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Verzicht ohne Folgen

Vergleichende Betrachtung zweier Kiefernforsten nach Befall durch die Kiefernbuschhornblattwespe

2016 war für viele Waldeigentümer Südbrandenburgs kein gutes Jahr. Die Gemeine Kiefernbuschhornblattwespe (Diprion pini) hatte sich in Massen vermehrt und deren Larven waren hungrig über die Nadeln unzähliger Kiefern hergefallen. Berichten der Lausitzer Rundschau zufolge war vor allem ein breiter Streifen von 18.000 Hektar Kiefernforst zwischen Dubro/Jeßnik im Nordwesten und der Gemeinde Massen im Osten betroffen.

Finden Kiefernbuschhornblattwespen im Frühsommer günstige Witterungsbedingungen vor, kann die Art bis zum Spätsommer eine zweite Generation hervorbringen. Dies war 2016 in Südbrandenburg mancherorts der Fall. Besonders stark waren etwa 5.000 Hektar Wald von den Schädlingen betroffen, auch der Forstkomplex Weißhaus gehörte dazu. Als die Larven ihr Mal beendet hatten, waren den Bäumen nur noch zehn Prozent ihrer ursprünglichen Nadelmasse geblieben. Forstwirte und der Landesbetrieb Forst Brandenburg bezeichneten dies als Kahlfraß und sprachen in den Medien von einer Gefährdung des Bestandes.
Mit Berufung auf das Brandenburgische Waldgesetz, nach dem Wald durch geeignete Maßnahmen zu erhalten sei, ließ der Landesbetrieb Forst Brandenburg zur Bekämpfung der Larven auf Betreiben zahlreicher Waldbesitzer im September 2016 insgesamt 2.830 Hektar Kiefernforst von der Luft aus mit einem Breitband-Insektizid besprühen. "Der großflächige Einsatz von "Karate Forst flüssig" – einem Totalauslöscher der Insektenpopulationen – widerspricht eindeutig der Biodiversitätsstrategie Brandenburgs, da dadurch auch unzählige Nichtzielorganismen geschädigt werden", wies Werner Kratz, Ökotoxikologe und zweiter Vorsitzender des NABU-Brandenburg, die Begründung des Landesbetriebs scharf zurück. Brandenburg trägt eine besondere Mitverantwortung zum Schutz und Erhalt seiner Arten. Ein Einsatz dieses Ausmaßes konterkariert diese Bemühungen.
Die behandelten Flächen durften im Anschluss für 48 Stunden nicht betreten werden, das Sammeln von Pilzen, Früchten oder Kräutern war sogar für 21 Tage untersagt. Die Kosten der Aktion wurden auf die überwiegend privaten Waldbesitzer umgelegt und beliefen sich auf 72 Euro je Hektar.

Artenschutz und Wirtschaftswald

Von der Kiefernbuschhornblattwespe heimgesucht war auch die Naturerbefläche "Weißhaus" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Als Teil des seit 2012 laufenden Brandenburger Artenschutzprogramms "Auerhuhn" ist das Gebiet als Entwicklungsraum für die Wiederansiedlung der seltenen Tiere ausgewiesen. Erst im Frühjahr 2016 waren dort Auerhühner (Tetrao urogallus) – aus Schweden stammende Wildfänge – angesiedelt worden, eine erste erfolgreiche Brut ließ auf einen günstigen Projektverlauf hoffen. Wie aber sollte dort nun auf einen massiven Raupenbefall der Buschhornblattwespe reagiert werden, ohne die Auerhühner und insbesondere deren Jungvögel zu gefährden? In ihrer ursprünglichen Planung wollte der Landesbetrieb Forst Brandenburg dennoch auch "Weißhaus" mit "Karate Forst flüssig" besprühen lassen. Doch haupt- und ehrenamtliche Naturschützer waren sich einig und befanden das Risiko für zu hoch. In letzter Minute gelang es ihnen, die Aktion zu verhindern – allerdings zum Unmut einiger Forstleute und vor allem einer breiten Öffentlichkeit, die eine Ausbreitung des Kiefern-Schädlings fürchteten. Die Auerhühner und ihre Jungen, die gerade in dieser Zeit viel Eiweiß benötigen, fressen Käfer, Raupen, Fliegen, Würmer, Schnecken und hätten sich damit dem Insektizid nicht entziehen können. Sicherlich hätten sie über die Bioakkumulation Schaden genommen. Letztendlich wurde nur ein schmaler Streifen am Nordrand des Waldkomplexes südlich von Dübrichen und Prießen besprüht.

Folgen des Verzichts

Wie sich das Auslassen der Bekämpfung auf den Wald ausgewirkt hat, war in diesem Jahr zu überprüfen. Dazu musste die über 2.000 Hektar große unbehandelte Fläche mit den angrenzenden 2.830 Hektar besprühten Waldes verglichen werden. Am 14.06.17 traf sich der Autor des Artikels mit dem Leiter der Oberförsterei Herzberg, um mit ihm über seine Erfahrungen mit der Kiefernbuschhornblattwespe zu beraten und anschließend betroffene Waldareale zu kontrollieren. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt – kurz nach dem Maitrieb – hatte sich der Forst wieder deutlich erholt. Insbesondere die Kiefernbestände mittleren Alters machten einen vitalen Eindruck. Zum Totalverlust war es lediglich bei der Naturverjüngung der Kiefer im Unterwuchs gekommen – allerdings auf den begifteten Flächen ebenso wie auf den ungespritzten Flächen. Ein Unterschied war diesbezüglich nicht feststellbar.
Auch zu einem Totalausfall kam es weder auf den unbehandelten noch auf den begifteten Flächen. Unabhängig von deren Behandlung waren auf den untersuchten Flächen stets einzelne Bäume abgestorben, aber das geschieht auch nach einem Winter ohne Insektenkalamität. Die „Lausitzer Rundschau“ berichtete am 26. Juli 2017 von einer Häufung von Totholz auf 150 Hektar der Forstbetriebsgemeinschaft Südbrandenburg „Waidmannsruh-Wallhaus“. Unklar ist allerdings, ob dieses Areal mit „Karate Forst flüssig“ behandelt wurde oder unbehandelt blieb. Die Forstbetriebsgemeinschaft vertritt 265 private Waldbesitzer mit insgesamt 14.200 Hektar Wald – stark geschädigt sind hiervon somit lediglich 1,1 Prozent.

Schlussfolgerungen

Die diesjährige visuelle vergleichende Betrachtung von 2016 mit dem Breitbandinsektizid behandelten und unbehandelten Flächen lässt den Schluss zu, dass sowohl die nur geringen Absterberaten als auch die nur mäßigen Vitalitätsverluste nicht dem Einsatz von „Karate Forst flüssig“ zu verdanken sind. Das erfreuliche Ergebnis liegt vielmehr in der vorherrschenden Witterung des Sommers 2017 mit regelmäßigen und oft ergiebigen Niederschlägen begründet. 80 bis 90 Prozent der Larven seien inzwischen abgestorben, schrieb auch die „Lausitzer Rundschau“ Ende Juli 2017. Dem kieferndominierten Forst des Auerhuhn-Entwicklungsraumes „Weißhaus“ entstand somit aus der unterlassenen Behandlung kein nachhaltiger Schaden.
Die dargestellte positive Entwicklung des betrachteten Forstes kann jedoch kein Freibrief für die folgenden Jahre oder Jahrzehnte sein. Solange der Laubbaumanteil in weiten Teilen der Lausitz so gering ist wie gegenwärtig, kann es dort in wenigen Jahren erneut zu einer Kalamität der Kiefernbuschhornblattwespe kommen. Nur das vermehrte Einbringen von Laubbäumen – wo es sich anbietet auch von Sträuchern zur Waldrandgestaltung – kann dies auf Dauer verhindern. Laubgehölze fördern die natürlichen Gegenspieler des Schädlings – meist parasitoide Hautflügler – und stabilisieren so das Ökosystem Wald.
Zugleich sind aber auch Vorkehrungen zu treffen, dass ein solcher Interessenkonflikt zwischen Artenschutz und Waldbesitzern in den nächsten Jahren vermieden wird. Im Fall des Auerhuhns bedeutet dies, dass die Art auf einer größeren Waldfläche etabliert werden sollte. Bis 2016 wurden fast nur entlang der „Westflanke“ des Waldrings um Finsterwalde – von der Prösa über Weißhaus bis in die Rochauer Heide – Auerhühner aktiv angesiedelt, kaum aber an der „Ostflanke“. Damit war das Vorkommen sehr störungsanfällig. In diesem Jahr wurde mit dem Aussetzen zahlreicher Tiere im Waldgebiet "Babbener Heide" eine Lücke geschlossen. Um die Widerstandsfähigkeit der Population gegen mögliche Begiftungsaktionen zu schützen, gilt es in den nächsten Jahren, auch in den Auerhuhn-Entwicklungsräumen „Grünhaus“ und „Sonnewalder Forst“ Tiere anzusiedeln. Ab 2018 sollen diese Gebiete daher Schwerpunkt der Auswilderung werden.


Reinhard Möckel

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