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Gamengrund

Tiefes Wasser inmitten Brandenburgs Kornkammer – über fast 30 Kilometer schneidet sich der Gamengrund nordöstlich von Berlin durch die Barnim-Hochfläche und lässt Mittelgebirgseindrücke aufkommen. Das im Schnitt nur rund 300 Meter breite Tal gehört zu den landschaftlich reizvollsten Gebieten Brandenburgs. In der Talsohle funkeln vielerorts Seen und kleinere Stillgewässer, von denen sich manche sogar perlschnurartig aneinanderreihen. Insgesamt 14 Seen können gezählt werden. Die schmalsten von ihnen sind zwar kaum einen Steinwurf breit, aber viele hundert Meter lang. Einige sind Lebensraum der europaweit geschützten Amphibienarten Rotbauchunke und Kammmolch. Und mit dem Fischotter ist im Gamengrund eine weitere streng geschützte Art heimisch.

Natur


Steil steigen die Ufer der Gamengrundseen an und verleihen dem Gelände einen Mittelgebirgscharakter. Reizvoll schneiden sich kleinere Seitentäler, sogenannte Kehlen, durch die steilen Hänge und schaffen damit einen zusätzlichen Reliefreichtum. Vielerorts wächst ein naturnaher Wald, der von Laubgehölzen wie Hain- und Rotbuche, Winterlinde oder Stiel- und Traubeneiche bestimmt ist. Am Ufer gedeihen Schwarzerlen und Gemeine Eschen in einem schmalen Saum, der ebenso wie die Schilf- und Röhrichtzone wegen der steilen Uferböschungen oft nur wenige Meter breit ist. Anders dagegen zeigt sich das Gelände an den Landverbindungen zwischen den Seen: Sie sind flach und sumpfig, und der Boden war ursprünglich von Bruchwald bestanden. Landlebewesen fanden dort die einzigen natürlichen Gegebenheiten, trockenen Fußes die Talseite zu wechseln. Stellenweise konnte sogar Torf gestochen werden, auch wurde der Bruchwald früher mitunter in Wiesenland umgewandelt. Auf den lange Zeit extensiv genutzten Wiesen konnten sich im gesamten Gamengrund mit dem Breitblättrigen und dem Fleischfarbenen Knabenkraut sowie dem Großen Zweiblatt mehrere Orchideenarten ansiedeln.
Typisch für die gesamte Gamengrund-Rinne sind die zahlreichen Quellen, die von den umgebenden Hochflächen gespeist werden. Sie ließen Quellmoore sowie brandenburgweit seltene Durchströmungsmoore mit sehr sumpfigen Böden entstehen. Große Schutzanstrengungen, die teils stark entwässerten Wiesenböden zu renaturieren, werden derzeit im Gebiet des bei Wesendahl gelegenen Kesselsees unternommen. Dazu werden Entwässerungsgräben verschlossen, um den Grundwasserstand anzuheben. Zugleich wird das Mahdgut entnommen, um den Böden Nährstoffe zu entziehen. Auf diese Weise sollen die ursprünglichen Braunmoos-Seggenwiesen wieder Fuß fassen können. Treibende Kraft beim Schutz der Feuchtwiesen und Quellen ist die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, die Flächen im südlichen Bereich des Gamengrunds erworben hat.
Das Umsetzen von Schutzbemühungen und die Verbesserung der naturschonenden touristischen Nutzung hat sich die „Naturwacht Gamengrund“ auf die Fahnen geschrieben. Der ehrenamtlich geführte Verein mit Sitz in Leuenberg betreibt eine informative Internetseite (naturwacht-gamengrund.de).

Tourenvorschlag

Ein guter Ausgangspunkt für eine Wanderung ist Tiefensee. Der Ort blickt auf eine lange Ausflugs-Tradition zurück, wovon heute u. a. noch der Campingplatz und die beaufsichtigte Badestelle am Gamensee zeugen. Von Tiefensee aus kommend, geht es an prächtigen Hecken entlang zum Parkplatz am Campingplatz hinab. Die Lage und der Verlauf des Gamengrunds verrät sich dabei bereits aus der Ferne durch den Wald, der die Steilhänge am Ufer einkleidet. Stets bergab, kreuzt der auf der westlichen Seite der Seenkette verlaufende Wanderweg (auch als 66-Seen-Weg markiert), dem wir in Richtung Leuenberg entlang des Mittelsees folgen. Im Wald sehen wir stattliche Rot- und Hainbuchen, Stieleichen und Waldkiefern. Wer im Mai unterwegs ist, verspürt hier und da den Duft von Waldmeister, der den weißen, fünfzähligen Blüten des Laubwaldzeigers entströmt. Zeitiger im Frühjahr sind Buschwindröschen und Leberblümchen zu entdecken. Eindrucksvoll ist der Anblick von einigen Bäumen, die ins Wasser gestürzt sind. Gern halten sich im Schutz der untergetauchten Äste Fische auf. Typisch für die Gamengrundseen sind bei Anglern beliebte Arten wie Hecht und Wels. In abgelegeneren Stillgewässern im südlichen Teil der Rinne kommen sogar seltene Arten wie Schlammpeizger oder Steinbeißer vor. Eine durchgehende Wasserverbindung über die gesamte Seenkette existiert übrigens nicht. Erst der zum Strausberger Gebiet gehörende Fänger- und der Bötzsee stehen über das Fredersdorfer Mühlenfließ miteinander in direktem Wasserkontakt.
Nicht nur im Wasser können wir umgestürzte Bäume bestaunen, auch auf der Bergseite sind abgestorbene Bäume und liegendes Totholz zu sehen – die forstliche Nutzung der Hänge spielt kaum eine Rolle. Am Ende des Mittelsees heißt es, Kräfte sammeln: Wir müssen eine steile Böschung erklimmen. Sie ist künstlichen Ursprungs und trägt das Gleis der Bahnlinie nach Wriezen, auf der heute Erholungsuchende mit Draisinen unterwegs sind.
Auf der anderen Seite ebenso steil bergab, haben wir den Langen Haussee zur Seite, der auf vielen Karten als „Langer See“ verzeichnet ist. 2016 wurde das Gewässer offiziell umbenannt, um Verwechslungen mit anderen Langen Seen – sowohl im Gamengrund als auch in der Umgebung – zu vermeiden. An kleineren Zugängen bietet sich die Gelegenheit, aufs Wasser zu schauen oder gar die Füße hinein zu halten und dabei den Blick über den See schweifen zu lassen. Im Frühjahr sind Schellenten zu entdecken, die sich aus der Ferne am kontrastreichen, schwarz-weißen Federkleid verraten. Auch Haubentaucher leben am See – ihr Vorkommen ist ein Fingerzeig für die gute Wasserqualität. Wo sich etwas größere Schilfbestände entwickeln konnten, brüten Teichrohrsänger und Rohrammer. Wer großes Glück hat, sieht sogar einen Eisvogel vorbeisausen. Am Ende des Langen Haussees bietet sich ein Abstecher nach Leuenberg an, wo u. a. eine Gaststätte und ein Café locken. Ansonsten wechseln wir auf die östliche Uferseite über, die sich erstaunlich anders zeigt als das Pendant vom Westen: Zum einen sind dort viele baumhohe Vogelkirschen zu sehen, zum anderen alte Stieleichen. Ein Bestand von rund 40 Baumriesen stockt auf dem Steilhang. Manche von ihnen sterben ab, sind zerbrochen oder umgestürzt. Mit ihren Höhlen bieten sie vielen Tieren einen Unterschlupf, etwa Baummarder, Waldkauz oder neuerdings auch dem Waschbären. Sehr markant durchschneiden auf der östlichen Uferseite ebenfalls Kehlen die Steilhänge. Die längste von ihnen, die Lange Kehle, zieht sich rund 600 Meter weit in die umgebende Ackerlandschaft hinein. In ihrer Sohle und an den Rändern schauen große und kleine Findlinge aus dem Boden hervor, auf den Böschungen gedeihen vereinzelt größere Adlerfarnbestände.
Hin und wieder sind auch prächtige Kiefern und Rotbuchen zu sehen. Dann heißt es wieder kraxeln, um den Bahndamm der Draisinenstrecke zu überwinden. Hinter diesem erwartet uns wieder der Mittelsee, an dem wir in ganzer Länge entlanglaufen. Vorher lohnt es sich, einige Schritte zur Norduferspitze des Sees zu gehen, wo sich am Malerblick eine klasse Aussicht auftut.
Am Ende der Wanderung ist wieder die breite Landverbindung erreicht, an welcher der Weg nach Tiefensee kreuzt. Dort bietet sich Verschiedenes an: Sportliche Wanderer können eine 4,5 Kilometer-Runde um den Gamensee anhängen, die ebenfalls reich an Natureindrücken ist. Wer Hunger hat oder die Badedecke ausrollen möchte, kann durch ein kleines Zauntor den Campingplatz betreten und die Gaststätte oder die Badestelle ansteuern. Ansonsten sind es nur wenige Schritte auf bekannter Strecke zurück nach Tiefensee.

Schutzstatus

Der gesamte Gamengrund steht unter Landschaftsschutz, Teilbereiche sind als NATURA 2000-Gebiet „Fängersee und Unterer Gamengrund“ und FFH Gebiet „Gamengrundseen“ in europaweite Schutzgebietssysteme integriert.

In der Eiszeit angelegt

Im Entstehungsgebiet der eiszeitlichen Gletscher in Skandinavien war es das ganze Jahr über bitterkalt. Anders dagegen am südlichen Eisrand, wo die Gletscher infolge höherer Temperaturen begannen zu schmelzen und zum Stillstand kamen. Schmelzwasser bildete sich aber nicht nur an der Gletscherzunge, sondern auch auf der Oberfläche des Gletschers, oft schon kilometerweit vor der Gletscherzunge. Es sammelte sich, verschwand aber bald durch Spalten im Eispanzer und erreichte bisweilen sogar den Boden unter dem Gletscher. Bei den immensen Wassermassen, die sich vor allem während der eiszeitlichen Sommern sammelten, bildeten sich tosende Gletscherbäche, die sich unter dem Eis einen Weg suchten und sowohl Gletscher- als auch Erdmaterial fortspülten. Auf diese Weise wurde die Einkerbung des Gamengrundes in die Barnim-Hochfläche geformt. Anders verhielt es sich bei der Bildung der Seen. Sie entstanden aus gigantischen Eisbrocken, die beim Abklingen der Eiszeit vom Gletscher abbrachen, teilweise im Boden versanken und erst im Verlauf von Jahrhunderten auftauten. Sie hinterließen Senken mit steilen Rändern, die sich bei steigendem Grundwasserstand mit Wasser füllen konnten.

Links

www.naturwacht-gamengrund.de
www.naturerbe.nabu.de/schutzgebietssteckbriefe/Gamengrund.pdf

Anreise


Bus + Bahn: RB 25 von Bln-Ostkreuz nach Werneuchen, weiter mit Bus 887 (Werneuchen - Bad Freienwalde, Haltestelle Tiefensee, Dorf; Bus verkehrt auch am Wochenende)
Auto: B158 (Berlin – Bad Freienwalde) oder B168 (Müncheberg - Eberswalde) bis Tiefensee.
Parken: Am Campingplatz am Gamensee.

Carsten Rasmus
Buchautor und Verleger

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