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Amorpha auf dem Vormarsch

Ein Zierstrauch bedroht die Save-Auenwälder in Kroatien.

"Bastardindigo" – unter diesem Namen wurde der zwei bis sechs Meter hohe, zur Familie der Schmetterlingsblütler und der Gattung Amorpha gehörende "Bleibusch" Amorpha fruticosa um 1724 aus dem südöstlichen Nordamerika nach Europa gebracht.

Ihren Namen bekam die 15 Arten umfassende Gattung Amorpha einst vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné. Aus gutem Grund: Ihre kleinen, bräunlich-violetten, in dichten Trauben endständig angeordneten kleinen Blüten wirken gewissermaßen "amorph", also "ungestaltet". Zwar gehört die Gattung zur Familie der Schmetterlingsblütler (Papilionaceen), doch deren typische Blütenform, bestehend aus den Elementen "Fahne", "Flügel" und "Schiffchen", teilt sie nicht: Die Blüten der Amorpha besitzen lediglich eine "Fahne", nicht aber den Rest. Die Gattung folgt somit nicht dem regulären Bauplan ihrer Familie.

Nutzung

David Mabberley beschrieb 1990 in seinem Werk "The Plant Book", dass die Zweige des Strauches einst von den Indianern als "bedding", also als Unterlage ihrer Schlafstellen, verwendet wurden. Die ersten europäischen Siedler haben Amorpha fruticosa dann in Ermangelung des echten Idigo zum Blaufärben genutzt, so ist im "Handbuch der Laubgehölze" des Dendrologen Gerd Krüssmann nachzulesen. Als Ziergehölz wiederum – obwohl von nur geringem Zierwert – findet man den Strauch noch heute auch in Berliner Parkanlagen und Gärten.

Ausbreitungsfreudig

Eins vorweg: In Berlin und Brandenburg verhält sich Bastardindigo nicht invasiv. Anders verhält er sich jedoch in Südeuropa im Bereich von Bahndämmen, die durch Überschwemmungsgebiete führen: Dort erweist er sich als äußerst aggressiver Einwanderer (Neophyt), der in kürzester Zeit nicht oder nicht mehr genutzte Äcker sowie Viehweiden erobert. In dieser Hinsicht ähnelt er der afrikanischen Mimosacee Dichrostachys cinerea, die als "Marabu"-Strauch auf Kuba riesige Flächen aufgegebener Zuckerrohr-Plantagen erobert und für jede weitere Nutzung unbrauchbar gemacht hat. Ähnliches hat sich seit den 1940er Jahren in Kroatien ereignet: Im Überschwemmungsgebiet beim slawonischen Jasenovac (gesprochen Jassennowatz; "Jasen" ist der kroatische Name für "Esche") "entkam" Amorpha fruticosa nach häufigen Überschwemmungen in die Umgebung. Bereits in den 1950er Jahren, als ich das Gebiet per Fahrrad erstmals besuchte, hatte die Art dort bereits dichte Reinbestände entwickelt. Auf den nassen Wiesen der Save, wo das Ustascha-Regime des Ante Pavelic ab 1941 das Vernichtungslager Jasenovac errichtete, befindet sich das "Epizentrum" der explosiven Verbreitung des Bastardindigos in Kroatien.
Die in den Weltkriegsjahren aufgelassenen Hutweiden und Äcker boten der Amorpha als lichtliebendem Strauch und Pionier von Flächen mit gestörtem Bodengefüge ideale Ausbreitungsbedingungen. Mit dem Hochwasser verbreitete sie sich entlang der unteren Una und des Strug – einem parallel zur Save verlaufenden Waldfluss.

Raubbau mit Folgen

Richtig in Gang kam die Invasion aber erst mit der bis heute anhaltenden "Erschließung" der riesigen slawonischen Eichenwälder durch die moderne Forstwirtschaft. Nach einem ersten Kahlschlag um das Jahr 1850 hatte eine anschließend beispielhafte Waldbewirtschaftung dort bis zu 160 Jahre alte, geradstämmige Stieleichen herangezogen. Doch seit Ende des jugoslawischen Sezessionskrieges stürzen sich Holz- und Möbelfirmen aus aller Welt auf diesen Schatz! Breite, schnurgerade – ja, fast autobahnähnliche Kiesstraßen wurden in die Wälder getrieben, die alte österreichische Form der Einrichtung in "Reviere" und "Jagen" ignorierend. Mit großen Kettenfahrzeugen, sogenannten "Timberjacks", drang man in den Sumpfwald vor und erzeugte metertiefe Spurrillen. Sie zerstörten das äußerst empfindliches Mikrorelief. Viele Hektar große Kahlschläge entstanden und entstehen noch immer in immer rascher werdender Abfolge.
Nach der Rodung werden die Flächen mit Wildschutzzäunen eingehegt und mit baumschulmäßig herangezogenen, etwa einen Meter großen Jungeichen in geraden Reihen bepflanzt. Zum Schutz vor Verbiss werden die jungen Pflanzen zusätzlich in Plastikröhren gesteckt. Doch jede dieser neuartigen Aktivitäten fördert die weitere Ausbreitung der Amorpha. Sie liebt die gestörten und veränderten Bodenprofile, erträgt monatelange Überschwemmungen und verlangt vor allem kräftige Besonnung. Kaum ist eine neue Kiesstraße fertig, wachsen an deren Rändern schon bald die hellgrünen Sämlinge der Amorpha heckenartig in die Höhe. Wenn die Jungeichen auf den viel zu großen Kahlschlägen in ihren engen Pflanzröhren ertrinken, vertrocknen, erfrieren oder beim Erreichen des Röhrenrandes doch von Rothirschen verspeist werden, besetzt der Einwanderer die Aufforstungsfläche in Gänze.

Vermintes Terrain

Einen entscheidenden Impuls für die Weiterverbreitung lieferte der Bürgerkrieg zwischen 1991 und 1995. Damals verlief die westslawonische Front mitten durch Jasenovac. Große Wald- und Weideflächen blieben – zum Teil bis heute! – vermint zurück. Vor allem die große Hutweide "Poganovo Polje"  beim Dorfe Mlaka verbuschte. Der Überschwemmungswald profitiert jedoch bis heute von der Verminung, da er seither nicht betretbar und schon gar nicht für Schwerfahrzeuge befahr ist. In der Folge entwickelte sich dort entlang des Strug ein Band spontan aufgekommenen, (noch) gesunden Eschenwalds der Art Fraxinus angustifolia (sie vertritt die Gemeine Esche Fraxinus excelsior in Südeuropa, ist aber ebenfalls von der im naturmgazin 2/2016 beschriebenen Pilzinfektion betroffen).
Darüber hinaus befindet sich zwischen der zugewachsenen Hutweide und dem "Sumpf-Eschenwald" eine große Vernässungsfläche, auf der Enten, Taucher, Blesshühner und Weißbart-Seeschwalben brüten. Seeadler, Schwarzstörche, Reiher und Löffler profitieren dort von den stark schwankenden Wasserständen entlang des Strug, unterstützt durch den Ausbau des Mokro Polje-Gebietes zum Hochwasser-Rückhaltebecken. Ein weiteres dieser "Nassfelder" befindet sich flussaufwärts der Save mit der Lonjsko Polje.
Im Bereich dieser Feuchtgebiete wird aber auch die Janusköpfigkeit des Amorpha-Problems erkennbar: Fluch für die einen, Segen und Schutz für die anderen. Besonders die Imkerei ist im Invasionsgebiet des Strauches aufgeblüht. Neben dem berühmten Polje-Honig aus der Polei-Minze der Hutweiden bildet der äußerst aromatische Amorpha-Honig heute ein zweites Standbein für die zum Teil mobil betriebene Imkerei. Auch einige Vogelarten lieben die Amorpha-Hecken und -Dickichte: Neuntöter und Turteltaube sind in ihnen besonders zahlreich.

Ein möglicher Weg

Soll das weitere Vordringen des Neophyten gestoppt werden, gibt es keinen anderen Weg, als die Rückkehr zu der in der Region seit 150 Jahren bewährten, schonenderen Waldbewirtschaftung: mit wesentlich kleineren Kahlschlägen, schmaleren Erschließungswegen, längeren Umtriebszeiten für die Stieleiche, Naturverjüngung und einem schonenden Umgang mit der Begleitflora, vor allem der Hainbuche. Nur so ist der Beschattungsgrad erreichbar, dem Amorpha fruticosa schließlich weichen muss.

Hartmut Ern
Emeritus Scientific Director des Botanischen Gartens der Freien Universität Berlin. Der Autor engagiert sich seit vielen Jahren für den Schutz der Save-Auwenwälder.

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