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Sperenberger Gipsbrüche

Natur und Geschichte zum Anfassen

Schroffe Hänge, mächtige Steilwände, enge Schluchten, smaragdgrünes Wasser und fantastische Aussichten prägen eines der natur- und heimatkundlich interessantesten Gebiete Brandenburgs: die Sperenberger Gipsbrüche. Nahezu einmalig sind hier und da sogar Felsen zu entdecken. Im Zeichen der Rohstoffnutzung entstand in dem etwa 30k Kilometer südlich vom Berliner Stadtrand gelegenen Ort eine einzigartige Landschaft aus zweiter Hand. So laden die unter Naturschutz stehenden Sperenberger Gipsbrüche das ganze Jahr über zu Erkundungen und Naturspaziergängen ein.

Aus heutiger Sicht war es großes Glück, dass die Gruben nach der Einstellung der Förderung nicht mit Müll verfüllt wurden – ein Vorgehen, wie es andernorts, etwa beim Nachnutzen ehemaliger Tongruben, oft praktiziert wurde. Reizvoll sind neben den einstigen Gipsbrüchen auch der Ortskern von Sperenberg mit Kirche, Einkehr, Heimatmuseum und beliebtem Badesee.
Vor einigen Jahren wurde das Gebiet durch einen Boden-Geo-Pfad erschlossen, der auch die Klausdorfer Tongruben einschließt und derzeit wegen nicht abgeschlossener Unterhaltungsmaßnahmen nur eingeschränkt nutzbar ist. Entlang eines Netzes beschilderter Wege geben Infotafeln genauere Einblicke in die Geologie und Rohstoffförderung; ein informatives Begleitheft kann unter boden-geo-pfad.de angefordert werden.

 

Ein Tourenvorschlag

Ein reizvoller Startpunkt für eine Tour durch die Sperenberger Gipsbrüche ist die Pfarrkirche, die Mitte des 18. Jahrhunderts entstand. Für uns ist es prima, dass Sperenberg sich der einstigen Gips-Kirchhofsmauer rühmen kann, denn so haben wir eine prima Gelegenheit, das Gestein zur Einstimmung aus nächster Nähe anzusehen. Ein weiterer Blickfang ist der xx Maulbeerbaum, der ebenso alt wie die Kirche ist. Er wurde einst zur Seidenraupenzucht gepflanzt, und der Sperenberger Pfarrer konnte sich mit der Pflege des Baumes, dessen Blätter Seidenraupen ernährten, ein nicht unerhebliches Zubrot verdienen.
Am Eingang zum Kirchhof informieren gleich mehrere Tafeln über den Boden-Geo-Pfad und regionale touristische Besonderheiten. Unsere ersten Schritte führen uns über den Mühlenweg und die Gipsstraße an die offen gelassenen Gipsbrüche heran. Kurz hinter dem abzweigenden Panoramaweg tauchen wir durch schattiges Grün in die Gipsbrüche ein. Nach wenigen Schritten blicken wir auf Bruch I, hinter dem Fels- und Lehmwände fast senkrecht ansteigen. Auf der in der Mitte des Bruchs gelegenen Insel stand einst ein Seilbahnmast. Am Ende von Bruch I bietet sich die Gelegenheit, durch eine enge Gipsschlucht zum Panoramaweg emporzusteigen. Weiter an Bruch II entlang, sehen wir auf der Wasserfläche eine orangefarbene Boje schwimmen. Sie markiert den Punkt der einstmals tiefsten Bohrung in die Erde, die zwischen 1867 und 1871 an dieser Stelle fast 1.300 Meter tief vorangetrieben wurde. Eigentlich sollte die Bohrung nur Aufschluss über die Mächtigkeit des Gipsvorkommens geben; dieses betrug allerdings nur wenige Meter und war damit niederschmetternd. Allerdings wurden "nebenbei" auch Erkenntnisse über die Veränderung der Temperatur im Erdinnern gewonnen. Später ging diese Gesetzmäßigkeit als „geothermische Tiefenstufe“ in die Lehrbücher ein. Eine Gedenktafel am Ende von Bruch II erinnert daran. In Richtung Steilwand sind größere Gipsfelsen aus der Nähe anzusehen. Weiter zum Bruch III, ist unmittelbar links des Wegs ein kleiner, vor wenigen Jahren zum Ausbau der Sperenberger Hauptstraße geöffneter Gipsbruch zu sehen. Ein Stück auf der Gipsstraße gegangen, an der sich einst die Gipsmühlen aufreihten, bietet sich hinter Bruch III die letzte Gelegenheit, zum Panoramaweg emporzusteigen. Versüßt wird der Aufstieg mit zwei herrlichen Aussichtpunkten zu beiden Seiten des Weges. Dem Panoramaweg – einem schmalen Weg zwischen Feld und Böschung – können wir nun entweder nach rechts folgen, um im großen Bogen um das Faule Luch herum zurück nach Sperenberg zu kommen oder wir belassen es bei einer kurzen Wanderung und steuern den Sendeturm auf dem Gipsberg direkt an. Der Sendeturm kann bestiegen werden. Es lohnt sich, denn der Ausblick ist fantastisch – gut, wer jetzt ein Fernglas dabeihat.
Ein streckenweise reizvoll auf einem Kamm verlaufender Feldweg nimmt uns schließlich mit schönen Ausblicken zurück nach Sperenberg. Wer noch etwas Zeit übrig hat, kann in der Ortsmitte einkehren, die Heimatstube besuchen oder am Strandbad Sperenberg in den Krummen See eintauchen.


Ergeschichte/Geologie

Rund eine viertel Milliarde Jahre ist es her, dass im Erdzeitalter „Zechstein“ ein großes, sehr salziges Meer große Teile des heutigen Mitteleuropas bedeckte – ein Meer, doppelt so groß wie das Schwarze Meer unserer Tage. Am Meeresgrund sammelten sich im Lauf von Jahrmillionen die Salze zu einer mehrere hundert Meter mächtigen, sehr zähflüssigen Schicht an. Die Ablagerungen späterer Erdzeitalter ließen die Zechsteinsalze zunächst verschwinden – bis die Gletscher der Eiszeiten über sie hinweg glitten. Mit ihrem gigantischen Gewicht drückten die Eismassen den Boden zusammen. Das zähflüssige Salz suchte sich nun einen Weg nach oben, um dem Druck nachzugeben. An einigen Orten stieg es sogar bis an die Erdoberfläche empor, so geschehen in Sperenberg. Beim aus der Nuthe-Notte-Niederung herausragenden Gipsberg durchbrach das Salz sogar die Erdoberfläche. Im Kontakt mit Grundwasser war aus der obersten Salzschicht ein Gipshut entstanden. Später wurde der Gips abgebaut.
Wer heute Gipsreste sehen möchte, findet in den Gipsbrüchen noch immer hier und da anstehendes Gestein. An der Pfarrkirche begrenzt eine Gipsmauer den Kirchhof; die Steine wurden vor einigen Jahren am Westufer des Bruchs III gewonnen.



Kultur/Geschichte

Mit der Gründung Sperenbergs als deutsche Siedlung um das Jahr 1200 ist der Abbau des Gipses überliefert. Das dicht unter dem Erdboden anstehende Gestein wurde u. a. als Baumaterial im Kloster Zinna, im Bergfried der Burg Luckenwalde und an der Burg Zossen verwendet. Teils wurde das Gestein in ganzen Stücken verwendet, teils gebrannt und gemahlen. Während sich die Blöcke schwieriger transportieren ließen, war zur Herstellung des Mehls Brennholz nötig, das im Lauf der Jahrhunderte immer kostbarer wurde. Für den Transport auf dem Wasserweg wurde bereits Mitte des 16. Jahrhunderts das Nottefließ ausgebaut, im 19. Jahrhundert konnte ab dem Mellensee der noch heute bekannte Nottekanal genutzt werden. Nach dem Bau der Königlich Preußischen Miltiäreisenbahn von Berlin nach Jüterbog wurde der Gips auf dem Schienenweg transportiert. Die am Bahnhof gelegene Fabrik wurde über eine Seilbahn mit den Gipsbrüchen verbunden. Hier und da sind von ihr noch heute Reste zu entdecken.
Um auch unter dem Grundwasserspiegel liegendes Gestein abbauen zu können, wurden im 20. Jahrhundert riesige Mengen Wassers abgepumpt. Dies enthielt mehr als 2% Salz, das den Salzgehalt im Schneidegaben und im Mellensee ansteigen ließ und zunehmend zum Problem machte. Zudem brach der Boden immer wieder ein, es gab Gebäudeschäden und Erdfälle, die sich mit Wasser füllten. 1958 wurde die Förderung daher endgültig eingestellt.


Natur

Aus Sicht des Naturschutzes sind die steilen, zur Sonne gerichteten und gehölzfreien Hänge der Gipsbrüche von großem Wert. Die Böden sind stellenweise sehr kalkhaltig, was einige seltene Pflanzen gedeihen lässt. Dazu gehören Steppen-Lieschgras (Phleum phleoides), das Sand- und das Rötliche Fingerkraut (Potentilla incana und P. heptaphylla) die Karthäusernelke (Dianthus carthusianorum) sowie der Ährige Blauweiderich (Veronica spicata). Finden keine Pflegemaßnahmen, also Mahd oder Beweidung, statt, breiten sich wärmeliebende Sträucher wie Schlehdorn (Prunus spinosa), Kreuzdorn (Rhamnus cathartica) oder Eingriffeliger Weißdorn (Crataegus monogyna) aus. Botaniker haben auch mehrere Rosenarten ausfindig gemacht. Die vielen Kräuter locken eine Vielzahl an Insekten an. Wer im Sommer an den offenen Flächen entlanggeht, kann eine Fülle an Schmetterlingsarten sehen. Im Wasser kommen die brandenburgweit seltenen Moorfrösche vor. Mit etwas Geduld und Glück sind Eisvögel zu sehen, die in den steilen Böschungen brüten und im Wasser nach kleinen Fischen tauchen.

 

Info

NSG Sperenberger Gipsbrüche
Unterschutzstellung am 5. Februar 1998 (einstweilige Sicherung)
Größe: 23.77 Hektar
Lage: nördlich des Ortes Sperenberg zwischen Krummer See und Gipsberg
Links
www.boden-geo-pfad.de
www.heimatstube-sperenberg.de

 

Carsten Rasmus
Buchautor und Verleger

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