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Weniger ist mehr

Biologische Vielfalt ist auch eine Frage der Einstellung

Auf unserem Planeten leben derzeit rund 7,2 Milliarden Menschen, davon etwa die Hälfte in Städten. Städte sind geprägt durch Beton, Asphalt und Glas. Besonders in den Sommermonaten kann das Klima einer Stadt deren Bewohner auf eine harte Probe stellen – gesundheitliche Probleme inbegriffen.

Begrünte Freiflächen sind vor allem in der Innenstadt sehr gefragt. Allerdings auch als Baufläche. Längst wird in Berlin um jeden Quadratmeter gerungen, der auch für den Wohnungsbau genutzt werden könnte. Grünflächen sind für den Städter aber ein wesentliches Stück Lebensqualität. Sie dürfen nicht einfach der Grundstücksspekulation überlassen werden. Die integrierte Stadtentwicklung steht daher vor großen Herausforderungen. Die Stadt der Zukunft soll kompakt und zugleich durchgrünt sein. Erreicht werden kann dieses nicht leichte Ziel mit Hilfe der Städtebauförderung: Bund und Länder formulieren darin gemeinsame Verwaltungsvereinbarungen. 2015 wurden in ihnen erstmals die Bedeutung von Grün- und Freiflächen sowie der Wert biologischer Vielfalt benannt und explizit zu Förderbestandteilen gemacht.

 

Wiese oder Rasen?

Manchmal können schon Kleinigkeiten Verbesserungen herbeiführen. Viele städtische Freiflächen werden regelmäßig gemäht. Warum eigentlich? Kann man eine Wiese nicht einfach bis in den Sommer hinein wachsen lassen. Hier regt sich ein merkwürdiger Ordnungssinn. Chaos vor dem Haus? Vielleicht noch verschiedene Pflanzenarten, die unordentlich durcheinander wachsen? Und diese Gänseblümchen! Eine Beleidigung für das Auge eines jeden „Gartenfreundes“. Der Rasen hat grün zu sein. Und kurz. Bunte Farbtupfer auf dem Rasen gelten als Zeichen der sozialen Verwahrlosung seines Besitzers. Allmählich findet aber ein Umdenken statt. Warum aber ständig mähen? Die Grünflächenämter sind ohnehin überlastet und die Haushaltslage ist angespannt. Was passiert, wenn man einfach weniger Aufwand betreibt, zeigt ein Beispiel aus dem schweizerischen Willisau. Inmitten einer Wohnanlage entstand dort eine Blumenwiese, wie man sie in unserer Industrie-Agrarsteppe kaum noch findet: mit Margarite, Kuckucks-Lichtnelke, Wiesen-Salbei und vielen anderen Arten. In der Schweiz versteht man offenbar mehr vom Geld sparen als in Berlin. Wenn alles verblüht und der Samen ausgefallen ist, kann gemäht werden. Dann blüht es auch im nächsten Jahr. Hier ist weniger wirklich mehr.
Es braucht in vielen Fällen gar keine aufwändigen Förderprogramme. Biologische Vielfalt lebt sehr oft einfach nur davon, dass wir uns in unserem Tun zurückhalten und unseren Ordnungssinn etwas zügeln. Eine Blumenwiese ist viel mehr als die Summe ihrer Pflanzenarten. Sie ist Lebensraum für eine Vielzahl von Insekten, die beispielsweise in den Blüten Nektar und Pollen finden.

 

Farbtupfer im Gleisbett

Berlin verfügt nach Melbourne und St. Petersburg über das drittlängste Straßenbahnnetz der Welt, wobei die meisten Gleise im Ostteil der Stadt liegen. Die Berliner Verkehrsbetriebe haben inzwischen rund 50 Kilometer ihrer Gleise begrünt. Grüne Gleise binden Feinstaub und Schadstoffe und verringern den Schallpegel. Immerhin auf sieben Kilometern dieser Strecke wurden verschiedene Arten aus der Familie der Dickblattgewächse gepflanzt. Wenn man im Haltestellenbereich auf diese bunten Tupfer im Straßengrau blickt, ist das Warten gleich viel angenehmer.

 

Gemeinsam vielfältig

Seit 2012 gibt es in Deutschland einen Zusammenschluss von „Kommunen für biologische Vielfalt“ (vgl. nm 4/2016)). Diesem Bündnis gehören inzwischen 250 Städte und Kommunen an. Hier kümmert man sich auf kommunaler Ebene und den Erhalt biologischer Vielfalt in urbanen Ballungsräumen und schafft damit ein Stück Lebensqualität für seine Bewohner. Im Vorwort zur Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt formulierte Prof. Kowarik folgenden Satz: Biologische Vielfalt macht glücklich! Städte wie Karlsruhe, Nürnberg, Frankfurt/Main, Mainz, Hannover, Kiel oder Magdeburg haben das erkannt und sind Mitglied. Das Bundesland Brandenburg ist nur mit Schwedt/Oder vertreten. Was ist eigentlich mit Potsdam und Berlin?

 

Roland Lehmann

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