Hintergrundelement
Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv

Ausgabe 2/2018

Effektiv durch Überfluss

Artenhilfsmaßnahmen für Braunkehlchen in der Lenzer Wische

Deutschlandweit hat der Braunkehlchenbestand in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts rapide abgenommen. In einer zunehmend ausgeräumten Kulturlandschaft mangelt es als Folge der stetig steigenden Nutzungsintensivierung an geeigneten Habitaten für die Vögel. So fehlen in der Landschaft beispielsweise Mähwiesen mit Altgrasstreifen oder Brachen, welche die Braunkehlchen bei ihrer Ankunft in den Brutgebieten gezielt aufsuchen.

Die „Lenzer Wische“ im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe war früher flächendeckend und in großer Zahl vom Braunkehlchen besiedelt. Aktuell bewohnen höchstens noch 300 Brutpaare diesen großen Niederungskomplex entlang der Mittelelbe. Die geringen Bestandszahlen sind darauf zurückzuführen, dass die Landschaft überwiegend aus intensiv genutztem Grünland besteht. Passende Lebensräume suchen die kleinen Wiesenbrüter dort meistens vergeblich. Einzig innerhalb der Deichrückverlegung bei Lenzen bieten extensiv genutzte Wiesenflächen noch die Bedingungen, die Braunkehlchen benötigen, um dort in größerer Zahl und Dichte zu siedeln.

Überreizmethode und künstliche Singwarten

Um weiteren Bestandsrückgängen entgegenzuwirken, setzt die Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg auf zwei ihrer stiftungseigenen Flächen innerhalb der Lenzer Wische ein Artenschutzprojekt für das Braunkehlchen um. Bei den Projektflächen handelt es sich um eine nördlich von Mödlich im Deichvorland gelegene Weide sowie um eine extensiv genutzte Rinderweide innerhalb eines großen Grünlandschlags bei Wootz. Um ein ungestörtes Brüten der Braunkehlchen zu ermöglichen, erfolgt die Bewirtschaftung der Flächen nach genau definierten Pachtauflagen. Die Pächter waren vor Projektbeginn von der Stiftung über den Umfang der Artenschutzmaßnahme informiert worden und stehen dem Vorhaben aufgeschlossen gegenüber.
Das Projekt der Naturschutzstiftung setzt auf die „Überreizmethode“: Man bietet einer Art die für sie relevanten Strukturen im Überfluss an. Ziel dieser Maßnahme ist es im konkreten Fall, die Braunkehlchen auf die wiesenbrüterfreundlich bewirtschafteten Flächen zu locken, wo sie mit hoher Aussicht auf Erfolg ihrem Brutgeschehen nachgehen können.
Braunkehlchen sind sogenannte Wartenjäger: Von erhöht gelegenen Strukturen gehen sie auf die Jagd nach Insekten. Neben hoher Insektenvorkommen benötigt ihr Lebensraum daher auch geeignete hochstehende Strukturen, beispielsweise Hochstauden. Normalerweise finden sich solche Bedingungen auf Brachen, Blühwiesen bzw. Acker- oder Gewässerrandstreifen. Werden diese Flächen allerdings zu häufig genutzt oder beräumt, wie es in der modernen Landwirtschaft der Fall ist, werden sie für das Braunkehlchen als Brut- und Nahrungshabitat wertlos.
Bei dem Vorhaben in der Lenzer Wische geht es nun konkret darum, das Angebot vertikaler Strukturen deutlich zu erhöhen. Denn interessanterweise nutzen Braunkehlchen nicht nur natürliche Warten sondern eben auch künstliche Strukturen wie Koppelzäune. Bringt man also eine große Anzahl an Kunstwarten in einem geeigneten Gebiet aus, werden die Vögel von dem übermäßigen Strukturangebot angelockt. Studien haben gezeigt, dass die Anlage mehrerer kleiner Trauben mit etwa 25 bis 100 Warten pro Traube eine sehr anziehende Wirkung auf die Vögel besitzt.

Bambus anstatt Hochstauden

Kunstwarten müssen verschiedene Funktionen erfüllen: Sie müssen einen Überblick über das offene Umland erlauben und gleichzeitig ausreichend stabil sein. Zusätzlich müssen sie auch sehr schmal sein, damit sie nicht von Fressfeinden wie Greifvögeln als Ansitz genutzt werden können. Erfahrungen aus anderen Projekten zeigen, dass insbesondere Bambusstangen diesen Anforderungen Rechnung tragen und damit als Kunstwarten geeignet sind. Ein wichtiger Vorteil besteht vor allem in der einfachen Beschaffung des Materials. Nachteilig wirkt, dass die Stangen bei der Mahd nicht mit verwertet werden können und bei einer Spätnutzung der Fläche wieder entfernt werden müssen.
Die Installation der Bambus-Kunstwarten musste spätestens bis Mitte April abgeschlossen sein, denn ab dann können die ersten Braunkehlchen in ihren Brutgebieten ankommen. Über den Erfolg der gesamten Maßnahme wird allerdings erst die Erfassung der Reviere während der Brutsaison Auskunft geben.

Andere Projekte stimmen positiv

Mit Hilfe der Überreizmethode kann mit geringem Aufwand ein vergleichsweise großer positiver Effekt erzielt werden. In mehreren Regionen Deutschlands wurde diese Methode bereits vielversprechend erprobt und soll daher auch in den Projektgebieten der Lenzer Wische erfolgreich angewendet werden.


Tim Wahrenberg
Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

AKTUELLE

Ausgabe 1/2019

Pfeil blue

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe des Naturmagazins
mehr...