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Ausgabe 3/2017

Nachbar Fledermaus

Bedenken von Hausbesitzern sind oft unbegründet, ein Zusammenleben ist auch nach Sanierungsmaßnahmen möglich

Fledermäuse sind sowohl faszinierende als auch nützliche Tiere. Letzteres erkannte schon Johann Matthaus Bechstein, der bereits im 18. Jahrhundert die wichtige Rolle von Fledermäusen bei der Bekämpfung von Schädlingen im Wald beschrieb – schließlich ernähren sich unsere heimischen Fledermausarten ausschließlich von Insekten und anderen Gliederfüßern. Der Nutzen von Fledermäusen ist aber auch im Siedlungsbereich nicht von der Hand zu weisen – man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an die uns Menschen lästigen Mücken.

Fledermäuse sind nachtaktive Tiere und verbringen den Tag ruhend in Quartieren – Fachleute sprechen vom „Übertagen”. Überhaupt ist das Leben der Fledermäuse von einer ausgesprochenen Saisonalität geprägt. Den Winter verbringen die Tiere meist schlafend in frostsicheren Quartieren, beispielsweise in Höhlen und Kellern, aber auch auf Dachböden oder in Gebäudespalten. Im "Energiesparmodus" überbrücken sie dort die futterarme Zeit und zehren von ihren Fettreserven. Sie reduzieren ihren Kreislauf auf ein Minimum und fahren die Körpertemperatur auf bis zu 0 °C herunter. Ab März/April werden die Tiere wieder mobil und verlassen ihre Winterquartiere, um sich wieder zu ihren Sommerquartieren zu begeben. Fledermausweibchen schließen sich nun zu so genannten Wochenstubenkolonien zusammen. Gemeinsam ziehen sie dort ihre Jungen auf. Anders die Männchen: Sie übertagen meistens einzeln oder in kleinen Gruppen. Die Wochenstuben der Weibchen lösen sich Ende Juli bis Ende August wieder auf.
Auch im Sommer überbrücken Fledermäuse Schlechtwetterperioden in einer Art Ruhezustand. Ähnlich wie im Winter verlangsamt sich auch dann ihr Stoffwechsel und die Körpertemperatur wird der Außentemperatur angeglichen. Im Herbst beginnt die Paarungszeit. Es ist die Zeit des Schwärmens vor und in den Winterquartieren. Die Tiere suchen dabei verschiedene für sie in Frage kommende Winterquartiere auf und fliegen dort über eine längere Zeit umher. In der Regel finden sie dabei auch ihren Paarungspartner. Für die Population hat diese Art der Partnersuche den großen Vorteil, dass es so zu einer genetischen Durchmischung zwischen den ansonsten sehr ortstreuen Tieren kommt. Im Herbst müssen sich die Fledermäuse dann ihre Fettreserven für den bevorstehenden Winterschlaf anfressen. Während dieser Zeit nutzen sie sogenannte Zwischenquartiere zum Übertagen. Steht schließlich der Winter wieder vor der Tür, beziehen die Tiere beim ersten Kälteanbruch ihre Winterquartiere. Für manche Fledermausarten ist der Weg dorthin allerdings durchaus weit – beispielsweise Abendsegler legen auf dem Weg dorthin bis etwa tausend Kilometer zurück. Die meisten Arten suchen jedoch nach Überwinterungsstätten in der Nahe ihrer Sommerlebensräume.

 

Kulturfolger

Viele Fledermausarten haben sich im Laufe der Zeit an den menschlichen Siedlungsraum angepasst und finden in Gebäuden geeignete Quartiere. So konnten einige typische Felsbewohner, etwa die Zwergfledermaus, sogar ihr Verbreitungsgebiet nach Norden ausdehnen. Für manche Arten ist die Nutzung von Gebäudequartieren jedoch nur zweite Wahl: Genutzt werden sie nur, wenn die natürlichen Quartierstrukturen – beispielsweise alte höhlenreiche Bäume – nicht mehr in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Die Mopsfledermaus nutzt beispielsweise lieber ihre natürlichen Quartiere, die sie hinter loser Baumrinde findet, als solche, die hinter Holzverkleidungen oder Fensterläden an Gebäuden gelegen sind.

Der Mensch und sein Handeln sind für Fledermäuse aber nicht ungefährlich. Zwischen 1950 bis 1980 wurde vielen Fledermäusen der Einsatz von Pestiziden in der Land- und Forstwirtschaft zum Verhängnis, andere gingen an giftigen, zum Schutz von Dachböden eingesetzten Holzschutzmitteln zu Grunde. Verheerende Bestandsrückgänge waren die Folge. Intensive Schutzbemühungen haben inzwischen zumindest bei einigen Arten, wie der Zwerg- und Breitflügelfledermaus, wieder einen Aufwärtstrend bewirkt.
Ein vergleichsweise junges Problem für gebäudebewohnende Arten ist die Sanierung alter Gebäude. Speziell bei der thermischen Sanierung wird in der Regel versucht, vorhandene Spalten und Öffnungen in Dach und Fassade zu schließen. Ohne geeignete Schutzmaßnahmen gehen Fledermäusen dann wertvolle Quartierstrukturen verloren. Im schlimmsten Fall werden sie eingeschlossen und verenden.



Lebensraum Sanierungsfall

Zugängliche Hohlräume in sanierungsbedürftigen Gebäuden werden häufig von einer Vielzahl von Tieren genutzt. Neben Fledermäusen und mehreren Vogelarten kommen dort auch Hautflügler wie Wespen, Solitärbienen und Ameisenjungfern vor. Schatzungsweise 70 bis 90 Prozent aller sanierungs- und abbruchbedürftigen Gebäude werden von geschützten gebäudeabhängigen Arten besiedelt.
Alle in Deutschland heimischen Fledermausarten zählen zu den besonders geschützten Arten. Nach §42 Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG ist es verboten, deren Fortpflanzungs- oder Ruhestätten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören. Auch die Fortpflanzungs- und Ruhestätten von Fledermäusen an Gebäuden und in Siedlungsbereichen fallen unter dieses Verbot. Bauherren sind daher in der Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass geschützte Arten auch durch Sanierungsmaßnahmen nicht beeinträchtigt werden. Ohne die fachliche Zuhilfenahme von Experten ist in der Praxis ein Verstoß gegen das Artenschutzrecht jedoch kaum vermeidbar. Um den Bauablauf nicht unnötig zu verzögern, sollte der Expertenrat bereits vor Beginn von Baumaßnahmen eingeholt werden. Eventuell erforderlich werdende Schutzmaßnahmen lassen sich dann noch kostengünstig in den Bauablauf integrieren. Da sich Fledermäuse kaum umsiedeln lassen, ist der Erhalt vorhandener Quartiere besonders wichtig. Als sehr traditionelle Quartiernutzer, nutzen Fledermäuse ein einmal für geeignet befundenes Quartier über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Der Verlust einer solchen Wohnstätte kann daher zu erheblichen Eingriffen in die Population führen. Sind in der Umgebung bekannte Ersatzquartiere nicht in ausreichender Zahl vorhanden, kann es an diesem Ort zum Erlöschen der Population kommen. Im Privatfall helfen häufig auch die Fachleute der Naturschutzbehörden bei Fragen zu Fledermäusen weiter.

 

Unbedenkliche Mitbewohner

Manch Immobilienbesitzer begegnen Fledermäusen im eigenen Gebäude mit Skepsis. Sie befürchten beispielsweise, dass die Exkremente Schäden am Bauwerk anrichten könnten. Fledermauskot besteht jedoch nahezu ausschließlich nur aus unverdaulichen Insektenresten, wodurch er sehr trocken ist. Zudem fällt der Kot im Sommer nur an trockenen und warmen Plätzen an, weshalb sowohl der Kot als auch der Urin schnell abtrocknen. Nur wenn sich in sehr seltenen Fällen große Kolonien von mehreren hundert Tieren einfinden, wie etwa bei Mausohrwochenstuben üblich, kann es Probleme geben – wenn beispielsweise ein Holzboden unter einem Berg von Kot und Urin feucht wird. In solchen Einzelfällen sollte zusammen mit einem Fledermausexperten vor Ort nach einer geeigneten Lösung gesucht werden – diese kann beispielsweise darin bestehen, zum richtigen Zeitpunkt an entsprechender Stelle eine Folie auf dem Boden auszubreiten. Bei den meisten Wochenstuben fallen jedoch nur unproblematische Kotmengen an. Grundsätzlich schadet Fledermauskot also nicht und es geht auch keine gesundheitliche Gefährdung von ihm aus. Er kann sogar als ein sehr guter Dünger verwendet werden.

Eine weitere Sorge vieler Bauherren gilt der von ihnen oft teuer bezahlten Wärmedämmung des Gebäudes. Praxisbeispiele haben jedoch gezeigt, dass selbst in gedämmten Bereichen bei fachgerechter Ausführung von Fledermaus-Ersatzquartieren durch diese keine signifikanten Kältebrücken entstehen. Wer dennoch thermische Bedenken hat, kann Fledermäusen auch in ungedämmten oder wenig beheizten Bereichen des Gebäudes ein neues Zuhause geben, beispielsweise mit Ersatzquartieren im Bereich von Drempeln, Treppenaufgängen oder Aufzugschächten. Generell ist es aber durchaus möglich, Ersatzquartiere auch auf einer bestehenden Dämmschicht zu errichten oder unterhalb des Quartiers die ursprüngliche Dämmung gegen eine dünnere Isolationsschicht mit höherem Dämmvermögen auszutauschen. Einem ungestörten Miteinander sollte dann nichts mehr im Wege stehen.


Sarah Tost

 

Handflügler

Gemeinsam mit den Flughunden gehören die Fledermäuse zur Säugetierordnung der Fledertiere. Deren wissenschaftlicher Name Chiroptera weist bereits auf die Flugweise der Fledertiere hin: Sie fliegen mit den Händen! Ihre Flughäute spannen sich zwischen den stark verlängerten Fingerknochen, den Ober- und Unterarmen sowie den Beinen und dem Schwanz. Dadurch können die Tiere ihre Flughäute sehr flexibel einsetzen und sie beispielsweise auch zum Keschern von Insekten aus der Luft einsetzen. Manche Arten sind dadurch besonders manövrierfähig und nutzen diese Fähigkeit zum Erbeuten von Insekten innerhalb von Baumkronen oder zum Absammeln ihrer Beute von Oberflächen.

 

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