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Ausgabe 3/2017

Erbe verpflichtet

Illegaler Raubbau gefährdet letzte Buchenurwälder Europas

Anfang Juli ist es soweit. Auf der 41. Tagung des UNESCO-Welterbekomitees fällt in Krakau die Entscheidung, ob das Weltnaturerbe "Buchenurwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschlands" Zuwachs erhält. 14 Länder, koordiniert von Österreich, stellen ausgewählte Buchenwälder zur Abstimmung, die das bestehende Weltnaturerbe erweitern sollen. Der Ausgang ist ungewiss – unter anderem, weil beispielsweise in Rumänien bereits seit Jahren Buchenurwälder illegal geschlagen werden.

Rotbuchenwälder verbinden Europa wie keine andere Baumart. Sie gedeihen in Spanien, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Italien, Slowenien, Moldavien, in Rumänien, Österreich, der Ukraine und in anderen Ländern.
Rotbuchen mit all ihren Bewohnern aus dem Reich der Pilze, Pflanzen und Tiere stehen für die üppige Vielfalt des Kontinents. Sie wachsen auf Kalk, auf Grauwacke und Schiefer, auf Sandböden, als sturmzerzauste und frostgeformte Wetterbuchen auf dem Freiburger Schauinsland ebenso wie dem Mont Aigoual als höchstem Berg der Cevennen. Sie begnügen sich mit 530 Millimeter Jahresniederschlag im uckermärkischen Grumsin und lieben Mengen von 2000 Millimetern in den Höhenlagen der Karpaten.

 

Brücken des Lebens

Die wirtschaftenden Menschen haben es nicht immer gut gemeint mit dieser großen Europäerin. So würden in Deutschland ohne den Menschen auf zwei Drittel der Gesamtfläche Rotbuchenwälder stehen. Tatsächlich wachsen Rotbuchen auf 4,4 Prozent der Fläche. Buchenurwälder gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr. Buchenholz war über Jahrhunderte begehrter Rohstoff für Holzkohle, Grundlage der Metallverhüttung. Verbrannte Buche bildete als "Pottasche" die Basis für Glasproduktion.
Andere Länder sind nach wie vor mit diesen Schätzen gesegnet. Karpatenländer wie Rumänien, die Ukraine oder die Slowakei. Europäische Länder, deren Menschen gerade um ihre Zukunft, ihren Platz in Europa, um bescheidenen Wohlstand ringen.
Ein Wandel, der Jahrhunderte gelebte Traditionen mit sich reißt, unwiderruflich zerstört. Der die letzten Buchenurwälder Europas, die bis zu 6.000 Jahren ununterbrochen als Urwald bestehen, bedroht. "Wir dürfen diese Brücken des Lebens zwischen der Vergangenheit und der Zukunft nicht verlieren”, erklärte Martin Mikoláš von der Fakultät für Forstwirtschaft und Waldwissenschaft der tschechischen Universität für “Life Sciences”.
Das gilt auch für die Menschen, für alte Kulturen wie das Volk der Huzulen. Seit mehr als einem halben Jahrtausend in den Karpaten zuhause, haben sie als Hirten eng mit den Wäldern gelebt. Pilze, Beeren, Holz, Tiere, Heilkräuter, Hochweiden und Heilwasser nachhaltig genutzt. Bei einer Studienreise im Mai dieses Jahres bin ich ihnen mehrfach begegnet. Ihrer Folklore, als eine Musikgruppe mit betagten Musikern und Sängerinnen ihre lebensfroh jauchzenden Volksweisen präsentierte, ihrem Leben als Halbnomaden auf den Höhen der Karpaten.
Unsere Gruppe hat gezeltet. An einer Kapelle, vielleicht hundert Meter von einem Almhüttenkomplex entfernt. Es war regnerisch, kalt. In den Tälern tobten Gewitter, wir waren über ihnen. Als ich im späten Abendlicht das letzte Feuerholz hole, steht auf dem Erdweg knapp unter unserem Zeltplatz eine kleine halbvermummte Gestalt, ein Mädchen wohl, und bestaunt unser Treiben – für sie sicher aus einer anderen Welt. Sieben Jahre, so schätze ich ihr Alter. Und gehe sprachlos, ich möchte sie nicht erschrecken, nur mit einem freundlichen Nicken, an ihren dunklen Augen vorbei. Am nächsten Tag treibt wohl ihr Bruder, vielleicht elf, zwölf, seine Schafe und Ziegen mit schrillen Pfiffen und einem müden Hund auf die Almen. Er zeigt stolz, was er kann. Und ich denke, wenn sie jetzt nicht in die Schule können, dann bewahren sie noch eine kurze Zeit ihre Tradition und fallen danach umso härter aus der Zeit.
Später am Tag kommen wir an einem nächsten, größeren, tiefer in den Bergen wild zusammengewürfeltem Almhüttenlager vorbei. Als ich unseren heimischen Führer Miroslaw frage, ob die Alm noch bewirtschaftet sei, zuckt er mit den Schultern und meint: "Die Männer gehen zur Arbei in die Slowakei. Da verdienen sie Geld. Die Frauen und Kinder bleiben zurück, haben Gemüsegärten, ein paar Bienenvölker manchmal. Käse und Milch kaufen sie jetzt von dem Geld, das die Männer verdienen."
Und dann die Wanderung durch das Schattenparadies. Auf federndem Boden schlägt dort das Herz der Buchenurwälder. Uholka – 1908 als erstes Waldreservat geschützt, als herrschaftlicher Jagdwald. In den Morgenstunden durchdringt von halb fünf bis sieben Uhr eine ununterbrochene Kuckucks-Symphonie das Karpaten-Biosphärenreservat. Die Kuckucksuhr kann nicht aus dem Schwarzwald und nicht aus der Schweiz stammen. Hier und nirgendwo anders muss ihre Heimat sein.

 

Ausverkauf und Korruption

Wladimir arbeitet als Ranger im Biosphärenreservat. Er führt unsere Gruppe auf steilen Wegen, vorbei an Fiederzahnwurz, Hirschzunge, Aaronstab und beantwortet geduldig unsere Fragen. "Ja, wir brauchen mehr Ranger. Wir sind nur zwölf bis 15 im gesamten Uholkabezirk." Auf die Frage nach Wilderern lächelt er zögerlich: "Zuviele!" Was sie gegen sie unternehmen können? "Wir Ranger sind nicht bewaffnet, nur die Inspektoren. Es wäre auch sinnlos. Die Wilderer sind viel besser ausgerüstet. Und ein Bär bringt Fleisch, Medizin, Schädel und Fell als Statussymbole. Wir Ranger sind bei bei den Einheimischen angesehen, wenn wir als anständige Menschen handeln. Nur all die Einschränkungen durch das Biosphärenreservat sorgen für Ärger!"
Und die expansive Holzwirtschaft. Erzürnte Einwohner des kleinen Karpatenortes Bogdan haben 2016 mehrere Holzlaster angehalten. Jeder Haushalt erhält jährlich sechs bis zehn Festmeter als Feuer- und Brennholz. Für teures Geld. Der Rest geht raus aus der Region! Den Preis zahlen die Menschen vor Ort. Zahlreiche Berghänge sind entwaldet. Ohne Wald kein Wasserrückhalt, ohne Wasserrückhalt Hochwasser. Immer mehr Menschen verlieren dabei ihre Häuser.
Weit schlimmer ist dieser Exodus in Rumänien, einem Land der EU. In dem ein Sprichwort sagt, dass jeder Rumäne Bruder und jede Rumänin Schwester des Waldes ist. Nun, dann sind die illegalen Holzeinschläge in den rumänischen Karpaten Bruder- und Schwestermord. Oder nicht?
Rumänien ist Europas größter Holzlieferant. Dabei hat das Land nur noch etwa 27 Prozent der Landesfläche an Wald. Der Durchschnitt in EU-Ländern liegt bei 42 Prozent. Laut greenpeace werden in Rumänien täglich rund hundert illegale Holzeinschläge aufgedeckt. 2013 und 2014 verschwanden unrechtmäßig mindestens eine Million Kubikmeter Holz aus den Wäldern. Die Folgen sind, wenn überhaupt, milde Strafen.
Nach dem gewaltsamen Ende der Ceausescuwillkür erhielten die Bürger große Teile der Staatswälder zurück. Viele der Eigentümer verkauften ihre Wälder an Holzbetriebe. Holzdiebe nutzten zusätzlich die neuen Eigentumsverhältnisse. Rund 4000 Quadratkilometer wurden seit 1989 illegal abgeholzt.
Der Forest Stewardship Council (FSC) hat im Februar 2017 den österreichischen Holzkonzern Schweighofer ausgeschlossen. Mehrere NGOs werfen dem Unternehmen seit Jahren vor, in Rumänien systematisch illegal geschlagenes Holz einzukaufen. Viel von dem Holz geht zu uns. In die wohlhabenden Länder der EU. Für viele Rumänen bleibt bestenfalls ein Butterbrot.
Andere profitieren, wie ein rumänischer Förster dem Deutschlandfunk berichtet hat: "In den Nachbarbezirken wird illegal geschlagen, aber: Na ja, die haben die Mächtigen hinter sich. Die machen da alles. Da verdient der Chef des Forstbezirks mit, da verdient der Bürgermeister mit. Das System kann nicht funktionieren, solange die Politik in der Forstwirtschaft mitmischt. Abgeordnete, Bürgermeister, andere: Ich setze meinen Mann auf diesen Posten, du deinen auf jenen. So läuft das. Die Politiker haben sich das Holz geholt, um ihre Wahlkämpfe zu finanzieren."
Rumänien, das Land, in dem im Februar harsche Proteste gegen die eigene Regierung brandeten, die mit einem Dekret "kleinere" Korruptionsfälle im Staatsdienst entkriminalisieren wollte. Rumänien, das Land, in dem die Forstlobby ungeachtet dieser Proteste vom Parlament eine weitere Entkriminalisierung illegaler Holzeinschläge fordert.
Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einem viel gereisten Professor vor vielleicht sieben Jahren. Sein Satz "Die Ukraine ist ein völlig korruptes, fertiges Land." hat sich mir damals als Feuerzeichen eingebrannt. Ohne bis dato dieses Land bereist zu haben, holt er mich jetzt ein. Rumänien gleich mit dabei.
Ja, es gibt Menschen und Organisationen, die sich gegen das Verschwinden der letzten Urwälder Europas stemmen. Wie greenpeace. Wie eine internationale Gruppe von 30 Urwaldschützern aus sechs EU-Ländern, die im März 2017 Holztransporter im Vidraru-Einzugsgebiet im rumänischen Fagaras-Gebirge stoppten. Eines der wertvollsten Urwaldgebiete Europas. Aber das wird nicht reichen.

 

Zeichen setzen

Wenn früher Wikinger, Piraten und Plünderer mordend das Land überzogen, flammten Warnfeuer von Gipfel zu Gipfel. Ein flammender Appell um Hilfe, Verstärkung und Rettung. Was, wenn ein erstes Warnfeuer jetzt auf einem der kahlgeschlagenen Gipfel in den rumänischen Karpaten entzündet würde? Sich ausbreitete über die gesamten Karpaten, in Deutschland, Schweden, Österreich, Frankreich oder Großbritannien beachtet würde, sich endlich eine Koalition zur Rettung dieser Urwälder fände. Und dabei die dort lebenden Menschen, die Brüder und Schwestern des Waldes, mitnehmen würde. Kaum auszudenken.

Roland Schulz
Naturführer im Welterbe Grumsin

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