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Ausgabe 4/2013

Der Lauschangriff

Kaum ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, ändert sich schon unsere Wahrnehmung

Mit dem menschlichen Auge ist in der Dämmerung und Dunkelheit nicht viel los. Jedoch die übrigen Sinne schärfen sich umso mehr und in der bedrängenden mondlosen „Schwärze“ lernen Menschen mit den Ohren „sehen“.

Machen wir uns auf eine Nachtwanderung durch die Jahreszeiten. Die künstlichen Umgebungsgeräusche werden leiser und verstummen, nur das Wispern, Rascheln und Raunen der Natur ist noch vernehmbar. Im Frühling werden ja alle Ströme und Bäche vom Eise befreit, und das geht geräuschvoll über die Naturbühne. Fließgewässer, die ihren Eismantel sprengen, bieten Geräuschkulissen, die von profanen Haushaltsgeräuschen, wie dem Strudeln von Wasser beim Schleudergang einer Waschmaschine, bis hin zu zarten Harfenklängen beim Eintauchen eines späten Eisregens in das fließende Wasser reichen.
Begleiten wir in der Dunkelheit einen Bachlauf, so verrät ein Glucksen wie Schluckauf, wo das Wasser rasch über Stock und Stein gleitet. Und wenn das Ohr einen rauschenden Wasserhahn an das Gehirn meldet, wissen erfahrene Nachtwanderer, dass sich das Bachbett einengt. Dort, wo es sich ganz breit macht, schnurrt das Wasser wie eine Katze wohlig vor sich hin.
Es ist Sommer geworden und unsere Nachtreise an einem See wird vom wogenden Schilfrauschen begleitet. Ein Geräusch, als schütte jemand unablässig und wechselnd stark Zucker aus.
Auf jeden brütend heißen Sommertag folgt eine Sommernacht mit einem flüsternden Lüftchen. Wer sich dann hinaustraut in die stockfinstere Nacht, der wird vielfältig belohnt. Etwa, wenn er unter einer großen Linde oder Eiche verweilt und vernimmt, wie die Welt in Dunkelheit und Nachtakustik versinkt. Wie Glocken stülpen sich Baumkronen über Lauschende und das Rauschen, Säuseln und Wispern der Blätterschar übertönt alles andere. Dieses eins mit der Baumkrone werden ähnelt dem jedes Mal neu ungewohnten Klang des eigenen Herzschlages unter Kopfhörern oder Motorradhelm.
Weiter geht es, und urplötzlich wird das Sommernachtsschwarz zerrissen vom klatschenden „Bumm“, dem Aufprall reifer Früchte. Das kann je nach Frucht ganz schön Rumsen.
Und all die Tiervermutungen. Mal hört es sich an wie begleitende Schritte, die aussetzen, sobald man stehen bleibt und weiter gehen, wenn der Nachtwanderer seinen Weg fortsetzt. Und dann meldet das Ohr das Rascheln einer Maus im Gras. Oder? Je weniger wir sehen, desto größer werden die Tiere. Und sie kommen näher. Unheimlich. Wer jetzt nicht ruhig bleibt, kann zum Opfer seiner Fantasie werden und zur letzten Hilfe, zur Taschenlampe greifen. Der Zauber der Nacht geht im Lichtstrahl allerdings verloren.
Nun wird es Herbst. Regen und Sturm wogen durch die Nacht. Der Wind peitscht Blätter und Früchte. Ein wildes Rauschen, Klacken und Klicken bricht an. Blätter und Früchte fallen zu Boden und der täuschend sichere Eindruck, ein Trüppchen Damen in rauschenden Tüllgewändern mit hochhackigen Schuhen, läuft eiligen Schrittes vorbei, stellt sich ein. Und, oje, ab und an stolpert eine der Hochhackigen.
Kommt dann noch ein Gewitter dazu, erinnern die Windgeräusche an eine rasende Kutsche, der ab und an vom Kutscher mit flackernder Sturmlaterne der Weg geleuchtet wird. Der anrückende Sturm lässt das Holz in den Baumkronen brechen und wirbelt es zu Boden. Ganz so, als würden Holzfäller eine ärgerliche Nachtschicht einlegen.
Es ist Winter geworden, und eine Nachtwanderung kann ziemlich ungemütlich werden. Das jähe Bersten von Eis bei starkem Frost durchzuckt uns und klingt, als würden schwere Metallteile mit großer Geschwindigkeit aufeinander prallen. Ganz anders das Klirren von dünnen Eisplättchen am Schilf, die mit ihren wohl gestimmten Windspieltönen weithin mit der Frostluft ziehen.
Das Leben spielt sich nun in den Häusern ab. Pflanzen träumen in Wurzeln, Knollen oder im Holzmantel, Tiere dämmern, ruhen oder schlafen. Der Ostwind pfeift eisig, ab und an aufheulend wie ein heiserer Wolf. Fällt jedoch Schnee, so versinkt alles in flauschig weißer Stille. Herbert Grönemeyer fällt mir ein: “Sie weiß nicht, dass Schnee lautlos auf die Erde fällt…“.
Laufen wir dann durch die Nacht auf länger liegendem Schnee, dann gibt es kein Anschleichen mehr und unsere Fantasie spielt uns Streiche. Die Palette des Knirschens von Harschschnee reicht von Magenknurren bis hin zu zäh knarrenden Dielen. Das ist „Putenpelle“ pur. Auch wenn es gegen diese wohligen Schreckmomente nicht hilft, sind wir beim nächtlichen „Lauschangriff“ warm angezogen. Kann doch so eine Erkältung gewaltig auf die Ohren schlagen.
Sind die Nachtwanderungen im Jahreslauf gegangen, dann steht da immer noch das ganzjährige Regenspiel, das verklungene Hörerlebnisse mit neuem Leben füllt. Und das geht so: Ein Regenschauer nähert sich langsam, wird stärker, bleibt ein Weilchen und entfernt sich dann wieder.
1.Reiben der Handflächen aneinander
2. Schnipsen mit den Fingern
3. Klatschen auf die Schenkel und Trampeln mit den Füßen
4. Nur noch Klatschen
5. Schnipsen
6. Reiben der Handflächen

Ihr Reise(Ton)leiter

Anke Rudnik

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