlich geeigneter Baumhöhlen zur Verfügung steht, auch so erfolgreich sind, steht aber noch aus und ist aufgrund der geringen postnatalen Sterblichkeit der Kastenbewohner sehr unwahrscheinlich. Fledermauskästen aus geeignetem Material mit Sachverstand und Sorgfalt hergestellt und angebracht, haben bei angemessener Betreuung eine Nutzungsdauer von mindestens 30 Jahren und übertreffen damit die durchschnittliche Nutzungsdauer von Baumhöhlen beträchtlich. Leider sind die meisten im Handel angebotenen Kästen wenig brauchbar.

Fledermauskästen werden auch beim Monitoring eingesetzt. Wie bewerten Sie deren Nutzen?


Dazu nur ein Beispiel: Im höhlenarmen Carmzower Wald waren im Juli 2012 von 217 in Fledermauskästen anwesenden adulten Abendseglerweibchen 213 beringt. Beim Zweitfang, zwei Wochen später, konnten lediglich 13 "neue" Weibchen, davon 12 Ringträger, registriert werden. Offenbar handelte es sich um Tiere, die beim Erstfang in einer der wenigen Baumhöhlen gesessen hatten. Somit waren 97,8 Prozent der Weibchen markiert und die Gesellschaft offenbar nahezu vollständig erfasst worden. Mit welcher anderen Monitoring-Methode wäre das möglich gewesen? Außer der Weibchenzahl wurde der Prozentsatz reproduzierender Weibchen, die Anzahl aufgezogener Jungtiere pro Weibchen, das Geschlechterverhältnis der Jungtiere und – da die Untersuchung seit 1996 läuft und das Höchstalter der Art deutlich übersteigt – die komplette Altersstruktur der Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt erfasst. Das Ergebnis geht weit über übliches Monitoring hinaus, und erreicht wurde es von drei Personen in nur zwei Arbeitstagen! Gleichartige Untersuchungen mit standardisiertem Kasteneinsatz – Hauptakteur ist inzwischen Torsten Blohm – laufen in zwei weiteren Wäldern, im Melzower Forst bereits seit 1986 und im Kiecker seit 1996.
Ähnliche Untersuchungen, insbesondere an der Rauhautfledermaus, werden im Beeskower Raum von Axel Schmidt durchgeführt und belegen, dass auch in armen Kiefernforsten Fledermäuse in beachtlicher Siedlungsdichte leben können sofern man für ein Quartierangebot sorgt.

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

naturmagazin abonnieren

Immer informiert

Pfeil blue

Ihnen gefällt das neue naturmagazin und Sie möchten es regelmäßg lesen?

Im online-Buchladen von Natur+Text können Sie es einzeln oder als Abo bestellen

Vorschau

Ausgabe 1/2018

Pfeil olive

Frühblüher stehen im Mittelpunkt der nächsten Ausgabe! Ab 1. Februar 2018 in Ihrem naturmagazin.

Kalender

Aktuelle Veranstaltungen

Pfeil orange

Herausgeber

NABU Brandenburg, Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin e.V., Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg, Natur+Text GmbH

Pfeil olive

mehr lesen?

Pfeil blue

Sie interessieren sich für weitere Publikationen aus unserem Verlag?

Dann stöbern sie doch in unserem Online-Buchladen