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Babbelnd Laute Lernen

Für Fledermäuse sind Lautäußerungen viel mehr als Orientierungshilfen

Am 11. September 2015 würdigte die Deutsche Zoologische Gesellschaft (DZG) die wissenschaftliche Arbeit von Mirjam Knörnschild mit der Verleihung des Warlther-Arndt-Forschungspreises. Die Preisträgerin beschäftigt sich seit Jahren mit der Kognition – dem geistigen Verarbeiten von Informationen – und dem Erlernen von Sprache – und zwar am Beispiel der mittelamerikanischen Fledermausart Saccopteryx bilineata!

Fledermäuse benutzen zur Orientierung im Raum und zur Nahrungssuche die Echoortung. Viele Arten sind sehr soziale Wesen, die in oft großen Gesellschaften an den Tagesruheplätzen, den Wochenstuben und Winterquartieren zusammen leben. Wie verständigen sich diese Tiere miteinander?

Fledermäuse können sich visuell, durch Geruchstoffe und durch Lautäußerungen mit Artgenossen verständigen. Gerade in den Tagesquartieren produzieren Fledermäuse eine Vielzahl von Lauten, die teilweise sogar im für uns hörbaren Bereich sind. Aber auch beim nächtlichen Flug werden soziale Lautäußerungen produziert. Bei einigen heimischen Arten singen die Männchen im Spätsommer und Herbst sogar, um Paarungspartner anzulocken. Generell können Fledermäuse mit ihren sozialen Lautäußerungen verschiedene Informationen übermitteln, beispielsweise ihre individuelle Identität und Gruppenzugehörigkeit, ihre momentane Stimmung und ihre Intentionen. Auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art wird in den sozialen Lautäußerungen kodiert, ähnlich wie das auch bei Echoortungsrufen der Fall ist.

 

Lassen sich bei dieser „vorsprachlichen Kommunikation“ bestimmte Grundstrukturen erkennen?

Lautäußerungen von Fledermäusen sind oft im Ultraschallbereich – für uns also nur mit technischen Hilfsmitteln hörbar – und für unser Empfinden von vergleichsweise kurzer Dauer. Da das Gehör von Fledermäusen aber eine sehr gute zeitliche Auflösung hat, hören Fledermäuse sicherlich deutlich mehr Informationen aus den Lautäußerungen ihrer Artgenossen heraus als wir das könnten. Häufig bestehen die Lautäußerungen von Fledermäusen aus stark frequenzmodulierten Tönen – was ein bisschen wie Getriller oder Gepfeife klingt – aber es kommen auch harsche, geräuschhafte Elemente vor oder eine Kombination aus beidem. Einfache Laute bestehen oft nur aus einer einzigen Silbe, die allerdings  mehrmals wiederholt werden kann. Komplexe Laute werden aus mehreren verschiedenen Silben gebildet, die in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet sind. Wenn solche komplexen Lautäußerungen im Rahmen von Revierverteidigung oder Balz produziert werden, spricht man von Gesang. Fledermausgesang kann äußerst melodisch sein, zumindest wenn man ihn ein wenig verlangsamt, so dass unser Hörvermögen ihm gewachsen ist. Er ähnelt dann Vogelgesang.

 

Ist diese „Sprache“ den jungen Fledermäusen weitgehend angeboren oder müssen sie sie nach und nach erlernen?

Bei einigen Fledermausarten ist ein Teil des Lautrepertoires angeboren, ein anderer Teil wird erlernt. Allerdings gibt es bisher zu wenige Untersuchungen, um eine verlässliche generelle Aussage für alle Fledermausarten  zu machen.

 

Sie haben mit ihren Untersuchungen an der mittelamerikanischen Fledermausart Saccopteryx bilineata eine sogenannte „Babbelphase“ bei deren Jungetieren nachgewiesen, in der sie artspezifische Laute lernen und einüben. So ähnlich lernen auch unsere Säuglinge das richtige Sprechen. Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Entstehung und Weiterentwicklung von Kommunikation und „Sprache“?

Viele Aspekte, die wichtig für die Evolution menschlicher Sprache waren, finden sich in vereinfachter Form bereits bei Tieren wieder. Das Erlernen von Lautäußerungen in einer „Übungsphase“ ist nur ein Beispiel dafür. Je mehr wir über die Kommunikationsfähigkeiten von Tieren lernen, desto eher können wir durch vergleichende Untersuchungen herausfinden, welcher Selektionsdruck notwendig war, damit sich ein Vorläufer von Sprache entwickeln konnte. Dies ist äußerst interessant, da wir mit diesem sogenannten biolinguistischen Ansatz herausfinden können, wie und unter welchen Umständen menschliche Sprache entstanden ist.

Die Fragen stellte Jürgen Herrmann

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