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Blühende Landschaften wörtlich genommen

Christina Grätz gründete ein breit aufgestelltes, erfolgreiches Unternehmen in der Lausitz

Wer unvermittelt über die schmale Asphaltstraße kommt, zwischen reifen Maisfeldern mit dampfenden Kühltürmen im Hintergrund, reibt sich wahrscheinlich verwundert die Augen. Vor einem einsamen Hof liegen lange Beete mit seltsamen Anpflanzungen. Unregelmäßig scheinen die Reihen, viele verschiedene Arten wachsen auf relativ kleiner Fläche. Ein Versuchsanbau? Beim Näherkommen erkennt man, dass hier Pflanzen gedeihen, nach denen der Unkrautstecher des Kleingärtners allzu gern ausrückt: Rotklee, Sauerampfer, Wegeriche, Kerbel, verschiedenste Gräser. Und letztes Blühendes wie Wiesenmargerite oder Rauer Löwenzahn. Die Feldecken kommen „wüst“ daher. Dort lässt die Hofherrin stehen, was wächst, denn wenn ringsum alles abgeerntet ist, brauchen Insekten einen Überwinterungsplatz.

Die Frau, die solches im Sinn hat, ist Christina Grätz, Biologin und seit 2011 Inhaberin der Firma „Nagola Re“. Ihr Unternehmen, das sich so natürlich in die Lausitzer Wiesen neben Jänschwaldes Energieindustrie fügt, ist eine der erfolgreichsten Gründungen der vergangenen Jahre in Brandenburg. Es produziert viel Einzigartiges und schafft republikweit Maßstäbe bei der Renaturierung verschiedenster Arten von Flächen. Christina Grätz ist mit Bundes-, Landes- und regionalen Preisen ausgezeichnet worden. Wenn sie in ihrem kühlen Lagerraum mit dem markanten Geruch steht, die Hand prüfend in einen der großen Papiersäcke steckt und feine Samen durch ihre Finger rinnen, huscht ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht. Dafür hat sie hart gearbeitet: Etwa 800 Kilo Samen verschiedener regionaler Wildpflanzen, darunter seltene Arten und Erhaltungskulturen, stehen sofort versand- und verwendungsfähig bereit. Sie entstanden aus ihrer Idee, aus Kraft, Mut, Fleiß, Zeit und Geld. Vor allem die Liebe zur Natur, die Verbundenheit mit der oft verwundeten heimatlichen „Scholle“ ist ihr stetiger Motor.
Achtung vor allen Tieren und Pflanzen wurde der dreifachen Mutter schon als Kind besonders vom Vater vermittelt. Sie ist mit ihren Geschwistern in der Lausitz, in Radeweise, aufgewachsen. „Wir waren eigentlich immer draußen“, sagt sie. Ihren eigenen Kindern kann sie die schöne Umgebung des Elternhauses nicht mehr zeigen. An Radeweise erinnert nur noch ein Gedenkstein. Mitte der 1980er Jahre mussten Christina und ihre Familie umziehen, weil ihr Dorf für den Braunkohletagebau abgebaggert wurde. Ein Schicksal von vielen in der Region. Doch obgleich die Eltern an anderer Stelle ein Haus bauten, es ringsum Natur gab, kam die Heranwachsende mit diesem Einschnitt schlecht klar. Ihre Heimatscholle bleibt Radeweise. Sie begann, sich für Umweltschutz zu interessieren, engagierte sich schon als Abiturientin gegen Braunkohleabbau. Der Berufswunsch, Ärztin zu werden, war irgendwann vom Tisch. Stattdessen begann sie 1993 an der Berliner Humboldt-Uni ein Biologie-Studium. Sie pendelte in die Hauptstadt und wohnte zu dieser Zeit in Lakoma, einem Ort, den das gleiche Schicksal wie Radeweise ereilen sollte.
Christina Grätz gehörte zu den Besetzern des Siedlungsplatzes. Die Abbaggerung konnte sie nicht verhindern. Doch das Unternehmen, das diesen Schritt veranlasste, brachte Christina Grätz 2009/2010 auf die Idee, die Renaturierung ehemaliger Tagebauflächen natürlich, hochwertig und effektiv in die Tat umzusetzen. Sie arbeitete für ein Eberswalder Ingenieurbüro in den Bereichen Bodenschutz und Landschaftsplanung. Ihr Einsatzgebiet war die Lausitz, sie befasste sich als Botanikerin mit Monitoring und Gutachtertätigkeiten. Als das Bergbauunternehmen ein Konzept suchte, um wertvolle Biotope auf Renaturierungsflächen eines ehemaligen Tagebaus zu schaffen, begab sich Christina Grätz tief in Literatur und Forschung. Ihre Diplomarbeit hatte „Bergbaufolgelandschaften“ (BFL) zum Thema. Doch aus der Vergangenheit lagen nur Erfahrungen und Anleitungen zu land- und forstwirtschaftlicher Renaturierung vor. Nie zuvor wurde die planmäßige Herstellung von Naturschutzflächen in BFL praktiziert. Das interessierte sie so sehr, dass sie über die theoretische Beschäftigung mit dem Thema in den Vollzug der Aufgabe ging. Doch das war kein Arbeitsfeld für ein Ingenieurbüro und auch nicht für sie als Angestellte. Ohne Scheu vor dem Schritt in die Eigenverantwortlichkeit gründete sie ihr Unternehmen. 2011 stand die Idee, Mahdgut- und Oberbodenübertragung bekannt zu machen und auszubauen, auf ihrer Agenda. Auf diese Weise konnte sie ihren Beitrag leisten, die naturräumliche Identität der vom Bergbau beeinflussten Heimat wiederherzustellen und zu erhalten: Durch das Mähen einer kompletten, heilen Naturfläche (Parentalfläche) und die Übertragung der gesamten Mahd auf eine geobotanisch und klimatisch ähnliche Filialfläche (z.B. Bergbau- oder Ausgleichsfläche, Deich) entsteht auf der Filialfläche ein artenvielfältiges Biotop, das Samen in der gebietstypischen Zusammensetzung enthält. Auf Düngung kann verzichtet werden, die Keimlinge trocknen im Mulch nicht aus, es gibt kaum Wind- und Wassererosion und auch Mikroorganismen und Sporen werden für den gesunden Boden mit übertragen. „So einfach, effektiv und natürlich ist das“, ist Christina Grätz bis heute begeistert. Und an diese Erkenntnis schlossen sich weitere an: Der Vertragsnaturschutz, bei dem gemäht und die Mahd kostenpflichtig entsorgt wird, ist nicht optimal. „Mahdgut ist doch kein Müll, sondern wertvoll“, sagt die Praktikerin überzeugt. Außerdem muss sie kein Saatgut mehr in anderen Bundesländern kaufen, das Geld bleibt vor Ort und sie kann lokale Kooperationen mit Eigentümern, Nutzern und Dienstleistern zum gegenseitigen Nutzen anstoßen.
Dass die Samenübertragung mit der Mahd nicht ausreicht, war bald klar. Wollte Nagola Re der steigenden Nachfrage gerecht werden, musste man selbst Samenproduzent werden. Die Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes 2010 passte da gut: Bei der Begrünung freier Landschaft musste fortan heimisches Saatgut verwendet werden. Und weil Christina Grätz frühere Kernkompetenzen nicht brachliegen lässt, sind sie und ihr 18-köpfiges Mitarbeiterteam auch bei der Umsiedlung von Ameisennestern, beim Monitoring und als Gutachter tätig. Sie schreibt Berichte und Förderanträge, dreht Imagefilme, sammelt wertvolle Samen per Hand und hat noch Ideen in der Schublade: Es soll gekocht werden. Wildpflanzen als Nahrungsmittel könnten in einer weiteren Firma auf dem Speisezettel stehen.

 

Andrea von Fournier

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